Fassungslosigkeit bleibt auch am Tag nach den Krawallen in Stuttgart das vorherrschende Gefühl. Hunderte Menschen hatten sich an den Ausschreitungen beteiligt.

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Hunderte Teilnehmer, noch viel mehr Zeugen – und noch immer kein Motiv. Die Ermittlungsarbeit der Stuttgarter Polizei konzentrierte sich auch am Montag weiter auf die Frage, was in der Nacht von Samstag auf Sonntag zu den schweren Gewaltausbrüchen in der baden-württembergischen Hauptstadt geführt hatte. Stundenlang waren Gruppen von Jugendlichen durch die Straßen gezogen, hatten die Polizei angegriffen und Fenster zerstört. In neun Geschäften fanden Plünderungen statt. 19 Beamte wurden verletzt, 24 der Randalierenden festgenommen.

Bekannt ist zudem, was die Ausschreitungen unmittelbar ausgelöst hatte. Offenbar waren die Teilnehmer durch eine Drogenkontrolle der Polizei aufgebracht gewesen, die Lage sei anschließend außer Kontrolle geraten. Aufgeschaukelt hatte sich die Stimmung aber offenbar schon länger. Seit Wochen treffen sich auf Stuttgarts zentral gelegenen Schlossplatz und im Schlossgarten an Freitag- und Samstagabenden mehrere Hundert Jugendliche, die dort trinken und, so die Behörden, immer wieder auch Drogen zu sich nehmen.

Der Platz und der anschließende Park haben sich auch wegen Corona zu einem Hotspot entwickelt. Bars, Discos und Clubs sind schließlich geschlossen. Zugleich hat sich in dieser Szene aber auch zunehmend eine Stimmung entwickelt, die sich gegen die Polizei richtet.

Szenen nach der Krawallnacht und Stimmen von Passanten vor Ort
DER STANDARD/APA/dpa

Teilnehmer feierten sich im Internet selbst

Schon seit Wochen ist in Social-Media-Posts derartiges zu lesen, auch nach den Ausschreitungen vom Sonntag feierten sich Teilnehmer im Internet selbst. Womöglich habe auch die Jagd nach Likes bei den Gewaltexzessen eine Rolle gespielt, hieß es am Montag. Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) sprach von Imponiergehabe. Die Posts würden die Fahndung erleichtern, so die Polizei.

Einen politischen Hintergrund der Randale schloss die Stuttgarter Stadtpolitik dennoch bereits am Sonntag aus. Es gebe keine Hinweise, dass etwa linksextremistische Gruppen, deren Feindbild die Polizei ist, an den Taten beteiligt gewesen seien. Politiker wie Innenminister Horst Seehofer, viele Medien und einzelne Expertinnen und Experten sahen dennoch einen Zusammenhang mit der Rhetorik bei jüngsten Protesten gegen US-Polizeigewalt.

Klage wegen Satire

Einiges an den Parolen, die dort in Reaktion auf das Handeln der US-Polizei gefallen waren, habe sich auch in der Einstellung der Stuttgarter Gewalttäter gegen die Polizei wiedergefunden, argumentieren sie. Seehofer kündigte zudem Anzeige gegen eine Kolumnistin der Taz an, die in einer – als Satire eingereihten – Kolumne Polizei mit Müll verglichen und vorgeschlagen hatte, Beamtinnen und Beamte auf Halden zu entsorgen. Die Taz selbst entschuldigte sich für das Werk.

Verurteilt hat die Taten auch die Berliner Politik. Regierungssprecher Steffen Seibert nannte die Ausschreitungen "abscheulich", sie seien durch nichts zu rechtfertigen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier forderte, "Gewalt, Vandalismus und schiere Brutalität" müssten "mit aller Härte des Rechtsstaats verfolgt und bestraft werden".

Gegen AfD in Offensive

Auch Grünen-Politiker Cem Özdemir, der aus Bad Urach nahe Stuttgart stammt, verurteilte die Gewalt. Die Stadt dürfe sich nicht zu einem Anziehungspunkt für Menschen, die randalieren wollen, entwickeln. Özdemir sprach zudem von einem "bizarren Bild", das manche Jugendliche, "insbesondere solche mit Migrationshintergrund", von der Polizei hätten, wonach jeder Polizist ein Rassist sei. Man sei in Deutschland in einer völlig anderen Situation, als sie in den USA vorherrsche, sagte er, das müsse man deutlich machen. Özdemir ging so auch gegen die Argumentation der AfD in Offensive. Deren innenpolitischer Sprecher Martin Hess sprach von "ethnischen Unruhen". Bilder und Videos würden nahelegen, dass Gruppen dem "Migrantenmilieu" zuzuordnen seien.

Laut Festnahmestatistik der Polizei hatten zwölf der 24 Festgenommenen keinen deutschen Pass. Neun sind Deutsche ohne Migrationshintergrund – dass Staatsbürgerschaft oder Herkunft die alleinige Ursache der Gewalt waren, legt das nicht nahe. Dass es Kämpfe zwischen ethnischen Gruppen gab – wie das bei "ethnischen Unruhen" der Fall ist –, schien nach Wissensstand vom Montag ausgeschlossen. (Manuel Escher, 22.6.2020)