Die Nationalbibliothek am Wiener Heldenplatz ist eine der größten Universalbibliotheken Europas. Historiker arbeiten ihre ereignisreiche Geschichte auf.
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Betritt man das Hauptgebäude der Österreichischen Nationalbibliothek am Wiener Heldenplatz, kann man sich kaum des Gefühls erwehren, dass dieses Archiv viel zu groß ist für das kleine Land, in dem es steht. Tatsächlich mutet es erstaunlich an, dass in Wien eine der größten Universalbibliotheken Europas zu finden ist – mit Sammlungen, die die Grenzen Österreichs bei weitem übersteigen. Kann und soll ein kleines Land so eine große, multinationale Bibliothek beheimaten? Diese Frage stellte sich in aller Dringlichkeit nach Ende des Ersten Weltkrieges. Wie sich der Transformationsprozess der einstigen Kaiserlichen Hofbibliothek zur Nationalbibliothek, wie wir sie heute kennen, vollzog, erforschen Historiker der Nationalbibliothek in einem durch den Wissenschaftsfonds FWF finanzierten Projekt.

Vorangegangen waren dem Vorhaben zwei frühere Forschungsprojekte, die sich mit der Gründung der Kaiserlichen Hofbibliothek 1368 und der weiteren Entwicklung zu einer wissenschaftlichen Bibliothek im 18. Jahrhundert beschäftigt haben. Das aktuelle Projekt deckt den Zeitraum 1918 bis heute ab – und wagt Blicke in die Zukunft.

Auf diesem Plakat der Nationalbibliothek von 1920 wurde auf Vorträge hingewiesen.
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Juristisches Vakuum

"Die Hofbibliothek wurde quasi über Nacht von einer Bibliothek eines riesigen Reiches zur Nationalbibliothek eines Kleinstaates", schildert Projektleiter Hans Petschar die Zäsur der Bibliothek im Jahr 1918. "Von ihrer Sammlungsgeschichte her war die Bibliothek unauslöschlich mit dem Schicksal der Habsburger-Dynastie und der österreichisch-ungarischen Monarchie verbunden." Nach dem Zerfall der Monarchie waren daher viele rechtliche Fragen zu klären: Welche Rechtsansprüche hatten die Nachfolgestaaten auf die Sammlungen, welche Ansprüche konnten die Habsburger geltend machen? Zudem wurde diskutiert, welche Rolle die Nationalbibliothek im neuen Kleinstaat spielen könnte.

Spätestens mit der Verzichtserklärung von Kaiser Karl auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften vom 11. November 1918 war die Monarchie Geschichte und die Hofbibliothek "de facto von der völligen Auflösung bedroht", berichtet Petschar, der die Ereignisse mit seinen Kollegen Thomas Huber-Frischeis und Valenta Rainer aufgearbeitet hat. "Durch die Ansprüche der Nachfolgestaaten stand die Aufteilung der Sammlungen im Raum." Im September 1919 kam es bekanntlich zur Vertragsunterzeichnung in Saint-Germain. Der Friedensvertrag sah für Kulturgüter vor, dass diese in jenen Ländern zu verbleiben haben, wo sie sich vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs befunden haben. "Das war die Rechtsgrundlage, damit die Bibliothek bestehen bleiben konnte", sagt Petschar. 1921 wurde die Nationalbibliothek als Institut rechtlich erfasst, und das juristische Vakuum, in dem sie sich zuvor befunden hatte, war beendet.

Nach dem Zerfall der Monarchie war der Fortbestand der Nationalbibliothek unklar – im Bild: Nationalbibliothek um 1920 am Josefsplatz.
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Typisch österreichische Lösung

Die politische Diskussion um die Identität der Nationalbibliothek stand Anfang der 1920er-Jahre gerade erst bevor. Eine "typisch österreichische Lösung" fand sich jedenfalls bei der Namensgebung der Bibliothek, wie Petschar berichtet: "Politiker und Bibliothekare waren der Meinung, dass sie nicht Österreichische Nationalbibliothek heißen könnte, da es ja keine österreichische Nation gebe." So ließ man die Zuschreibung "Österreichische" einfach weg und nannte die einstige Hofbibliothek kurzerhand "Nationalbibliothek".

