Im "Corona-Management" der Bundesregierung erkennt Wodak einen nationalistischen Diskurs, einen kompetitiven Frame, ein "Erlösungsnarrativ".

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Was haben der Brexit und die Corona-Krise gemeinsam? Auch wenn grundlegend verschieden, kamen beide Ereignisse für viele überraschend. Ruth Wodak forscht zur Bedeutung unserer Sprache im Verhältnis zu gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Kampagnen zum Brexit-Referendum erlebte die emeritierte Professorin für Sprachsoziologie in Großbritannien während ihrer Lehrtätigkeit an der Universität Lancaster. Einen Brexit hätte es ohne die ausgeklügelte Rhetorik und Kampagnen der Brexit-Befürworter und die Schwäche der Brexit-Gegner nicht gegeben, so ihr Befund.

Dieses Interview wurde wenige Tage vor dem unerwarteten Corona-Lockdown im März geführt und zum Anlass der Semesterfrage der Universität Wien Wie wirkt Sprache? aktualisiert. Wodak diskutiert am Montag mit dem Kommunikationswissenschafter Jörg Matthes sowie dem Politikberater Thomas Hofer zur Wirkung von Sprache in Corona-Zeiten. Die Veranstaltung wird ab 18 Uhr im Forum gestreamt.


STANDARD: Der Brexit war vor wenigen Jahren noch denkunmöglich. Wie hat es so weit kommen können?

Wodak: Das ist durch die jahrzehntelange Konstruktion von Feindbildern in Bezug auf die EU entstanden. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Anti-EU-Stimmung schon zur Zeit des Ex-EU-Kommissars Jacques Delors besonders vom Boulevard ganz stark mobilisiert wurde. Damals schon wurde an die alten Feindbilder Frankreich und Deutschland appelliert.

STANDARD: Das war in den 1990er-Jahren.

Wodak: Die Kampagne der Brexit-Befürworter knüpfte auch an Feindbilder aus dem Zweiten Weltkrieg an. Auf Plakaten der Leave-Campaign wurde etwa ein zweiter "Blitzkrieg" suggeriert, Pfeile aus Deutschland und Europa, die gegen "die Insel" gerichtet sind. Deutschland und Angela Merkel mussten stellvertretend für die ganze EU herhalten. Für ein Plakat musste sich die Leave-Kampagne sogar entschuldigen. "Wir haben nicht zwei Weltkriege gewonnen, um uns jetzt von den Piefke herumkommandieren zu lassen", stand auf dem Plakat mit einem Bild von Merkel.

STANDARD: Wurde auch gegen die EU als Ganzes kampagnisiert?

Wodak: Die EU wurde als Ursache für die Migration stilisiert, Großbritannien als ihre Marionette dargestellt. In diesem Bedrohungsszenario stand der "Insel" sozusagen eine Invasion an Ausländern aus der EU bevor. Der Begriff Invasion deutet klar auf Kriegsrhetorik; wichtigste Slogans waren: "Taking Back Control" und "Wanting Our Country Back", als ob dies in einer globalisierten Welt überhaupt möglich wäre. Auch die "surrender bill", also jenes Gesetz, das Premier Boris Johnson verpflichtete, keinen Brexit ohne Deal zu vollziehen, emotionalisierte in einem solchen Deutungsrahmen (Frame) stark. "Wer will schon aufgeben, also die Waffen niederlegen?", wurde suggeriert.

STANDARD: Welche Rolle spielte dabei die Boulevardpresse?

Wodak: Wir haben in einem großen Forschungsprojekt sämtliche britische Medien über zehn Jahre (1996–2006) in Bezug auf die Repräsentation von Asylwerbern, Flüchtlingen und Migranten untersucht. Es zeigte sich, dass in fast allen Zeitungen alle "Fremden" unter dem Begriff der "illegalen Migranten" zusammengefasst wurden. Ausnahmen bildeten nur die "Financial Times" und der "Guardian". Die Boulevardpresse lancierte zudem den Begriff der "bogus asylum seekers" (Scheinasylanten, Anm.). Egal ob Flüchtling, EU-Migrant oder Menschen aus der dritten Welt, alle Fremden fielen plötzlich in dieselbe Kategorie, alle schienen bedrohlich.

