Das Burgunderstädtchen Dijon ist bekannt für seinen Senf, seinen Wein – und neuerdings seine Kalaschnikows. Nach einem banalen Streit in einer Shishabar kamen 150 Tschetschenen mit Baseballschlägern in die Weinstadt, um der lokalen Drogenbande Mores zu lehren. Die Dealer verteidigten ihr Territorium mit brennenden Barrikaden, Rammbock-Autos und Schüssen nicht nur in die Luft: Ein Pizzawirt wurde in den Rücken getroffen.

In Dijons Einwandererviertel Les Grésilles kam es diese Woche zu Ausschreitungen.
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Die Polizei verfolgte das unerhörte Geschehen in dem Einwandererviertel Les Grésilles nur aus der Distanz, hatte sie doch den Sturmgewehren bloß Pistolen entgegenzusetzen. Drei Tage lang dauerte das westernähnliche Duell zwischen ortsansässigen Maghrebinern und den tschetschenischen Angreifern, die aus Nizza, Belgien und Deutschland gekommen waren. Dann erst schickte Innen- und Polizeiminister Christophe Castaner Verstärkung nach Dijon. Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten Tschetschenen wieder abgezogen.

Gegenseitige Vorwürfe

Nicht nur die Polizei wirkte überfordert, sondern auch die Politik. Der Bürgermeister von Dijon, François Rebsamen, warf Präsident Emmanuel Macron vor, er habe die Stadt im Stich gelassen; im Élysée klang es umgekehrt. Die Rechtspopulistin Marine Le Pen verdrehte ihrerseits die Fakten.

Erst nach drei Tagen kam Polizeiverstärkung nach Dijon.
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Auf jeden Fall hatten die Regierung wie auch die Medien in Paris drei Tage lang weggeschaut. Damit überließen sie das Feld rassistischen Twitter-Reaktionen über die "Arabermafia" und "les tchétchènes". Einmal mehr wollte Frankreich die Existenz seiner sogenannten "heiklen Viertel" (quartiers sensibles) nicht wahrhaben. Diese beschränken sich, wie der Fall Dijon offenbart, längst nicht nur auf die ausufernden Banlieue-Zonen um die Großstädte wie Paris, Lyon oder Marseille. Jede noch so geruhsame Kleinstadt, jedes größere Dorf zählt heute sein "quartier". In Aix-en-Provence heißt es "Beisson", in Cognac "Crouin", in der Kathedralenstadt Chartres "Beaulieu" – zu Deutsch "schöner Ort".

Die Meldungen aus diesen unschönen Wohnsiedlungen der Sechziger- und Siebzigerjahre wiederholen sich: brennende Autos, nächtliche Motocross-Rodeos, Abrechnungen im Drogenmilieu – und immer wieder Salafismus. Die südfranzösische Kleinstadt Lunel (26.000 Einwohner) gelangte vor Jahren zu kurzfristiger Berühmtheit, als 20 junge Männer nach Syrien in den Jihad zogen.

Unsichtbare Grenze

Was im "quartier" selbst abgeht, interessiert die übrigen Einwohner kaum. Zwei Welten leben in diesen Orten nebeneinander, getrennt durch eine unsichtbare Grenze. In Dijon meinte ein älterer Nachbar von Les Grésilles zur Zeitung "Le Figaro": "Das geht nur die was an. Solange sie uns in Ruhe lassen, ist alles gut."

Darin liegt das Paradox: Auch wenn die "quartiers sensibles" heute in Frankreich überall zum Stadtbild gehören, wird ihre Existenz systematisch ausgeblendet. Vergessen, ignoriert, zumindest an den Rand gedrängt. Mit den bekannten sozialen Folgen: "Die betroffenen Quartierbewohner verinnerlichen ihrerseits die soziale Ausgrenzung", meint der Soziologe Farhard Khosrokhavar. "Die wird zum Identitätsmerkmal und zur Lebensform." Das schaffe den Nährboden für das Abdriften Jugendlicher in die Kriminalität oder den Islamismus.

Investitionen ändern nichts an Ausgrenzung

Dijons Bürgermeister Rebsamen kennt das Problem. Nach seinem Amtsantritt im Jahr 2001 hatte er das Viertel Les Grésilles von Grund auf renovieren lassen. Die Wohntürme wichen maximal vierstöckigen Bauten, sie wurden umgeben durch Grünflächen, Turnhalle, Schwimmbad, Läden. Kostenpunkt: 150 Millionen Euro. "Wir haben für das Viertel gemacht, was wir konnten", verzweifelte der sozialistische Stadtvorsteher diese Woche. An der Ausgrenzung ändert das aber nicht viel: Die Jungen schaffen es bis heute nicht aus ihrem "quartier". Vielleicht versuchen sie es gar nicht mehr, weil sie im übrigen Dijon mit ihrem arabischen Namen weder einen Job noch eine Wohnung finden.

"Wir haben für das Viertel gemacht, was wir konnten", sagt Dijons Bürgermeister François Rebsamen über Les Grésilles.
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Nach den jüngsten Ausschreitungen besuchte ein Abgeordneter der Macron-Partei LRM, Didier Martin, das Viertel. Danach berichtete er, wie die maghrebinischen Einwohner unter der Gewalt gelitten und sich geängstigt hatten. Fast erstaunt fügte er an, die Einwohner von Les Grésilles seien entgegen der üblichen Darstellung in den Medien gar nicht gegen die Polizei. Im Gegenteil, sie wollten mehr Schutz vor den Banden. (Stefan Brändle aus Paris, 19.6.2020)