Ambrose Akinmusire: eigenwillig, engagiert und fleißig.

Foto: Emra Islek

Auf dem in Schwarz-Weiß gehaltenen Cover seiner neuen Einspielung verweigert Ambrose Akinmusire den Blickkontakt. Mit geschlossenen Augen scheint er eine Schweigeminute für den ermordeten George Floyd zu absolvieren. Ist zeitlich jedoch unmöglich. on the tender spot of every calloused moment wurde vor dem letalen Übergriff der US-Polizisten fertiggestellt, der zu globalen Protesten geführt hat.

Andererseits wäre nichts falscher, als Akinmusires Coverstil als Ausdruck einer weltabgewandten Meditation abseits politischen Engagements zu deuten. Der Trompeter aus Oakland reflektiert und verarbeitet in seiner Kunst von jeher auch die Komplexität afroamerikanischen Lebens in einem Land, das eine rassistische Historie mit sich schleppt und in tragischer Art "aktualisiert". Vor zehn Jahren war auf seinem Blue-Note-Erstling My Name Is Oscar integriert. Das Stück wirkte als Spoken-Word-Gedicht, um das herum ein dramatisches Schlagzeugsolo nervös tobte. Es war ein Musikdenkmal für den wie Akinmusire aus Oakland stammenden Oscar Grant, der 2009 erschossen wurde. Er war 22.

Ambrose Akinmusire - Topic

Auf der aktuellen CD steht das finale Stück Hooded procession (read the names outloud) in der Tradition von My Name Is Oscar. Es ist eine Art musikalischer Grabstein aus melancholisch-poetischen Fender-Rhodes-Akkorden, auf dem die Namen der Ermordeten bewusst fehlen. Es vermittelt durch den Reduktionismus den unwiederbringlichen Verlust von Leben und fordert zugleich Aktion ("read the names outloud"). Hier schimmert ein Spezifikum durch: Engagement und musikalisches Gestalten verschmelzen bei Akinmusire zu künstlerisch Markantem, das er natürlich auch abseits des offensichtlich Gesellschaftspolitischen offeriert: on the tender spot of every calloused moment wandelt zwischen nachdenklichen Balladen, Free Jazz und schnittigen Post-Bebop-Themen, die im Quartett mit Pianist Sam Harris, Bassist Harish Raghavan und Drummer Justin Brown dekonstruiert werden.

Akinmusires Statements sind immer das Besondere. Sie rasen zwischen Elegie und zorniger Exaltation, die sich nicht nur in traditioneller linearer Improvisation technisch makellos vermittelt. Das Spezifische des Spiels rührt quasi von einer mitten im Solo eingenommenen oppositionellen Haltung zum Grundgerüst einer Nummer. Akinmusire geht dann über zu einem quasi humanen Gestus, indem er das Schmerzhaft-Vokale betont und sein Instrument zum Medium unmittelbarer Emotion transformiert.

Lob von Archie Shepp

Die spontan angewandte Stil- und Ausdruckskombinatorik dokumentiert auch den Umgang mit der Innovationsfrage, die an den Jazz gestellt wird. Akinmusires Antwort ist eine wenig voraussagbare Spontankunst, welche an die Stelle einer Suche nach dem Neuen, das überzeugend Individuelle und Engagierte setzt, das viele Jazztraditionen verinnerlicht hat. Blues ist dann vor allem eine Idee. Weder die "typische" kleine Terz noch die Septakkorde definieren ihn. Blues ist "einfach eine Empfindung", so Akinmusire, der eine subjektive Form zu verleihen sei.

Ein Hinweis darauf, dass ihm das gelingt, kommt von der Saxofonautorität Archie Shepp, der die Liner Notes für Akinmusires CD verfasst hat. Er hält den 38-Jährigen für einen "wichtigen jungen Innovator", dem das Ethos von Visionär John Coltrane gegeben sei. Es hieß, Coltrane hätte nach Konzerten besessen weitergeübt. Shepp hat diese Verhaltensauffälligkeit auch bei Akinmusire ausgemacht. (Ljubiša Tošic, 19.6.2020)