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Diese Kolumne kommt eine Woche zu spät, ich wollte ihr noch eine Chance geben. Meine Tochter hat mir vergangenen Sonntag nicht zum Vatertag gratuliert. Die Ausrede, dass sie erst 17 Monate alt ist, nicht weiß, was Vatertag und was gratulieren heißt, kann ich nicht gelten lassen. Immerhin kann sie auch schon Keksle (sie ist Halbvorarlbergerin) verlangen. Sie hat den Streit angefangen, hier kommt meine Rache.

Weltweiter Verzicht

Ich habe viel für sie aufgegeben. Seit sie da ist, habe ich keine Zeit mehr, um an meinem Roman zu schreiben. Den Schaden hat die Welt. Sie wird auf mein Werk über eine Karotte, die in einer Welt lebt, in der jeder das ist, mit dem er oder sie ermordet worden ist, verzichten müssen. Es wäre eine Mischung aus Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften" und den Brenner-Krimis von Wolf Haas geworden, hätte sich nach tausend Seiten in brillanten Aufzeichnungen verloren.

Der Welt entgeht auch das Debütalbum meiner Band: ein Konzeptalbum über einen Menschen, der nicht mehr aufhören kann zu weinen, seine Tränen in Flaschen sammelt und sie unter anderem an seine verflossenen Lieben schickt, die an seiner Traurigkeit zerbrachen – am Schluss stirbt er an Dehydration. Bombastisch produzierte Romantik-Hymnen ("Room of Tears") hätten sich mit wundervollen Kleinoden auf der Ukulele und Blockflöte ("Sad Sex Part II") abgewechselt. Vielleicht hätte ich auch ein Roy-Black-Coveralbum aufgenommen.

Jetzt könnte meine Tochter einwerfen, dass ich seit 15 Jahren an dem Buch arbeite und zwölf Seiten geschafft habe (herkömmlich formatiert sind es vier). Sie könnte bemerken, dass ich kein Instrument spiele und weder komponieren noch singen kann. Sie könnte sagen, dass sie seit ein paar Monaten durchschläft, sie tagsüber im Kindergarten ist und ich, statt wieder Billardspielen und Biertrinken zu gehen, doch auch am Abend schreiben, ein Instrument lernen oder Gesangsunterricht nehmen könnte. Wenn sie aber irgendwas davon macht, dann hätte sie mir auch einfach zum Vatertag gratulieren können. Dass ein Kind so viel Verzicht bedeutet, war mir nicht bewusst – dabei hatte ich mir die Entscheidung, mich fortzupflanzen, nicht leicht gemacht.

Fortpflanzungs-Feldstudie

In den zehn Jahren vor der Geburt meiner Tochter habe ich recherchiert. In unzähligen Bars habe ich unzähligen Menschen eine Frage gestellt: Bereust du es, dass du ein Kind gemacht hast? Ich kann mich an nur eine Person erinnern, die herumdruckste, von der Verantwortung, der schlaflosen Zeit, der zerbrochenen Beziehung und der Leichtigkeit davor lallte. Alle hunderten anderen reagierten zuerst verwirrt, kurz brüskiert und ergaben sich danach in minuten- bis stundenlangen Schwärmereien über bestandene Lehren und Studien, Liebe und Nähe, Stolz und erfülltes Leben.

Das Ergebnis meiner Befragung bei Kinderlosen war nicht so eindeutig. Da waren Weltumsegler und Firmenchefs, überzeugte Singles bis ins hohe Alter, sehr gute Dartspieler und Hälften kinderloser Kleinfamilien, die ihr Leben als die Manifestation des puren Glücks und der Freiheit beschrieben. Über ihre fortgepflanzten Freunde in deren Kinderhöllen amüsierten sie sich. Doch der Großteil der Befragten bezeichnete die Kinderlosigkeit als den einzigen und größten Fehler ihres Lebens. Für einen risikoaversen Menschen ließen die Ergebnisse meiner Feldstudie nur einen Schluss zu: Ich musste ein Baby machen.

Das erste Jahr mit meiner Tochter war das schwierigste meines Lebens. Ich durfte nur stündchenweise schlafen. Ich habe hunderte Handgriffe gelernt, die ich, sobald ich sie beherrschte, nie wieder brauchen würde. Ich habe mit meiner Freundin (fast) nur noch über Milch, Windeln und Kinderarzttermine gesprochen. Ich habe eine fürchterliche Angst, die nie wieder weggehen wird, dass meiner Tochter was zustößt. Menschen, die mir sagen, wie schön das alles ist, dass es viel zu schnell vergeht und dass ich diese Zeit vermissen werde, lügen, sind vergesslich oder Masochisten.

Ich will's aber auch nicht rückgängig machen. Erstens, weil ich glaube, meine Tochter wird mir nächstes Jahr was Schönes zum Vatertag zeichnen, und zweitens, weil meine Tochter vermutlich witziger, klüger und bewegender als mein Buch oder meine Band sein wird – und der beste Mensch der Welt ist. Ich mag den Gedanken, dass das wohl jeder der von mir Befragten über seine Kinder sagen würde – auch wenn nur ich recht habe.

Peter Sim ist Leiter der Abteilung Datenjournalismus bei "Dossier". Die Ergebnisse seiner bisher längsten Recherche, der an seiner Tochter, lesen Sie jeden zweiten Sonntag online im STANDARD, sein Karenztagebuch auf
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