In ihrem kürzlich erschienenen Blogebeitrag im Ökonomieblog, “Was hat das Wirtschaftswachstum je für uns getan?”, arbeiten sich zwei Professoren der WU Wien an der Postwachstumstheorie ab. Leider bedienen sie dabei, wie andere auch, gängige Missverständnisse und Klischees. Degrowth- und Postwachstums-Konzepte werden durchaus nicht nur “an obskuren Rändern der ‘Akademia’ oder in einschlägigen Foren” diskutiert, wie es im Beitrag heißt, sie sind Teil akademischer Debatten. Die Arbeiten von Forscherinnen wie Julia Steinberger oder Giorgos Kallis sind laut Web of Science zum Beispiel ähnlich häufig oder häufiger zitiert als die der beiden Autoren, die sie und ihre Kolleginnen an den Rand der Akademie verweisen möchten. Viele Elemente einer Postwachstums-Ökonomie finden sich etwa in Kate Raworths Bestseller "Doughnut Economics" und in Barcelona gibt es sogar einen Degrowth-Masterstudiengang. Die Wahrscheinlichkeit - oder in den Augen der Autoren wohl eher die Gefahr - der realpolitischen Relevanz der Konzepte ist also durchaus hoch genug, um die drei wichtigsten Fehleinschätzungen der Autoren richtigzustellen.

Drei Fehleinschätzungen

Erstens: Eine Rezession hat mit Degrowth (oder Postwachstum) wenig gemein. In beiden Fällen stagniert oder fällt das Bruttoinlandsprodukt. Das war es mehr oder weniger schon mit den Gemeinsamkeiten. Degrowth-Theoretiker und Theoretikerinnen beschäftigen sich mit einer demokratisch geplanten Abkehr vom Wirtschaftswachstum. Diese Planung braucht es, um die negativen Effekte, die in einer Rezession zu beobachten sind, zu verhindern. Es geht also um eine grundsätzliche Umgestaltung des Wirtschaftssystems und der damit verbundenen Dynamiken. Die Autoren des Beitrags hingegen argumentieren vom Standpunkt des Status quo und setzen den wachstumsabhängigen Kapitalismus mit “der Wirtschaft” gleich. Das innerhalb dieses Systems keine Abkehr vom Wachstum möglich ist, ist eine Binsenweisheit. Darauf abzustellen ist intellektuell bequem und ein einfacher Weg, um dringend notwendige Debatten abzuwürgen. Genau so sollte Wissenschaft nicht funktionieren.

Zweitens: Vorschläge von Postwachstumsökonomen und -ökonominnen gehen einher mit grundlegenden Änderungen der ökonomischen Strukturen, die dem Wachstumsimperativ zugrunde liegen, zum Beispiel Eigentumsverhältnisse, Ungleichheit und Geldsystem. Wenn diese Variablen gleich bleiben, ist natürlich auch Wachstum notwendig, um Beschäftigung und Armutsbekämpfung zu ermöglichen. Im Kapitalismus muss der Kuchen ein ganzes Stück größer werden, damit ein paar Krümel für die Menschen abfallen, die auch heute noch in extremer Armut leben. Doch das ist kein Naturgesetz, sondern eine Eigenschaft des Systems. Es wäre schon jetzt möglich, die gesamte Weltbevölkerung zu ernähren oder Armut zu beenden. Stattdessen reicht ein Virus, um eine halbe Milliarde Menschen der Gefahr extremer Armut auszusetzen. Das zeigt, dass es nicht reicht, sich bei diesen Fragen auf das Wirtschaftswachstum zu verlassen. Es braucht eine fundierte Auseinandersetzung mit der Funktionsweise des Kapitalismus, statt seiner wissenschaftlichen Naturalisierung. Dann könnte auch eine Diskussion über benötigte Innovationen zur sozial und ökologisch nachhaltigen Gestaltung der Weltwirtschaft zustande kommen. Stattdessen werden im Artikel ökonomische und demokratische Freiheit gleichgesetzt, empirische Korrelation als kausaler Zusammenhang dargestellt und die Abschaffung der Demokratie als notwendige Bedingung einer Postwachstumsgesellschaft konstatiert.

Es bedarf größerer Schritte in der Klimapolitik in puncto Wirtschaft.
Foto: REUTERS/Pascal Rossignol

Drittens: Die geforderte “Politik der kleinen Schritte” wäre vielleicht 1972, bei Erscheinen des ersten Berichts des Club of Rome, eine Option gewesen, hätte man damals die sich schon abzeichnenden Umweltprobleme und die Grenzen des Wachstums ernst genommen. 2020 aber ist laut führenden Klimawissenschaftern das entscheidende Jahr, um eine Klimakatastrophe abzuwenden. Es braucht also keine kleinen Schritte, sondern einen Sprint. Selbst William Nordhaus, der den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften für seine Arbeiten zur Klimaökonomik gewann, räumt ein, dass die weitreichenden Effekte der Klimakrise noch unzureichend verstanden und seine Berechnungen zu wirtschaftlich "idealen" Erwärmungspfaden von großen Unsicherheiten geprägt sind. Die von ihm angesprochenen Effekte werden naturwissenschaftlich als Kipppunkte bezeichnet. Einmal erreicht, geraten Umweltveränderungen außer Kontrolle und werden zur Gefahr, die sich einer Kosten-Nutzen-Rechnung vollends entzieht. Gleichzeitig gibt es nach wie vor keine belastbare Evidenz für ausreichende Entkopplung des Zusammenhangs zwischen Wirtschaftswachstum und erhöhtem CO2-Ausstoß auf globaler Ebene, auch wenn Rufe nach “nachhaltigem Wachstum” dies suggerieren. 

Wir brauchen einen Sprint

Wer Klimakrise und Umweltzerstörung ernsthaft entgegentreten will, darf sich also nicht davor scheuen, das gegenwärtige Wirtschaftssystem fundamental in Frage zu stellen. Man sollte hier ehrlich sein: Das Festhalten am Wachstum umstrittenener Messwerte als conditio sine qua non der Wirtschaftspolitik verhindert die Entwicklung und Umsetzung intelligenter Politik. Im Gegensatz dazu leistet die Forschung von ökologischen- und Postwachstum-Ökonomen und Ökonominnen einen wichtigen Beitrag zu Debatten rund um die Frage, wie das globale Wirtschaftssystem sozial und ökologisch nachhaltig gestaltet werden kann. (Katharina Keil, 23.6.2020)

Katharina Keil studiert Sozial-ökologische Ökonomik an der Wirtschaftsuniversität Wien und engagiert sich für Klimagerechtigkeit. Sie beschäftigt sich mit ökologischer Ökonomik und Mobilitätstransformation, sowie deren gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen.