Proteste vor der Firmenzentrale – mit Maske.

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Nach dem Coronavirus-Ausbruch bei einem deutschen Fleischkonzern wird nun die Frage laut, wer für die Schäden eigentlich aufkommt. Nach Ansicht des deutschen Arbeitsministers Hubertus Heil (SPD) die Firma Tönnies selbst: "Es muss eine zivilrechtliche Haftung des Unternehmens geben", sagte Heil am Sonntag in der "Bild"-Internetsendung "Die richtigen Fragen". Mehr als 1.300 Infizierte wurde an dem Standort bereits positiv getestet.

Die Bundesregierung zeigte sich am Montag wegen der Corona-Fälle nahe Gütersloh in Nordrhein-Westfalen besorgt. Es handele sich um einen massiven Ausbruch, der ernst genommen und genau beobachtet werde, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. "Es ist jetzt alles zu tun, um diesen Ausbruch einzudämmen."

Einige Mitarbeiter könnten der Gewerkschaft NGG zufolge zudem bereits in ihre Heimatländer zurückgekehrt sein. "Es ist davon auszugehen, dass einige reisen", sagte der NGG-Landesvorsitzende Mohamed Boudih am Montag. Zudem hätten auch noch nicht alle Mitarbeiter des Schlachthofs mit rund 7.000 Beschäftigten schriftliche Aufforderungen erhalten, sich in Quarantäne zu begeben. In dem Schlachthof sind unter anderem auch Menschen aus Rumänien, Bulgarien oder Polen beschäftigt.

Wer durch Regelverstöße die Verbreitung des Coronavirus auslöse, müsse dafür auch haften, betonte Heil. Er geht nicht davon aus, dass der Tönnies-Konzern mit Mitteln aus den staatlichen Rettungsschirmen unterstützt werden muss. Das Unternehmen habe in den vergangenen Jahren "wahnsinnig viel Geld verdient". Der Chef des Fleischkonzerns, Clemens Tönnies, hatte sich am Samstag öffentlich für den Ausbruch des Erregers unter Mitarbeitern seines Betriebs entschuldigt. Der Konzern stehe in "voller Verantwortung", sagte er.

Grüne wollen privates Geld fließen sehen

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter appellierte an den Unternehmenschef, die durch den Virus-Ausbruch entstandenen Kosten aus seinem Privatvermögen zu bestreiten. Wenn Tönnies seine Entschuldigung ernst meine, "würde er die Kosten aus seinem Privatvermögen tilgen – nicht aus dem Firmenvermögen", sagte Hofreiter in "Die richtigen Fragen".

Nach Angaben des Kreises Gütersloh, in dem Rheda-Wiedenbrück liegt, wurden die Reihentests auf dem Tönnies-Gelände am Samstag abgeschlossen. Demnach lagen zunächst 5.899 Befunde vor. Davon waren 1.331 positiv, also mehr als ein Fünftel. Die komplette Tönnies-Belegschaft steht derzeit unter Quarantäne.

Die Serie von Coronavirus-Ausbrüchen in der deutschen Fleischbranche hat eine Debatte über die dortigen Arbeitsbedingungen sowie die Niedrigpreise für Fleischprodukte entfacht. Das Bundeskabinett hatte bereits im Mai neue Auflagen für die Branche auf den Weg gebracht. Vorgesehen ist unter anderem ein Verbot von Werkverträgen, das ab dem 1. Jänner 2021 gelten soll. Danach sollen nur Angestellte des eigenen Betriebs Tiere schlachten und zerlegen dürfen.

Debatte über Verteilungsgerechtigkeit

SPD-Chef Norbert Walter-Borjans forderte am Sonntag höhere Fleischpreise und eine Debatte über Verteilungsgerechtigkeit in Deutschland. "Fleisch ist ein Produkt, das mit hohem Einsatz an Energie und anderen Rohstoffen entsteht. Wert und Preis stehen oft in einem krassen Missverhältnis", sagte Walter-Borjans dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Der Fall Tönnies zeige, "wie wenig Beachtung der Frage geschenkt wird, wie Nahrung – immerhin unsere wichtigste Lebensgrundlage – produziert wird".

Alles sei "dem Gewinnstreben und der Effizienz untergeordnet", kritisierte der SPD-Vorsitzende. Dabei habe Politik die Aufgabe, gute Arbeitsbedingungen und artgerechte Tierhaltung zu gewährleisten. Dies verteuere Produkte natürlich. "Deshalb gehört zur Lösung dazu, dass Klein- und Mittelverdienende mehr Geld in der Tasche haben – durch faire Löhne und ein gerechtes Steuersystem", betonte Walter-Borjans. (APA, 22.6.2020)