STANDARD: Kann man sich nur mit diesen unsachlichen Zuspitzungen den Brexit erklären?

Wodak: Natürlich spielte eine jahrzehntelange Nostalgie für das British Empire mit, die vor allem in den Oberschichten und der Tory-Partei verbreitet ist. Ex-Premier David Cameron wollte – vergeblich – mit dem Brexit-Votum die interne Spaltung seiner Partei überwinden. Die Tories und letztendlich alle Brexit-Anhänger profitierten auch von der schwachen Opposition; Die Labour-Partei unter Jeremy Corbyn konnte sich weder zu einer deutlichen Remain- noch zu einer Leave-Position durchringen, aus Angst, Wähler zu verlieren.

STANDARD: Hat das die Brexit-Kampagne ausgenutzt?

Wodak: Ja, dadurch konnte die Leave-Fraktion enorm viel Desinformation und Lügen verbreiten und eine Politik mit der Angst mobilisieren. Eindrückliches Beispiel war etwa der rote Bus in der Brexit-Kampagne mit der Aufschrift, dass jede Woche 350 Millionen Pfund aus Großbritannien in die EU fließen würden, die man nun behalten und dem NHS zukommen lassen könnte. Das war gelogen, es wurde nichts von den besonderen Verträgen zwischen Großbritannien und der EU berichtet. Es gab auch zu wenig faktische Information. Viele Leute wissen nichts oder ganz wenig über die EU.

Boris Johnsons Wahlslogan "Get Brexit Done" suggerierte, dass es sich beim Brexit um eine sehr simple Angelegenheit handelt und Großbritannien es bereits geschafft hätte.
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STANDARD: Ist das ein bleibender Schaden?

Wodak: Ich denke, ja, und nicht nur ökonomisch gesehen. Vor allem junge Wähler fühlen sich um ihre Zukunftschancen betrogen. Es gibt eine große Kluft zwischen urbanen und ländlichen Regionen. Im anti-intellektuellen Zeitgeist werden Fakten und Meinungen gleichgesetzt. Boris Johnson ist es wie US-Präsident Donald Trump gelungen, eine Anti-Eliten- und Anti-Establishment-Stimmung aufzuheizen, die viele strukturelle und soziale Probleme überschattet. Der Erfolg der Brexit-Kampagne zeigte, dass vielen Menschen in Großbritannien die positiven Seiten der EU nicht bewusst waren.

STANDARD: Wie konnte das gelingen?

Wodak: Johnson machte aus der bekannten Phrase "You can't have the cake and eat it too" ein "We can have the cake and eat it too". Er suggerierte, dass Großbritannien "alles" zustünde. Die Verhandlungssituation wurde in den Medien fälschlicherweise als überaus stark dargestellt. Das erklärt auch, warum die Briten mit einer erstaunlichen Nonchalance zunächst recht unvorbereitet in die Verhandlungen gegangen sind.

STANDARD: Wo sehen Sie Ähnlichkeiten in der politischen Entwicklung zwischen Großbritannien und Österreich?

Wodak: Als Boris Johnson das Parlament für sechs Wochen ausschalten wollte, erlebte man in Großbritannien einen öffentlich ausgetragenen Machtkampf zwischen Parlament und Kanzler. Massive Angriffe auf das liberal-demokratische System erleben wir aktuell in Ungarn und in Polen. Unter Türkis-Blau gab es Ansätze zu solchen undemokratischen Verschiebungen, beispielsweise die nachlässige Beantwortung parlamentarischer Anfragen oder keine beziehungsweise zu kurze Begutachtungszeiten im Nationalrat. Auch Angriffe auf Medien haben wir erlebt.

STANDARD: Was hat sich mit Türkis-Grün geändert?

Wodak: Auch wenn die FPÖ jetzt nicht mehr in der Regierung sitzt, scheint sich so manches – früher Tabuisiertes – normalisiert zu haben. Die große Gefahr dabei besteht darin, wenn Konzepte, Begriffe, Argumente, Praktiken, die früher demokratischen Werten widersprachen oder tabu beziehungsweise nur am rechten Rand angesiedelt waren, plötzlich auf den Tisch kommen und versachlicht werden sollen. Dies ist unter anderem im Bereich Migration und Asyl sichtbar.

