Ende Mai gedachten Demonstranten in Tulsa des Massakers von 1921 und des getöteten George Floyd. Dabei wurden einige Leute verletzt.

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"Wach auf, Eldoris! Wir müssen weg. Die Weißen töten unsere Leute." Vor Jahren hat Tim Madigan, ein texanischer Journalist, eine Augenzeugin namens Eldoris McClondichie interviewt, um mit ihrer Hilfe ein Buch über ein Blutbad zu schreiben, das die amerikanische Geschichtsschreibung lange verdrängt hatte.

Am 1. Juni 1921 wurde Tulsa, eine aufstrebende Stadt in Oklahoma, zum Schauplatz eines Massakers, das damit endete, dass ein komplettes Stadtviertel in Schutt und Asche lag. Als sie an der Hand ihres Vaters floh, erinnerte sich Eldoris McClondichie, hörte sie die Einschläge von Kugeln, die "vom Himmel fielen wie Regentropfen". Irgendwann habe sie begriffen, dass sie und ihre Familie sogar aus der Luft attackiert wurden.

Als es vorbei war, ragten verkohlte Schornsteine aus der Asche, hier und da das Relikt eines Küchenherds, hier und da ein angesengtes Bettgestell aus Metall. Greenwood, ein Viertel, in dem die schwarzen Bewohner Tulsas lebten, nördlich von Bahngleisen, die sie von den Vierteln der Weißen trennten, existierte praktisch nicht mehr. In späteren Berichten ist von bis zu 300 Toten die Rede.

Die meisten wurden von Kugeln getroffen, einige verbrannten in ihren Häusern. Um die 8.000 Afroamerikaner werden in Internierungslagern zusammengetrieben, in Parks, in einer Kongresshalle, einem Baseballstadion. "Black Wall Street ist Geschichte", schreibt Madigan in The Burning, der Dokumentation einer Gewaltorgie, die zu den schlimmsten der jüngeren amerikanischen Geschichte gehört, deren Aufarbeitung jedoch bis in die 1970er-Jahre gegen eine Mauer des Schweigens im weißen Tulsa prallte.

Viele Menschen flohen damals.
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Die schwarze Wall Street – es war der Versuch, einer Erfolgsgeschichte einen markanten Namen zu geben. Mit der Entdeckung von Erdöl war Tulsa, ein verschlafenes Nest im Nordosten Oklahomas, zur Boomtown avanciert. 1905 begann Glenn Pool Nr. 1 zu sprudeln, eine der ergiebigsten Quellen jener Zeit. Nicht nur weiße Siedler, die meisten aus den Südstaaten, strömten nach Tulsa, auch schwarze Amerikaner suchten dort ihr Glück. Einige brachten es zu ansehnlichem Wohlstand, sodass Greenwood, der Bezirk, in dem sie Geschäfte gründen durften, zum Synonym für die unternehmerische Energie der Nachfahren von Sklaven wurde.

Dem Hotelier O. W. Gurley gehörte das Stradford mit seinen 54 Zimmern. Der Automechaniker John Williams ließ, zu Geld gekommen, das Dreamland-Theater bauen, das erste Kino des Viertels. Der Arzt Andrew Jackson erwarb sich den Ruf, einer der besten schwarzen Chirurgen des Landes zu sein.

Neid auf den Erfolg

Im weißen Tulsa wiederum griff der Neid um sich, der den Erfolg von Rechtsanwälten, Medizinern, Kinobesitzern mit dunkler Haut nicht akzeptieren konnte. Der Ku-Klux-Klan fasste Fuß, der Geheimbund rassistischer Kapuzenmänner, der nach dem Bürgerkrieg entstanden war und 1915 mit dem Kinofilm Birth of a Nation eine Renaissance erlebte. Was sich in der Ölstadt an Ressentiments angestaut hatte, entlud sich im späten Frühjahr des Jahres 1921 in einem Blutrausch.

