Heimische Reisebüros leben hauptsächlich von Provisionen, die sie kassieren, wenn Österreicher und Österreicherinnen einen Auslandsurlaub buchen. Wegen der Corona-Pandemie mussten beinahe alle Buchungen rückabgewickelt werden. Neubuchungen gibt es im Moment kaum, Österreich-Urlaube werden von Inländern selten über das Reisebüro gebucht.

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Zigtausende, die früher eine Urlaubsberatung in Anspruch genommen und im Reisebüro gebucht haben, sind der Branche mit Aufkommen des Internets verlorengegangen. Von einfachen Flügen bis zum komplexeren Urlaub – heutzutage wird die schönste Zeit im Jahr mehr denn je vom Heimcomputer oder vom Arbeitsplatz aus fixiert. Das ist eine Bedrohung, mit der Reisebüros zu leben gelernt haben.

Die weit größere Bedrohung für die stark zersplitterte Branche stellt das Coronavirus dar. Als Vermittler zwischen Reiseveranstaltern und Kunden scheinen die Reisebüros jetzt zwischen allen Stühlen zu sitzen. "Wir haben auch eine verderbliche Ware, das sind unsere Provisionen, die wir nicht lukrieren können", sagt Evelyn Korrak vom gleichnamigen Reisebüro, das seinen Sitz vor den Toren Wiens, in Neulengbach, hat. "Wir müssen ein ganzes Jahr rückabwickeln, alles zurückzahlen, selbst aber auf das Geld der Veranstalter warten. Kunden sagen jetzt November- und Dezemberbuchungen ab, weil sie in kein Flugzeug steigen, in keine Stadt fahren, an keinen Strand gehen wollen. Sie haben Angst, sich irgendwo anzustecken – oder, wenn sie nach Hause kommen, in Quarantäne zu müssen."

"Airlines antworten gar nicht"

Sie habe Tickets im Wert von 100.000 Euro im Schachterl, für Reisen, die Corona-bedingt abgesagt werden mussten, und die Leute warten seit März auf das Geld. "Die Airlines antworten nicht einmal. Jetzt habe ich meinen Anwalt einen Brief schreiben lassen. Die antworten auch meinem Anwalt nicht", regt sich Korrak im Gespräch mit dem STANDARD auf.

Gleiche oder ähnliche Erfahrungen haben viele gemacht, auch Phillies Ramberger. Ihr gehört Pur Touristik, ein auf hochwertige Individualreisen spezialisierter Reiseveranstalter mit angegliedertem Reisebüro in Gumpoldskirchen.

Ramberger weiß um den Ernst der Situation nur zu gut Bescheid. Im April ist sie an die Spitze des Österreichischen Vereins für Touristik (ÖVT) gerückt, nachdem Vorgänger Helmut Hirner die Obmannschaft zurückgelegt hatte – um sich "persönlich neu zu orientieren", wie er kundtat. "Um sich stärker um das eigene Geschäft kümmern zu können", heißt es hinter vorgehaltener Hand. Die auf Sprachreisen spezialisierte H2 Hirner Touristik in Frohnleiten, Steiermark, sei vom Lockdown besonders hart getroffen.

Hilfsgespräche

Ramberger jedenfalls versucht nun, Hilfen aufzustellen. Das, was es bisher gibt – von Kurzarbeitszeit bis Fixkostenzuschuss –, sei "nicht nichts", aber für die an Eigenkapital schwache Branche bei weitem nicht ausreichend.

Dabei sah es vor kurzem noch nach Aufschwung aus. "2019 war ein sehr gutes Jahr, für 2020 hatten wir bei den Vorausbuchungen sogar ein zweistelliges Plus. Wäre das Biest Corona nicht aufgetaucht, hätten wir sicherlich eines der besten Jahre in der Branche gehabt", sagt Ramberger. Nun sei alles anders. "Viele Familienbetriebe haben in der Krise ihr ganzes Tafelsilber verklopft, damit sie Betrieb und Jobs halten können."

Branche mit gut 10.000 Jobs

2600 Reiseveranstalter und Reisebüros erwirtschafteten zuletzt an die 4,7 Milliarden Umsatz. Gut 10.000 Arbeitsplätze hängen daran. Was aber macht diese Branche so speziell? Dazu zwei fiktive, aber durchaus realistische Beispiele: Ein Kunde hat im November eine Pauschalreise auf die Malediven gebucht, Abflug 10. April 2020, Preis: 4500 Euro. Das Reisebüro hatte den Arbeitsaufwand im November. Mitte März kommt es zum Lockdown, alle Reisen werden kostenlos storniert. Das Reisebüro zahlt dem Kunden den vollen Betrag aus, muss das Geld aber teilweise vorschießen, bis es vom Veranstalter retourniert wird, hat somit einen doppelten Verlust.

Noch schlimmer sieht es bei "Verbundenen Reiseleistungen" aus: Der Kunde bucht im November 2019 einen Flug nach Bangkok, Abflug 29. März 2020, Hotel ebendort – plus eine Kreuzfahrt. Der Ablauf ist wie beim Beispiel vorhin; erschwerend kommt aber hinzu, dass Fluglinien die Ticketkosten nicht an die Reisebüros refundieren, zum Teil jetzt noch nicht.

Richtlinie in Ausarbeitung

"Ich kenne keine Branche, die über einen so langen Zeitraum rückabwickeln muss, kaum Neubuchungen hat, alles kostenlos erledigen soll und teilweise als Bank fungieren muss", sagt Ramberger. Zuletzt geführte Gespräche mit Regierungsvertretern stimmten sie aber zuversichtlich, dass auf die Sorgen und Nöte der Branche doch noch eingegangen wird. Eine Richtlinie für maßgeschneiderte Hilfe ist nach STANDARD-Informationen in Ausarbeitung.

"Höchste Zeit", sagt ein Branchenkenner, der nicht genannt werden will. "Fluglinien wie die AUA bekommen Staatsgeld ohne Ende, verhalten sich selbst aber gegenüber Reisebüros inkorrekt." (Günther Strobl, 29.6.2020)