"Man hat sich Mühe gegeben, / unendliche Mühe. (…) Obwohl man ganz genau wußte, / da war nie ein Triumph in Sicht": Hans Magnus Enzensberger.

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Wenn es einmal von Hans Magnus Enzensberger eine Werkausgabe geben wird, dann wird das eines jener Großunternehmen sein, das Editoren jahre-, wenn nicht jahrzehntelang beschäftigt.

Dieser Autor bringt seit 70 Jahren unermüdlich seine politischen und kulturgeschichtlichen Reflexionen zu Papier und konstruiert daraus neue Wirklichkeiten, die dem Leser als Gedichte, Betrachtungen, Essays, Erzählungen, Dramen begegnen – so umfangreich das Werk, so reich auch der Formenkanon. Und in Summe eine poetische Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts. Und dann sind noch Enzensbergers Leistungen als Herausgeber und Übersetzer, ein nicht minder wichtiger Beitrag zur Literaturgeschichte.

Ein Phänomen ist auch, dass er im Alter offenbar noch produktiver wird. Die Publikationen in den letzten Jahren häufen sich, das sind freilich keine monumentalen Werke, Enzensberger pflegt viel lieber die kleine Prosa mit Tiefgang.

Alle fünf Jahre evaluiert er auch sein lyrisches Werk. Mittlerweile heißt die aktuelle Auswahl Gedichte 1950–2020 (obwohl im Impressum 2019 steht!), und ja, natürlich wäre es schön, wenn wir auch 2025 einen solchen mit neuen Gedichten versehenen Auswahlband in Händen halten könnten, man darf doch Wünsche an die Zukunft haben!

Programmatischer Anspruch

Aber nicht deswegen heißt das erste Gedicht in dieser Sammlung "Utopia", Enzensberger hat es 1950 geschrieben, es ist enthalten im ersten Gedichtband Verteidigung der Wölfe gegen die Lämmer von 1957. An den Titeln übrigens erkennt man bereits den programmatischen Anspruch des Werks. Und wie immer ist fragwürdig, was so benannt ist. "Die Liebe / wird polizeilich gestattet", heißt es etwa im "Utopia"-Gedicht. "Wie eine Meuterei / bricht das Glück, wie ein Löwe aus."

Der moderne "Gedichtton", an Brecht und Benn geschult, hat sich über die Zeiten gehalten, er ist bei Enzensberger ohnehin zeitlos geworden, das vermittelt einmal mehr diese Auswahl, 150 Gedichte, die letzten sieben so frisch, dass sie hier zum ersten Mal gedruckt werden.

Es ist ja so gut wie nie der Fall, dass Lyriker ihre Gedichte chronologisch reihen – bei Enzensberger geht das, ohne dass wir große Stilbrüche zu gewärtigen haben. Vielleicht ist der Ton mit der Zeit ein wenig sachlicher, nüchterner geworden. Was sich 1950 noch nach Manifest anhört, ist 2020 mehr statisches Beschreiben, auf einen Gedanken reduziert: "Haydn, Sohn eines Wagenbauers / aus der tiefsten Provinz, / klein von Wuchs, pockennarbig", beginnt etwa das letzte, neueste Gedicht in dieser Auswahl.

Leise Ironie

Aber was heißt schon "neu" bei einem wie Enzensberger! Kaum in sein 91. Lebensjahr getreten, erscheint schon der nächste Gedichtband: Wirrwarr. Bescheiden und kokett zugleich wird dem Titel die Frage nachgestellt "Ob das Gedichte sind?". Aber ja doch! Man darf sich eben nicht vom Titel irritieren lassen, der hoffentlich nicht die Position des alternden Ichs (den Leser eingeschlossen) meint.

Immerhin besteht Hoffnung: "Das jüngste Gericht läßt auf sich warten", heißt es im Gedicht "Eventuell": "Vorläufig bin ich noch da", und ob am Ende "auf die Vergänglichkeit wirklich Verlass ist", ist schon eine andere Frage. Denn: "Nur der Tod, / sagen die Sterblichen, sei definitiv. // Doch ob wir beide erwachen, / sobald die Posaune erschallt, / ob wir sie bemerken werden, / unsere Wiedergeburt, / ich und die dunkle Motte dort?"

Natürlich sind das Altersgedichte, das klingt dann entsprechend: "Fremdartig ist die Heimat / und kaum zu glauben." (Dieselbe Position, die das Ich in Walthers von der Vogelweide berühmter Alterselegie einnimmt.) Aber es wäre nicht Enzensberger, wäre da nicht immer leise Ironie, die den politischen Ernst erst evident macht: "Außer der Ausgangssperre / ist alles wie immer." Und: "Man hat sich Mühe gegeben, / unendliche Mühe. (…) Obwohl man ganz genau wußte, / da war nie ein Triumph in Sicht."

