Nicht erst seit dem Corona-Homestudying sind unredliche Praktiken bei Prüfungen im Universitätsbereich ein Thema – aber die Distanz bietet zusätzliche Möglichkeiten.

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Das Coronavirus hat auch die Universitäten zum Lehren und Lernen auf Distanz gezwungen. Videovorlesungen und virtuelle Seminare hielten Einzug – und damit ein neues Problem: Wie kann man auf Distanz Prüfungen abhalten, die den üblichen Standards entsprechen? Wie lässt sich verhindern, dass daheim unkontrolliert geschummelt und dazu zum Beispiel in den Untiefen von Google gewildert wird?

Fast schon plagiatsfreundlich

Einer, der sich seit vielen Jahren mit dem Thema "gute wissenschaftliche Praxis" beschäftigt und im deutschsprachigen Raum als "Plagiatsjäger" bekannt wurde, ist der Medienwissenschafter Stefan Weber. Die Umstellung des Unibetriebs auf Distanz-Modus habe "das Thema noch dringlicher gemacht, auch wenn es schon vorher virulent war", sagt der Plagiatsgutachter im STANDARD-Gespräch: "Es ist ein Faktum, dass wir im internationalen Vergleich noch immer zu mild, zu sanft im Umfang mit Schummlern sind, fast schon plagiatsfreundlich. Österreich ist das fehlverhaltenfreundlichste Land, was wissenschaftliches Arbeiten anlangt."

Distanzprüfungen bieten da ein neues Einfallstor für unredliche Umgehungsstrategien. Weber, der Lektor an der Uni Wien und an der TU Wien ist, hat daher vor kurzem an der TU Wien gemeinsam mit dem Juristen Markus Haslinger den Arbeitsschwerpunkt "Gute wissenschaftliche Praxis" gegründet und einen Leitfaden erarbeitet, mit dem "gute wissenschaftliche Praxis bei elektronischen ,Distanzprüfungen‘" sichergestellt werden soll. Lehrende erfahren, wie sie Plagiate und "Collusion", also unerlaubte Gruppenarbeiten im Hintergrund etwa via Whatsapp, Ghostwriting und Contract-Cheating erkennen und dann auch sanktionieren können.

In Deutschland drohen Exmatrikulation oder bis zu 50.000 Euro Geldbuße

Wobei Sanktion hierzulande im Vergleich etwa zu deutschen Bundesländern ohnehin relativ ist, sagt Weber. Wo in Österreich das Äußerste eine Sperre für maximal zwei Semester ist, droht in Baden-Württemberg bei einem Verstoß die Exmatrikulation oder in Nordrhein-Westfalen eine Geldbuße von bis zu 50.000 Euro. Im österreichischen Unigesetz wurde dagegen erst 2015 hineingeschrieben, was man überhaupt unter Plagiat zu verstehen hat. Das Bewusstsein sei bis heute kaum vorhanden, erzählt Weber von einer aktuellen Probeklausur an der Uni Wien im zweiten Studiensemester, "bei der niemand korrekt zitieren konnte".

Er unterstützt denn auch die Neos-Forderung nach einer in allen Studienplänen verankerten Pflichtveranstaltung "Gute wissenschaftliche Praxis" für alle Studierenden. Die Gründe für Plagiate reichten von "schlechtem Zeitmanagement über Notendruck bis zu mangelnder Recherchefähigkeit und Unsicherheit in der Zitierweise", schreibt Neos-Bildungssprecherin Martina Künsberg-Sarre im pinken Entschließungsantrag an den Nationalrat.

Sie haben es nie gelernt

Weber bestätigt aus seiner eigene Lehrpraxis, dass es neben den vorsätzlichen Schwindlern sehr wohl auch Studierende gibt, "die offen sagen: Wir haben das echt nie gelernt." Verpflichtende Seminare für wissenschaftlich redliches Arbeiten würden "den Leuten auch Unsicherheit nehmen – und für die absichtsvollen Durchwurschtler hätten solche Seminare abschreckendes Potenzial."