Begonnen hatte es am 30. Mai mit einem Zwischenfall in einem Fahrstuhl. Dick Rowland, ein schwarzer Schuhputzer, 19 Jahre alt, war auf einer der oberen Etagen eines Geschäftsgebäudes der Downtown auf die Toilette gegangen. Nach unten fuhr er in einem Lift, den eine siebzehnjährige Weiße namens Sarah Page bediente. Als sich im Parterre die Fahrstuhltüren öffneten, schrie das Mädchen, es sei angegriffen worden. Rowland, tags darauf von der Polizei verhaftet, gab zu Protokoll, er sei versehentlich auf ihren Fuß getreten, worauf sich Sarah Page so erschrocken habe, dass sie gefallen sei und er versucht habe, sie aufzufangen.

Richard Lloyd Jones, Herausgeber des Lokalblatts Tulsa Tribune, ein Sympathisant des Klans, druckt nicht nur einen maßlos aufgebauschten Bericht, er ruft auch zur Selbstjustiz auf. "To Lynch Negro Tonight" steht über seinem Leitartikel.

Weißer Mob vor dem Gericht

Rowland wird ins Courthouse gebracht, vor dessen Eingang sich ein weißer Mob versammelt, der den Sheriff Willard McCullough auffordert, den Teenager auszuliefern. In Greenwood, dem Viertel der Schwarzen, macht das Wort von einem bevorstehenden Lynchmord die Runde. Zuvor hatten aufgeputschte Bürger nach Schüssen auf einen Taxifahrer den Tatverdächtigen gelyncht, einen jungen Weißen. In Greenwood hat man Grund zu der Annahme, dass Rowland – wegen seiner Hautfarbe erst recht – ein ähnliches Schicksal droht. In drei Fahrzeugen macht sich ein Konvoi bewaffneter Männer von dort auf den Weg zum Domizil des Gerichts. Zwar gelingt es dem Sheriff, sie zu beruhigen. Doch draußen, wo abends rund 2.000 Menschen ihrer Wut freien Lauf lassen, löst sich im Streit mit der Abordnung aus Greenwood ein Schuss. Die Lage eskaliert.

Während ein weißer Mob auf das Viertel der Schwarzen vorrückt, setzen sich dessen Bewohner mit Gewehren und Revolvern zur Wehr. Letztlich haben sie keine Chance gegen die Angreifer, deren Zahl Zeitzeugen auf 10.000 schätzen. Am Morgen des 1. Juni, acht Minuten nach fünf, beginnt ein Maschinengewehr zu knattern. Es ist, schreibt Tim Madigan, das Signal zur Invasion.

Verbrannte Erde

Nach Sonnenaufgang wird Greenwood aus der Luft attackiert, von Flugzeugen, aus denen es Kugeln und Terpentinbälle hagelt. Die Leiche eines schwarzen Verteidigers des Viertels wird an einem Seil durch die Straßen geschleift. Wer Widerstand leistet, wird erschossen. Dann greifen Männer zu Fackeln. Die Angreifer, fasst Madigan zusammen, hatten es darauf angelegt, nichts als verbrannte Erde zu hinterlassen. "Es genügte ihnen nicht, Schwarze zu töten oder einzusperren. Sie mussten auch jede Spur schwarzer Prosperität auslöschen."

Erst am Mittag des 1. Juni gelingt es Einheiten der herbeigerufenen Nationalgarde, die Lage zu beruhigen. Nie zuvor, wird ihr Kommandeur, ein gewisser Charles Barrett, am nächsten Tag sagen, habe er solche Szenen erlebt: "Autos voller Waffen, deren Insassen die Straßen durchkämmten und auf alles schossen, was sich bewegte." Der Auslöser, fügte er hinzu, "war die Fantasie-Version eines Zwischenfalls in einer Zeitung, der es nur um die Sensation ging". (Frank Herrmann, 16.6.2020)