Djokovic (re) mit Dominik Thiem, dem Sieger der Adria-Tour in Belgrad.

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Abstand halten ist vernünftig und sehr empfehlenswert, für lässige Gruppenfotos aber halt auch kontraproduktiv.

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Belgrad/Zadar/Wien – Nun hat es auch den Weltranglistenersten im Tennis erwischt: Novak Djokovic wurde positiv auf das Coronavirus getestet. Das gab der Serbe am Dienstag bekannt. Betroffen sei auch seine Ehefrau Jelena, die Tests seiner beiden Kinder seien negativ, teilte Djokovic mit. Er werde sich nun für 14 Tage in Isolation begeben und den Corona-Test in fünf Tagen wiederholen.

Vierter Fall unter den Tennisprofis

Der 33-Jährige ist damit der vierte Spieler, der sich bei der von ihm mitorganisierten Adria-Tour in Belgrad und Zadar angesteckt hat. Zuvor waren bereits die positiven Fälle des Bulgaren Grigor Dimitrow, des Kroaten Borna Coric und des Serben Viktor Troicki bekannt geworden. Die Show-Turnierserie war wegen mangelnder Sicherheitsvorschriften stark kritisiert worden. So drängten sich etwa tausende Zuschauer auf den Rängen, und die Spieler feierten ausgelassen miteinander.

Österreichs Tennis-Ass Dominik Thiem, Sieger des Turniers in Belgrad, wurde seit seiner Rückkehr nach Österreich dreimal negativ getestet, zuletzt am Montag. Der Deutsche Alexander Zverev, der auch in Belgrad aufschlug, hat am Montag mitgeteilt, ebenso negativ getestet worden zu sein. Positive Tests sollen aber auch Troickis Frau und zwei Betreuer abgeliefert haben.

Djokovic entschuldigt sich

Djokovic, der sich nach seiner Rückkehr von Zadar nach Belgrad hatte testen lassen, bat in seiner Stellungnahme um Entschuldigung: "Mir tut jeder einzelne Fall extrem leid." Er hoffe, dass keine Komplikationen auftreten "und alle gesund werden". Leider, schrieb Djokovic, sei das Virus noch immer da: "Das ist die neue Realität, wir lernen noch, sie zu bewältigen und mit ihr zu leben."

In einer verlängerten Botschaft in den Sozialen Medien am Dienstagabend fügte er an: "Es tut mir sehr leid, dass unser Turnier Schaden angerichtet hat. Wir lagen falsch, es war zu früh." Er habe in dem Glauben gehandelt, alle Gesundheitsprotokolle beachtet zu haben, die Lage in der Region sei stabil gewesen. Weiter kündigte Djokovic kurzfristige Unterstützung des Gesundheitssystems in Belgrad und Zadar an. Die Turnierserie werde nicht fortgesetzt.

Kritik an Djokovic und Kollegen

Doppelspieler Bruno Soares, unter Präsident Djokovic Mitglied des Spielerrats, sprach bei Globo Esporte von einer "Horrorshow". Der Brasilianer warf der Truppe hochbezahlter Stars vor, "enorm unverantwortlich und höchst unreif" gehandelt zu haben. ATP-Präsident Andrea Gaudenzi verglich Djokovic und Co sogar mit sturen Bengeln.

"Es ist ein bisschen so, als würde man seinen Kindern beibringen, immer mit Helm Fahrrad zu fahren. Zuerst sagen sie Nein, Nein, Nein. Erst wenn sie vom Fahrrad fallen, tragen sie den Helm", sagte der Italiener der "New York Times". Doch es ist anders als in diesem Bild: Die Tennisspieler, die Djokovic auf seiner Showreise um sich geschart hatte, pfiffen auf ihre Vorbildfunktion, die Sicherheit und gefährdeten damit viele.

Die Vereinigung der männlichen Tennisprofis (ATP) reagierte mit knappen Genesungswünschen und zwischen den Zeilen deutlich erkennbarer Kritik.

