Ein maskenloser Wahlkampfauftritt, als hätte es Corona nie gegeben.

Foto: KYLE RIVAS via www.imago-images.de

Müde schaut Donald Trump aus.

Foto: AP Photo/Patrick Semansky

Nationalgardisten halten Demonstranten in Schach.

Foto: Mike Simons/Tulsa World via AP

"Ich stehe heute vor euch, um zu erklären: Die schweigende Mehrheit ist stärker als jemals zuvor", ruft Donald Trump im BOK Center in Tulsa, Oklahoma. Allerdings will die Optik nicht recht dazu passen. Die leeren Ränge im oberen Drittel der Arena lassen Zweifel an der Behauptung aufkommen. Mitverantwortlich sein für die Leere wollen Nutzerinnen und Nutzer des Videoportals TikTok: Wie die New York Times berichtet, fragten sie gesammelt Tickets an, die sie wiederum nicht nutzten, um ein politisches Zeichen zu setzen.

Fast eine Million Tickets seien vergeben worden, hatte der Präsident zu Wochenbeginn geprahlt. Die Halle mit ihren 19.000 Plätzen werde bis unters Dach gefüllt sein, hatte er angekündigt. Bedenken, dass sich eine solche Halle als Corona-Virenschleuder erweisen könnte, ließ er nicht gelten.

Knackevoll ist anders.
Foto: Matt Barnard/Tulsa World via AP

"Radikale Demonstranten"

Es sollte ja eine Art Neuanfang sein, seine erste Wahlkampfveranstaltung seit über drei Monaten, so etwas wie ein psychologischer Schlussstrich unter die Pandemie. Draußen war extra eine zweite Bühne aufgebaut worden, auf der Trump vor denen sprechen wollte, die es wegen Überfüllung nicht in die eigentliche Arena geschafft hatten. Seine Kampagne sagte den Auftritt kurzerhand ab, und deren Sprecher Tim Murtaugh hatte schnell eine Erklärung für den Flop parat. "Radikale Demonstranten" hätten Zugänge blockiert und Anhänger des Präsidenten daran gehindert, zu den Metalldetektoren zu gelangen, die jeder passieren musste, bevor er den weitläufig abgeriegelten Sicherheitsbereich betreten durfte. Dennoch, hieß es hinterher in einer E-Mail, sei es Trumps "epischste" Rally aller Zeiten gewesen, eine Rally vor Tausenden echter amerikanischer Patrioten.

Patriotische Amerikaner bieten der "radikalen Linken" die Stirn – es ist denn auch das Leitmotiv der Rede. Kein Wort des Mitgefühls für die Angehörigen George Floyds, nicht das leiseste Signal des Verständnisses für die Demonstranten, die seit dem Tod des Afroamerikaners auf die Straße gehen. Auch die Tatsache, dass aufgeputschte Weiße 1921 in Tulsa bei einem der schlimmsten Massaker der Geschichte der USA bis zu 300 Schwarze umbrachten, erwähnt Trump nicht.

Bei ihm klingt es so: "Ein verrückt gewordener Mob versucht unsere Geschichte zu vandalisieren, unsere Denkmäler zu entweihen, unsere wunderschönen Denkmäler, unsere Statuen niederzureißen und jeden, der sich seinen Forderungen nach totaler Kontrolle nicht beugt, zu bestrafen und zu verfolgen." Und: "Sie wollen unser Erbe zerstören, damit sie uns ihr Unterdrückerregime aufzwingen können. Sie wollen unserer Polizei die Mittel entziehen und sie auflösen." Eine Linke, die sich ermutigt fühle, werde einen Großangriff auf die amerikanische Lebensart starten und jeden verjagen, der ihre Meinung nicht teile. "Seht euch doch an, was passiert, wenn man widerspricht. Sie nennen dich einen Rassisten, sie nennen dich eine furchtbare Person." Der Kongress in Washington, fordert er, solle das Anzünden der amerikanischen Flagge per Gesetz unter Strafe stellen. Wer die Fahne in Brand stecke, müsse für ein Jahr hinter Gitter kommen. 1989 hatte der Oberste Gerichtshof der USA geurteilt, dass das Verbrennen des Sternenbanners nicht bestraft werden dürfe, da es durch das Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt sei.

Biden als "Marionette"

Seinen Herausforderer Joe Biden bezeichnet Trump mal als "hilflose Marionette der radikalen Linken", mal als Marionette an den Fäden Chinas, mal als williges Trojanisches Pferd für den Sozialismus. Biden selber sei kein radikaler Linker, "ich glaube nicht, dass er noch weiß, wer er überhaupt ist", wiederholt er, was sich seit Monaten wie ein roter Faden durch seine Wahlkampfrhetorik zieht: Bei jeder Gelegenheit charakterisiert der 74-Jährige seinen 77 Jahre alten Widersacher als senilen Tattergreis.

Um Zweifel an seinem eigenen Gesundheitszustand zu entkräften, redet er in aller Ausführlichkeit darüber, warum er neulich, nach der Abschlusszeremonie für die Kadetten der Militärakademie West Point, so unbeholfen, in Trippelschritten, eine flache Rampe hinuntergegangen war. Er habe zu lange in der Sonne gestanden, 600 Mal salutiert und zu wenig Wasser getrunken, weil kein Wasser auf seine Seidenkrawatte tropfen sollte. Die glatten Ledersohlen seiner Schuhe hätten sich nicht geeignet für eine Rampe, die glatt gewesen sei wie eine Eisbahn, ohne dass man sich an einem Geländer hätte festhalten können, erklärt er. Die Medien hätten dann spekuliert, dass er an Parkinson erkrankt sei – kompletter Blödsinn.

Schließlich die Epidemie. Das Testen in Corona-Zeiten, sagt Trump, sei ein zweischneidiges Schwert. Die USA hätten mittlerweile 25 Millionen Menschen auf das Virus getestet, wahrscheinlich 20 Millionen mehr als der Rest der Welt. Wer so viel teste, werde auch mehr Fälle finden. "Also habe ich meinen Leuten gesagt: Macht mal langsam mit dem Testen!" Eine Sprecherin bemühte sich hinterher, den Satz zu einem Scherz umzudeuten. (Frank Herrmann, red, 21.6.2020)