An den Börsen hat Wirecard allein in den letzten Tagen 85 Prozent an Wert eingebüßt.

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Erst die Nachricht von einem 1,9 Milliarden Euro großen Bilanzproblem, dann der Abgang des langjährigen Konzernchefs: Der Zahlungsabwickler Wirecard bringt sich, die Prüfer und die Aufsicht in Verruf. Der Aktienkurs ist in wenigen Tagen um 85 Prozent abgestürzt. Ein Überblick, wie es dazu kommen konnte und was man über die mutmaßlichen Machenschaften bisher weiß.

Frage: Wirecard sorgt seit rund einer Woche für Negativschlagzeilen. Was ist passiert?

Antwort: Schon länger gibt es Vermutungen, dass der Zahlungsabwickler und einstige Shootingstar der Frankfurter Börse die Bilanzen frisiert. Eine Sonderprüfung kam zu dem Ergebnis, dass es Zweifel an der Existenz von milliardenschweren Treuhandkonten in Asien gibt. Darauf zog Wirtschaftsprüfer EY die Reißleine und verweigerte das Testat. Am Freitag trat der Österreicher Markus Braun als Konzernchef zurück und am Montag feuerte das Unternehmen den vorige Woche suspendierten Vorstand Jan Marsalek, der unter anderem für das operative Geschäft in Südostasien zuständig war.

Frage: Um welche Gelder in Asien geht es genau?

Antwort: Wirecard hat in Asien keine eigene Lizenz und wickelt die Transaktionen daher mit Geschäftspartnern ab, die Guthaben auf Treuhandkonten buchen. EY meinte kürzlich, dass Dokumente über Treuhandkonten offenbar gefälscht seien. Es geht um 1,9 Milliarden Euro. Am Montag räumte auch Wirecard ein, dass die genannte Summe mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht existiere.

Frage: Wo genau sollten sich die nun fehlenden Gelder befinden?

Antwort: Offenbar sind die Philippinen ein Wirecard-Hostspot. Hier sollten laut Unternehmen die genannten Gelder auf Treuhandkonten liegen. Doch die Mittel seien nie in dem Land angekommen, teilte die philippinische Zentralbank mit. Zertifikate, die diese Werte dokumentieren sollen, sind demnach eine plumpe Fälschung. Wegen dieser Entwicklung prüft die Staatsanwaltschaft München, ob die bisher auf den Verdacht der Marktmanipulation beschränkten Ermittlungen auszuweiten seien. Wirecard selbst hatte sich als Opfer eines gigantischen Betrugs bezeichnet.

Frage: Was bedeutet die Situation für die Ex-Manager?

Antwort: Die Staatsanwaltschaft München könnte sowohl für Markus Braun als auch Jan Marsalek Haftbefehle ausstellen. Sie prüft alle in Betracht kommenden Straftaten, berichtet die "Süddeutsche Zeitung" und beruft sich auf Insiderquellen. Auch Untersuchungshaft soll ein Thema sein, wenn Flucht- oder Verdunkelungsgefahr bestünde – möglicherweise aufgrund der österreichischen Staatsbürgerschaft der beiden Verdächtigen. Bei ausländischen Verdächtigen nahm die deutsche Justiz in der Vergangenheit oft an, sie könnten sich in ihr Heimatland absetzen und für die Strafverfolger unerreichbar sein. Auf Manipulation des Börsenkurses stehen in Deutschland bis zu fünf Jahre Haft, auf Fälschung der Bilanz bis zu drei Jahre.

Frage: Was heißt diese Entwicklung für das Unternehmen?

Antwort: Es ist ein einziges Debakel, das auch das Ende des Unternehmens bedeuten könnte. Wirecard ist mittlerweile nur noch rund zwei Milliarden Euro wert – im September des Vorjahres lag die Börsenkapitalisierung beim zehnfachen Betrag. Durch das fehlende Testat der Prüfer sind die Banken nun berechtigt, die Kreditlinie zu kappen. Zu den finanzierenden Geldinstituten zählen neben internationalen Großbanken die Raiffeisen Landesbanken aus Niederösterreich und Oberösterreich. Deren Engagement bei Wirecard liegt laut der Finanzagentur Bloomberg bei 60 beziehungsweise 45 Millionen Euro. Der neue Vorstand prüft nun den Verkauf oder die Aufgabe von Geschäftsbereichen.

Der Abgang von Markus Braun von der Wirecard-Spitze war vergangenen Freitag ein Knalleffekt.
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Frage: Kam die Nachricht vom Bilanzloch aus heiterem Himmel?

Antwort: Seit Jahren gibt es Mutmaßungen, dass Wirecard Probleme hat und die Bilanzen frisiert sein könnten. Bereits vor rund drei Jahren ist ein Analysten-Bericht aufgetaucht, wonach Wirecard in Geldwäsche und illegales Glücksspiel involviert sei. Das wurde nicht erhärtet. Doch die Vorwürfe hielten sich. Seit mehr als einem Jahr berichtet die angesehene Financial Times über Ungereimtheiten in Asien. So wurde beispielsweise Anfang 2019 aufgedeckt, dass Manager des bayerischen Unternehmens in Geldwäsche verwickelt seien und Verträge gefälscht hätten. Trotz Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen den Journalisten der FT blieb das Medium hartnäckig und veröffentlichte zahlreiche weitere kritische Berichte.

Frage: Was hat die Aufsicht gemacht?

Antwort: Die deutsche Aufsicht Bafin meint, dass sie nur für den Bankteil von Wirecard zuständig sei, nicht für den Bereich Finanzdienstleistungen. Das erinnerte etwas an die Hypo Alpe Adria, bei der die Aufsicht für das kritische Leasinggeschäft unzuständig war. Bafin-Chef Felix Hufeld hat freilich auch Fehler eingeräumt und sprach von "einer Schande, dass so etwas passiert ist".

Frage: Was macht Wirecard?

Antwort: Der Aufstieg kam mit dem wachsenden Onlinegeschäft – von Shopping über Glücksspiel bis hin zu Essensbestellungen. Wirecard ist da oft der Abwickler der Transaktionen im Hintergrund. Auch Bonusprogramme zählen zum Portfolio.

Frage: Wer ist Markus Braun?

Antwort: Der Wirtschaftsinformatiker war seit 2002 Chef von Wirecard und zudem Großaktionär. Österreich blieb er verbunden – erst als Neos-, dann als ÖVP-Spender. Sebastian Kurz holte Braun in sein Strategieteam Think Austria.

(FRAGE & ANTWORT: Andreas Schnauder, 22.6.2020)