Die neunmalige Wimbledon-Siegerin Martina Navratilova hat die Wiederaufnahme der Saison auf der Profitour nach diesem öffentlichkeitswirksamen Rückschlag infrage gestellt. "Igitt. Das ist nicht gut, und es ist ein Muster", twitterte die 63 Jahre alte Tennislegende: "Ich hoffe natürlich, dass Novak wieder gesund wird! Aber was nun, US Open? Roland Garros? Wir haben noch eine Menge Arbeit vor uns."

Als Tourismuswerbung gedacht

Das Turnier in Zadar entwickelt sich indes nach mehreren positiven Corona-Tests in Kroatien zu einem immer größeren Skandal. Medien kritisieren schwere Versäumnisse. So war auch der kroatische Premier Andrej Plenkovic am Wochenende Gast bei einem Match vor vollen Tribünen. Hernach unterzog er sich einem Covid-Test, das Ergebnis war negativ.

Das Turnier in Zadar sei eine Werbung für Zadar und Kroatien, sagte Plenkovic im Vorfeld des Events. Das Adrialand bemüht sich, mit dem Image eines epidemiologisch sicheren Landes möglichst viele Touristen anzuziehen. Die Ereignisse in Zadar sorgen nun für negative Schlagzeilen. Sloweniens Gesundheitsminister Tomaz Gantar brachte am Montagabend sogar eine Grenzschließung zum Nachbarland ins Spiel.

Schwere Versäumnisse

Die Medien berichten über schwere Versäumnisse, die Corona-Schutzmaßnahmen sollen weitgehend ignoriert worden sein: Die Tribünen waren teilweise überfüllt, zwischen den Zuschauern gab es nicht genügend Distanz, es soll auch keine Desinfektionsmittel gegeben haben. Dazu fanden mehrere begleitende Veranstaltungen statt, bei denen die Tennisprofis in Kontakt mit zahlreichen Zuschauern, Sportlern, Politikern und auch Kindern kamen.

Die Epidemiologen haben nun die Hände voll zu tun, um zu untersuchen, wer mit den infizierten Tennisspielern in engem Kontakt war. Bisher wurden knapp 100 Menschen in die Selbstisolierung geschickt, darunter auch der Bürgermeister von Zadar, Branko Dukic, und Präfekt der Gespanschaft Zadar, Bozidar Longin. Über 600 besorgte Bürger traten inzwischen mit dem epidemiologischen Dienst in Kontakt.

Verantwortungsträger gesucht

Die Verantwortung für das Fiasko in Zadar, das sich zu einem Corona-Herd entwickeln könnte, übernimmt niemand. Aus dem für die Corona-Maßnahmen zuständigen Zivilschutzstab hieß es, dass die Organisation dem kroatischen Tennisverband überlassen worden sei, dass es aber klare Anweisungen für derartige Events gab. Der Tennisverband behauptet hingegen, die Regeln eingehalten zu haben.

Unterdessen betonte der kroatische Gesundheitsminister Vili Beros, dass die Ereignisse in Zadar "eine große Warnung" seien. "Diese Situation ist nicht unerwartet", sagte er laut Medien und lobte die rasche Reaktion der Epidemiologen. "Das, was passiert ist, ist die Normalität der neuen Normalität. Unserer Gesundheitssystem ist vorbereitet", betonte er weiter. In Zadar wurden infolge des Ausbruchs die Krankenhäuser und Seniorenheime für Besucher gesperrt.

Djokovic selbst war am Montag der französische Profi Richard Gasquet zur Seite gesprungen. Der Serbe habe das Event zwar organisiert, aber er habe "den Leuten keine Waffe an den Kopf gehalten und verlangt, dass 5000 Zuschauer da sein müssen. Die Regierung hat dies gestattet", sagte Gasquet der L'Equipe: "Aber ja, das mit all diesen Leuten war verrückt. Es ist der einzige Ort auf der Welt, auf dem wir eine solche Menge gesehen haben."

Adria Tour beendet

Die umstrittene Adria Tour ist nun jedenfalls Geschichte. Die noch geplanten Veranstaltungen in Banja Luka und Sarajevo könnten angesichts der Entwicklungen nicht mehr stattfinden, teilten die Organisatoren am Dienstag mit. (sid, APA, red, 23.6.2020)