STANDARD: Was haben Sie noch bei der Analyse des Regierungsprogramms festgestellt?

Wodak: Überraschend ist die Vagheit, die dieses Regierungsprogramm charakterisiert. Das Wort Evaluierung hat zentralen Stellenwert und kommt 126-mal vor, das heißt, eine Maßnahme ist nicht konkret, es gibt keine Einigung. 36-mal soll diese Überprüfung "qualitätsvoll" und 27-mal "effizient" erfolgen. Nach den ausführlichen, objektiven Berichten der Interimsregierung muss vieles trotzdem noch einmal evaluiert werden.

STANDARD: Der berühmte Arbeitskreis ...

Wodak: Das ist keine rein ideologische Diskursverschiebung nach rechts oder links, sondern in einen Diskurs des Qualitätsmanagements, den wir aus Wissenschaft und Projektforschung gut kennen. Hier wird das Management von Politik vorbereitet. Man beruft sich ständig auf ein Regierungsprogramm, das aber in vielem nicht konkret ist. Man beruft sich also darauf, dass man irgendwann irgendwas konkret sagen wird, vor allem was Maßnahmen zur Bekämpfung der Klimakrise betrifft.

Pressekonferenzen der Regierung gehörten während des Corona-Lockdowns zum Alltag.
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STANDARD: Trotzdem scheint die Regierung im konkreten Fall auf die Corona-Krise zufriedenstellend reagiert zu haben. Was haben Sie auf sprachlicher Ebene beobachtet?

Wodak: Die Pandemie ist natürlich eine ganz andere Krise als der Brexit. Hier handelte es sich zwar auch um eine Politik mit der Angst, aber um eine legitime Angst – Angst vor Krankheit und Tod. Es musste also diskursiv ein Weg gefunden werden, Menschen davon zu überzeugen, massiv einschränkende Maßnahmen zu ihrem eigenen Schutz umzusetzen, die sogar unsere demokratischen Grundrechte einschränken. Große Unsicherheit fördert natürlich Angst, es gab einerseits zu viel Information, andererseits zu wenig Information. Und auch widersprüchliche Information. Dazu kommt, dass niemand die richtigen Antworten kannte und auch bislang nicht kennt. Jedenfalls ist Wissenschaft wieder wichtig geworden.

STANDARD: Kommuniziert haben hierzulande aber fast ausschließlich Politiker.

Wodak: Verschiedene Regierungen sind mit dieser Herausforderung unterschiedlich umgegangen. In Österreich vermittelten in den ersten vier Wochen die vielen Pressekonferenzen eine Art Sicherheit, gaben der freiwilligen Isolation eine gewisse Struktur, man konnte sich darauf verlassen, auf dem Laufenden gehalten zu werden. Danach wurde es schwierig aus der Top-down-, der paternalistischen Dynamik wieder in eine Kommunikation auf Augenhöhe mit der Bevölkerung überzugehen.

STANDARD: Wie hat die Regierung kommuniziert?

Wodak: Zusammengefasst zeigen erste Analysen des österreichischen "Corona-Managements" und der damit verbundenen "Message-Control", dass drei Frames und entsprechende Diskurse verwoben wurden, die insgesamt eine paternalistische Gemengelage von Angst, Unsicherheit wie auch Hoffnung auf Rettung verbreiteten: ein nationalistischer Diskurs, der an "uns Österreicher" adressiert wurde, einen "nationalen Schulterschluss" forderte und alle auf "Durchhalten" einschwor; zweitens ein kompetitiver Frame, der im Sport beheimatet ist und der "Österreich" als Sieger im Wettbewerb um die besten Maßnahmen und die geringsten Todes- und Erkrankten-Zahlen sah; und drittens ein "Erlösungsnarrativ", der allen Österreichern aufgrund dargebrachter Opfer und Entbehrungen eine "Auferstehung" versprach, eingekleidet in christliche Metaphorik und viel Pathos, durchaus mit hoch emotionalen Durchhalteparolen während kriegerischer Ereignisse vergleichbar. (Laurin Lorenz, Markus Sulzbacher, 22.6.2020)