Der langjährige Vorstandschef Markus Braun musste wegen des Bilanzskandals zurücktreten.

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Aschheim – Der Bilanzskandal beim Zahlungsdienstleister Wirecard spitzt sich dramatisch zu. Die verschwundenen 1,9 Milliarden Euro existierten mit "überwiegender Wahrscheinlichkeit" nicht, räumte der deutsche Konzern in der Nacht zum Montag ein.

Das Unternehmen aus Aschheim bei München hat inzwischen Zweifel, ob das Geschäft mit Partnern in Asien, das seit Jahren für einen großen Teil der Gewinne von Wirecard steht, überhaupt existiert. Man untersuche, "ob, in welcher Art und Weise und in welchem Umfang dieses Geschäft tatsächlich zugunsten der Gesellschaft geführt wurde". Vergangenen Freitag war der österreichische Geschäftsführer Markus Braun nach 18 Jahren zurückgetreten.

Mögliche Untersuchungshaft

Den bereits suspendierten Vorstand Jan Marsalek hat Wirecard am Montag gefeuert. Der Aufsichtsrat habe den österreichischen Manager "mit sofortiger Wirkung abberufen und seinen Anstellungsvertrag außerordentlich gekündigt", teilte Wirecard mit. Ihm und Braun könnte jetzt Untersuchungshaft drohen. Der Haftgrund könnte eine mögliche Fluchtgefahr sein – wegen der österreichischen Staatsangehörigkeit beider Beschuldigter. Marsalek war bis zu seiner Suspendierung für das operative Tagesgeschäft einschließlich Südostasien zuständig.

"Ein Desaster"

Der Präsident der deutschen Finanzaufsicht Bafin, Felix Hufeld, sprach von einem Desaster und räumte Fehler der Behörde ein. "Es ist eine Schande, dass so etwas passiert ist", sagte er auf einer Bankenkonferenz in Frankfurt. Die Wirecard-Aktien brachen erneut massiv ein.

Zu den größten Gläubigerbanken gehören ABN Amro, Commerzbank, ING, LBBW, Barclays, Credit Agricole, DZ Bank, Lloyds, Bank of China, Citi und Deutsche Bank. Aber Wirecard hat laut Bloomberg auch Kredite bei der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien (60 Millionen Euro) und der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich (45 Millionen Euro).

Verschwundenes Geld

Der Finanzkonzern, der für Händler und Kunden Zahlungen in Onlineshops und an Ladenkassen abwickelt, musste vergangene Woche seinen Jahresabschluss 2019 zum vierten Mal verschieben, weil die Wirtschaftsprüfer von EY ein 1,9 Milliarden Euro großes Loch in der Bilanz gefunden hatten. Die Wirecard-Aktien stürzten ab.

Die Prüfer von EY, die seit Jahren die Abschlüsse von Wirecard unter die Lupe nehmen, hatten am Donnerstag erklärt, Dokumente zu Geldern auf den Treuhandkonten seien offenbar gefälscht. Das Geld ist nach Angaben der philippinischen Zentralbank nie im Land angekommen. Sie prüft nun ebenfalls, was passiert ist. Cezar Consing, der Vorstandschef der Bank BPI, bei der angeblich Konten geführt wurden, sagte Reuters, das Zertifikat sei eine plumpe Fälschung gewesen.

Ein "sehr niedrigrangiger" Manager habe es unterzeichnet. Die BDO Unibank, die zweite genannte Bank, erklärte, einer ihrer Marketingmanager habe die Bescheinigung gefälscht. Die Münchner Staatsanwaltschaft prüft eine Ausweitung ihrer Ermittlungen, die bisher lediglich wegen Marktmanipulation geführt werden. "Wir prüfen alle in Betracht kommenden Straftaten", sagte eine Behördensprecherin. Wirecard selbst hatte sich als Opfer eines "gigantischen Betrugs" bezeichnet. Auf Betrug stehen in besonders schweren Fällen bis zu zehn Jahre Gefängnis.

Geschäftszahlen zurückgezogen

Wirecard zog die Geschäftszahlen für das vergangene Jahr, für das erste Quartal 2020 und die Prognosen für heuer und die nächsten Jahre zurück. Auch die Zahlen aus den Vorjahren stimmten womöglich nicht. Es sei zumindest fraglich, wie verlässlich die Beziehung zu dem Treuhänder sei.

Nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" handelt es sich um einen Rechtsanwalt, der als Abteilungsleiter im Verkehrsministerium der Philippinen vor zwei Jahren wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten entlassen worden sei. Um das Unternehmen zu retten, prüfe der neue Vorstandschef James Freis auch Kostensenkungen, den Verkauf und die Aufgabe von Geschäftsteilen und Produkten.

Keine Kreditwürdigkeit

Die Ratingagentur Moody's zog ihre Einschätzung der Bonität von Wirecard zurück, weil die der Kreditwürdigkeit zugrundeliegenden Finanzdaten nicht mehr verlässlich seien. Am Freitag hatte Moody's das Rating bereits um sechs Stufen gesenkt. Die Wirecard-Aktie brach um ein Drittel auf 16,62 Euro ein. Das Unternehmen ist an der Börse noch 2,1 Milliarden Euro wert – ein Zehntel dessen, was noch Anfang September 2019 zu Buche stand.

"Waren die angeblichen Forderungen reine Luftbuchungen, steht das gesamte Geschäftsmodell des Zahlungsdienstleisters infrage und somit auch nahezu jeder Euro, den die Aktie noch wert ist", sagte Analyst Jochen Stanzl vom Online-Broker CMC Markets. Aus dem Leitindex Dax kann Wirecard allerdings frühestens im September genommen werden.

Banken könnten Kredite fällig stellen

Das Unternehmen hängt nun am Tropf der Banken: Sie haben das Recht, Kredite über zwei Milliarden Euro bis Ende des Monats zu kündigen, weil der Zahlungsdienstleister keine testierte Bilanz vorlegen kann. Allerdings drohen ihnen selbst millionenschwere Abschreibungen, wenn sie tatsächlich die Reißleine ziehen.

Wirecard stehe in "konstruktiven Gesprächen" mit den Banken über die Fortführung der Kreditlinien, teilte der Vorstand mit. Das Unternehmen hat die US-Investmentbank Houlihan Lokey engagiert, um die Finanzierung langfristig zu sichern. Sie gilt als Spezialist für besonders schwere Sanierungsfälle. (APA, 22.6.2020)