Durch den "Anschluss" Österreichs an Nazideutschland am 12. März 1938 begann auch ein dunkles Kapitel in der Geschichte der Nationalbibliothek. Bereits am 16. März 1938 wurde der überzeugte Nationalsozialist Paul Heigl mit der Leitung der Nationalbibliothek beauftragt. Sein Vorgänger Josef Bick wurde von der Gestapo an seinem Schreibtisch verhaftet und im KZ Dachau interniert. Bis zu seinem Suizid 1945 kam es unter Heigls Leitung zu unrechtmäßigen Beschlagnahmungen von jüdischem Eigentum. Das Raubgut umfasste beispielsweise die Privatbibliothek von Alphonse de Rothschild, die Musikaliensammlung Gottlieb Kaldecks oder die Fotosammlung Raoul Kortys. Im Rahmen des Kunstrückgabegesetzes von 1998 bemüht sich die Bibliothek bis heute um Restitution an die rechtmäßigen Erben.

Österreichischer Patriotismus

Josef Bick wurde im Juli 1945 erneut zum Direktor ernannt. Eine seiner ersten Amtshandlungen betraf die Umbenennung der Nationalbibliothek in Österreichische Nationalbibliothek. In seinem Antrag dazu an das Staatsamt für Volksaufklärung, Unterricht, Erziehung und Kulturangelegenheiten skizzierte Bick die zentralen Aufgaben der Bibliothek in der jungen Zweiten Republik: "… dass die Nationalbibliothek ihrer Hauptaufgabe der Pflege und Förderung eines selbstbewussten österreichischen Patriotismus vor allem damit dienen kann, dass sie alles das, was sich auf österreichische Geschichte, Literatur, Musik und Kunst bezieht und was von österreichischen Autoren geschaffen wurde, vor allem und möglichst vollständig sammelt, … und dass es deshalb angebracht wäre, diese Hauptaufgabe der Nationalbibliothek durch Änderung des Titels in ‚Österreichische Nationalbibliothek‘ auch äußerlich zu unterstreichen und herauszustellen." Entsprechend der Linie der damaligen Politik besann sich auch die Nationalbibliothek auf ihre habsburgische Geschichte und entwickelte einen starken Österreich-Fokus.

Die Entwicklung der Österreichischen Nationalbibliothek in der Zweiten Republik ist von einer großen Öffnung gekennzeichnet. Die lateinische Inschrift über dem Eingang am Josefsplatz betont den Nutzen der Bibliothek für das Gemeinwohl. "Das ist so interpretiert worden, dass die Bibliothek schon im 18. Jahrhundert öffentlich genutzt werden konnte", sagt Petschar. Tatsächlich wurde sie damals hauptsächlich von Gelehrten genutzt und Personen, die Zugang zum Hof hatten. Interessanterweise war die Bibliothek aber in jedem Reiseführer der damaligen Zeit zu finden und bereits vor 1800 ein beliebtes Besuchsziel von Wien-Touristen. Der erste große öffentliche Lesesaal, der Augustinerlesesaal, wurde aber erst im 20. Jahrhundert eröffnet.

Diese Aufnahme aus der Collection Viktor Harrandt zeigt die Kataloghalle am Heldenplatz im Jahr 1966.
Foto: Bildarchiv ÖNB

Digitalisierung als Zukunftschance

In den Anfängen der Zweiten Republik erfolgte der Kontakt zur Öffentlichkeit vor allem über Veranstaltungen und Ausstellungen. Ein wichtiger Schritt war die Aufstellung der Zettelkataloge im Foyer der Bibliothek am Heldenplatz, die es den Benutzern erstmals ermöglichte, eigenständig die Bestände durchforsten zu können. Zuvor hatte es dazu der Bibliothekare bedurft.

Screenshot des digitalen Lesesaals der Österreichischen Nationalbibliothek.
Foto: Screenshot/ÖNB

Ein noch wichtigerer Schritt setzte in den 1990ern mit der Digitalisierung ein. Der Katalog ist schon längst online verfügbar, Mitte März dieses Jahres wurde der digitale Lesesaal um 1,2 Millionen Objekte erweitert. "Die Bibliothek ist einem großen Veränderungsprozess unterworfen, der durch die Covid-Situation noch einmal verstärkt wird", sagt Petschar. In der Digitalisierung sieht der Historiker eine "große Aufgabe", aber auch eine "große Zukunft" für die Österreichische Nationalbibliothek. "Die Krise kann eine Chance sein, verstärkt Dinge umzusetzen, die wir ohnehin schon länger im Auge haben, und damit auch zur gesellschaftlichen Entwicklung beizutragen." (Tanja Traxler, 22.6.2020)