Indische Truppen bereiten sich in Baltal bei Srinagar auf die Verlegung in die Krisenregion vor.

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Der Pangong-See auf über 4.000 Meter Höhe ist eigentlich eine Touristenattraktion. Seit einigen Wochen ist er aber Schauplatz des Konflikts zwischen China und Indien.

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Neu-Delhi/Peking – Nach einem bewaffneten Zusammenstoß zwischen Truppen an der umstrittenen Grenze zwischen China und Indien sind mindestens 20 indische Soldaten tot. 17 von ihnen seien gestorben, nachdem sie bei dem Vorfall von Montagnacht schwer verwundet wurden sowie Temperaturen von unter Null Grad und großer Höhe ausgesetzt waren, wie ein indischer Armeesprecher am Dienstagabend mitteilte.

Die Eskalation ereignete sich in Galwan im Bundesstaat Ladakh. Zwischen den zwei Nuklearmächten mit den größten Bevölkerungen der Welt gibt es seit Wochen verstärkte Spannungen. China und Indien hatten 1962 einen kurzen Krieg um ihre Grenze im Himalaya geführt, den China gewann. Seither gibt es immer wieder Zwischenfälle, die aber meist ohne Opfer verliefen und durch Gespräche gelöst werden konnten. Seit mehreren Wochen stehen sich entlang des Grenzverlaufs, der nach wie vor nicht geklärt ist, tausende Soldaten beider Armeen gegenüber. Es gab kürzlich mehrere Verletzte nach Faustkämpfen und Steinwürfen.

Auch chinesische Opfer zu beklagen

China bestätigte die Berichte über Todesopfer bisher nicht. Ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums sagte am Dienstag, dass Indien am Montag zweimal die Grenzlinie "für illegale Aktivitäten" übertreten habe, was zu einem "ernsthaften physischen Konflikt" geführt habe. Hu Xijin, Chefredakteur der staatlich kontrollierten "Global Times", postete auf Twitter, dass es auch auf chinesischer Seite Opfer gegeben habe.

Laut indischen Medien liegt die Opferzahl höher als bisher berichtet,

Erste Todesopfer seit 1975

Nach Angaben der indischen Armee treffen sich aktuell hochrangige Armeevertreter in Galwan, um die Situation zu entschärfen. Laut indischen Medien ist bei dem Zwischenfall kein Schuss gefallen, die Soldaten beider Länder sollen mit Steinen und dergleichen aufeinander losgegangen sein.

Seit 1975 ist es zu keinem Schusswechsel entlang der Grenze mehr gekommen, und kein Soldat war seitdem getötet worden. Verschiedene Abkommen zwischen Peking und Neu-Delhi sollen Eskalationen verhindern.

Der Sprecher der oppositionellen Kongresspartei, Randeep Surjewala, nannte den Zwischenfall in einem Tweet "schockierend" und "inakzeptabel".

Umstrittene Grenze als Ursache

Bereits vor knapp zwei Wochen hatten sich die beiden Länder auf den aktuellen Deeskalationsprozess geeinigt, nachdem sich an verschiedenen Punkten der Grenze Soldaten gegenübergestanden waren. Laut indischen Medien waren chinesische Soldaten im Osthimalaja in Sikkim und im Westhimalaja beim Pangong-See, in Demchok und in Galwan auf indisches Territorium vorgedrungen. China dementierte und verwies darauf, dass Indien auf chinesischem Territorium Infrastruktur errichtet habe. Den Kern des Problems macht die 3.500 Kilometer lange gemeinsame Grenze aus, über die es an verschiedenen Punkte unterschiedliche Auffassungen gibt. 1962 war es zu einem Krieg zwischen beiden Ländern gekommen, den Indien verlor.

Die Satellitenbilder vom 1. April (Links) und 17. Mai zeigen, wie China den Flughafen Ngari Günsa ausbaut.
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In den vergangenen Jahren rüsteten sowohl China als auch Indien wieder verstärkt entlang der Grenze auf. 2017 kam es im Sommer zu einem fast drei Monate andauernden "Standoff" am Doklam-Plateau bei Bhutan, der friedlich gelöst werden konnte.

Vor allem eine Straße, die Indien entlang der Grenze in Galwan baut, soll der chinesischen Regierung ein Dorn im Auge sein. (saw, red, 16.6.2020)