Kunst als stiller Triumph

Zumindest die Kunst ist ein stiller Triumph. Über den französischen Maler Jean-Baptiste-Siméon Chardin, der ein Außenseiter in der Malerei war, schreibt Enzensberger: "Distinguiert, gebildet, ein Weltmann / war er nicht. Ein gelernter Tischler, / der lange kein Geld hatte. Selber / brachte er sich die Kunst bei." Ansonsten: Er hinterließ keine Briefe, hatte Gallensteine und am Ende schlechte Augen. "Die Farbtupfer dieses Auserwählten, / so leuchtend wie ein Glas Wasser, / sind nie wieder erloschen."

Als Farbtupfer auf einfärbigem Malgrund könnte man auch Enzensbergers Gedichte oder seine Prosaminiaturen bezeichnen, die in den letzten Jahren von seinem Schreibtisch kommen: eine gesammelte Auslese, auch wenn die jüngste, geradezu im Widerspruch, Fallobst heißt, mit dem Untertitel "Nur ein Notizbuch".

Mit Georg Christoph Lichtenberg, dem Erfinder gleichsam des deutschen Aphorismus, hat sich Enzensberger, bis hin zu einem Filmprojekt, eingehend auseinandergesetzt und zitiert ihn gern. Schließlich ist es von der Kunst der sinnreichen Notiz nicht weit zu jener der gedankenvertiefenden Betrachtung – die kann man nicht vom Baum schütteln, und sie liegt dennoch in der Wiese.

"Früher gab es nur einen Schöpfer. Seit dem 20. Jahrhundert wollen alle kreativ sein", lautet die witzige Klage eines, der sich seit 70 Jahren nach dem Fallobst bückt und dabei stets reiche Ernte einfährt. Manches könnte sich auch als Rat an "produktive" Menschen lesen: "Wenn du das Maul hältst, kommt keine Fliege rein." Das ist aber nur indirekt Enzensberger, als Quelle steht da: "Angebliches russisches Sprichwort."

Angeblich, das wäre auch so ein Enzensberger-Wort, das die Macht der Dinge relativiert. Und auf seinem "Landsberger Poesieautomaten", der per Zufallsprinzip beliebig vorgegebene Satzglieder kombinieren kann (er steht seit 2006 im Literaturarchiv Marbach), kann man lesen: "Letzten Endes sind wir dagegen." Aber, wie gesagt, die Möglichkeiten wechseln – dabei kann und sollte man es also nicht belassen.

Größe im Kleinen

Eine von Enzensbergers bekanntesten Werken ist das 1978 erschienene Versepos Der Untergang der Titanic, bei dem er sich das Schiffsunglück als Metapher für das Scheitern revolutionärer Hoffnungen zu eigen macht, die Wiederkehr des Weltuntergangs sozusagen.

Weniger bekannt ist seine Louisiana Story, die 1957 als Hörspielfassung gesendet wurde und als Prosa 1962 in einer Anthologie erschienen ist. Nun ist sie unter Enzensbergers Pseudonym Andreas Thalmayr neu aufgelegt worden, eine kleine erzählerische Kostbarkeit, die er einst von einer USA-Reise nach Hause brachte.

Darin erleben wir Enzensberger als Ethnografen, der bis ins Mississippi-Delta und nach New Orleans vorstößt. Überhaupt scheinen Schiffe und Meere eine wichtige Rolle in seinem Lebenswerk zu spielen. TransAtlantik nannte sich das legendäre Reportagemagazin, das er 1980 gegründet hatte.

Stets hatte Enzensberger mit der kleinen Form das Größere im Sinn. Schon 1965 hatte er das Kursbuch gegründet, die Kulturzeitschrift, eine Zeitlang Plattform der 68er-Bewegung, gibt es immer noch. Und nicht zu vergessen Die andere Bibliothek, die er 1984 mit dem Verleger Hans Greno ins Leben rief – sie hat es bis heute auf über 400 Bände gebracht.

Nicht zuletzt rundet das Engagement des Herausgebers, Ideensammlers und Kulturvermittlers ein beträchtliches Gesamtwerk ab, das uns auch in der Zukunft staunen machen wird. (Gerhard Zeillinger, 27.6.2020)

Cover: Suhrkamp

Hans Magnus Enzensberger, "Gedichte 1950–2020". 14,40 Euro / 243 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2019

Cover: Suhrkamp

"Fallobst. Nur ein Notizbuch". Mit Illustrationen von Bernd Bexte. 30,90 Euro / 368 Seiten. Suhrkamp, 2019

Cover: Suhrkamp

"Wirrwarr. Gedichte". Gestaltet von Justine Landat mit Bildern von Jan Peter Tripp. 24,70 Euro / 140 Seiten. Suhrkamp, 2020

Cover: Suhrkamp

Andreas Thalmayr (alias Hans Magnus Enzensberger), "Louisiana Story." Mit Illustrationen von Hannes Binder. 19,60 Euro / 79 Seiten. Hanser, München 2019