Was aber tun bei den mehr oder weniger unsichtbar und damit weniger kontrollierbar als bei physischen Rundgängen durch die Reihen der Prüflinge ablaufenden Distanzprüfungen? Plagiatssoftware einsetzen, sagt Weber: "Die Schnittstelle zwischen den Learning-Management-Systemen, auf denen Studierende alle Arbeiten hochladen, und der Plagiatssoftware ist das Wichtigste, um wissenschaftlichen Betrug aufzudecken." Gibt es die nicht, bleibt den Lehrenden mitunter auch nur Dr. Google, um Plagiate herauszufischen – bei mitunter 200 Klausuren nicht seriös machbar.

"X" für einen Schummelversuch

Von welcher Dimension ist überhaupt die Rede? Bei Weber selbst bleiben zwischen ein und zehn Prozent der Klausuren und Arbeiten wegen Plagiaten "unbeurteilt" – sie erhalten ein "X" für einen Schummelversuch. "Während eines Semesters werden im Schnitt drei von 30 Bachelor-Seminarteilnehmenden mit einem X verabschiedet." Bei Klausuren kommen zwei bis drei Plagiate auf 50 bis 70 Teilnehmer: "Hochgerechnet aufs Semester sind das tausende", verdeutlicht Weber das Ausmaß des Problems: "Und wir wissen ja nicht, wie viele wir trotz Software nicht erwischen. Und wie viele Lehrende die Software gar nicht einsetzen."

Alleine an der Uni Wien, der größten Universität des Landes, wurden zwischen Mitte März und Ende Mai rund 45.000 Prüfungsleistungen digital erbracht, heißt es auf STANDARD-Anfrage. Man habe im März mit Videoprüfungen begonnen und Ende April dann digitale schriftliche Prüfungen ermöglicht, sagt Vizerektorin Christa Schnabl: "Wir sind überzeugt, dass Studierende so das Sommersemester bestmöglich für ihren Studienfortschritt nutzen können." Seit Ende Mai finden wieder analoge Prüfungen statt.

Take-Home-Exams und Open-Book-Klausuren

Als digitale Prüfungsvarianten empfiehlt die Uni Wien sogenannte Take-Home-Exams, da diese sich "neben der mündlichen Prüfung am besten für digitales Prüfen eignen". Die Studierenden seien dabei unabhängiger von kurzfristiger Netz(in)stabilität und können sich die Aufgaben innerhalb eines gewissen Zeitrahmens selbst einteilen. Ein Format, das Stefan Weber auch an der TU Wien praktiziert. "Die Leute bekommen dann knifflige Fragen, die man nur mit Literatur bearbeiten kann, haben eine Woche Zeit und laden es dann fertig hoch."

Die Uni Wien empfiehlt weiters digitale schriftliche Prüfungen mit offenen Fragen zum Download. Bei diesen Open-Book-Klausuren sind alle Hilfsmittel der guten wissenschaftlichen Praxis erlaubt. Im Einsatz, so wurde dem STANDARD mitgeteilt, seien auch noch weitere Formate, etwa Online-Multiple-Choice-Prüfungen.

Digitale Schwindelgruppen

Die hält Plagiatsforscher Weber allerdings für ein Problem: "Damit ist dem Schwindeln Tür und Tor geöffnet. Wie soll man da vermeiden, dass mit Google und Whatsapp geschummelt wird?"

Seine Empfehlung lautet: "Je mehr sich in den virtuellen Raum verlagert, desto mehr müssen wir mit dem virtuellen System arbeiten. Plagiatssoftware ist ein unabdingbarer Bestandteil, bevor man benotet. Es darf keine Uni mehr geben, die keine Plagiatsprüfung in ihr System integriert hat." (Lisa Nimmervoll, 19.6.2020)