In Tel Aviv ist das Nachtleben wieder im Gange. Nun droht die zweite Infektionswelle.

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Es schmerze sie, das auszusprechen, aber "das Virus kommt zurück": Es ist ein eindringlicher Appell, den Israels oberste Beamtin für öffentliche Gesundheit, Sigal Sadetzky, am Dienstag formulierte. Allein von Montag auf Dienstag gab es 216 bestätigte neue Fälle im Land. Zum Vergleich: Vor dem neuerlichen Anstieg Ende Mai lag Israel stets unter der Schwelle von 100 Neuinfektionen.

Die Warnung der Ministerialbeamtin schlägt prompt ein. Zumindest in den Headlines der Medien. Die Menschen auf der Straße tun hingegen so, als hätte es nie eine Pandemie gegeben. Während sie in den Gastgärten Tel Avivs dicht an dicht sitzen und sich von unmaskierten Kellnern Eiscafé und Limonade servieren lassen, streichen Polizeistreifen vorbei und sagen nichts."Ich mache der Öffentlichkeit keinen Vorwurf", sagt Bruria Adini, Professorin für Disaster Management an der Tel Aviv University zum STANDARD.

Die Ignoranz der Leute sei eine direkte Folge der falschen Krisenkommunikation. Von Anfang an habe die israelische Regierung auf Horrorszenarien gesetzt, um die Menschen das Fürchten vor dem Virus zu lehren: "Tausende Tote" hatte Premier Benjamin Netanjahu Anfang April in Aussicht gestellt. Zweieinhalb Monate später steht Israel bei 302 Corona-Toten. "Die Menschen sehen, es war alles nicht so schlimm wie befürchtet", sagt Adini. Und nichts vergifte die Bereitschaft, sich mühsamen Präventionsmaßnahmen zu unterwerfen, so nachhaltig wie eine leere Drohung.

Öffnung der Schulen

Das Wiederaufflammen der Infektionen sei aber weniger dem Präventionsschlendrian der Leute zu verdanken als der Öffnung der Schulen im Mai. Die überwiegende Zahl der Neuinfektionen seither ging auf das Konto von Schülern und Lehrern. 171 Schulen sind derzeit gesperrt, nachdem sie den Betrieb im Mai wiederaufgenommen hatten. Von einer tatsächlichen zweiten Welle will Bruria Adini dennoch nicht sprechen. Das sei erst der Fall, wenn neben den neuen bestätigten Fällen auch die Zahl der Patienten in kritischem Zustand "signifikant ansteigt".

Eine Umkehr empfiehlt die Professorin hingegen den Krisenkommunikatoren der Regierung: Anstatt mit Drohbotschaften zu arbeiten, sollte den Menschen vermittelt werden, was sie persönlich beitragen können, "um ihre Liebsten zu schützen", sagt Adini. Die Anleitungen sollten klar und nachvollziehbar sein. Derzeit könne sich niemand erklären, warum in Israel zwar Busse fahren, Züge aber nicht. Diese gefühlte Willkürlichkeit trage dazu bei, dass es die Menschen mit den Regeln lockerer nehmen, als es die Situation erfordert.

Indes hat die israelische Regierung einen Milliardendeal mit der US-Biotech-Firma Moderna unterzeichnet. Wenn das Unternehmen, wie angekündigt, im kommenden Jahr einen Covid-19-Impfstoff auf den Markt bringt, will Israel nicht zu jenen gehören, die wegen Lieferengpässen leer ausgehen. (Maria Sterkl aus Tel Aviv, 16.6.2020)