Mehr als 50 Prozent des globalen Ausstoßes klimaschädlichen Kohlendioxids stammen aus der Industrie.

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Produktion und Logistik von Industrieunternehmen verursachen gut die Hälfte des globalen CO2-Ausstoßes. Um hohe Kosten durch Bepreisung von Kohlendioxid zu vermeiden, müssen Unternehmen ihren CO2-Abdruck stark verkleinern. Knapp drei Viertel der österreichischen Industriebetriebe planen dies, auch wenn die Kosten für die Umstellung der Produktion hoch sind. Das ist ein Ergebnis der Studie "Green Factory of the Future" der Boston Consulting Group (BCG), die dem STANDARD vorliegt.

Die Strategieberatung hat dafür weltweit an die 1.200 produzierenden Unternehmen unterschiedlicher Größe aus verschiedenen Industrien befragt. In Österreich waren es gut hundert. Ziel der noch vor Ausbruch der Corona-Pandemie erfolgten Befragung sei es gewesen, den Stand der Dekarbonisierung und die effektivsten Hebel für eine zügige Umsetzung zu ermitteln, sagt Daniel Küpper, einer der Studienautoren.

13 Prozent haben Maßnahmen implementiert

"Themen wie Nachhaltigkeit und CO2-Reduktion haben massiv an Bedeutung gewonnen, das Bewusstsein, dass etwas getan werden muss, ist gestiegen. Zwischen Ambition und Implementierung klafft aber noch immer eine Lücke", sagt Küpper. Laut der Umfrage haben gut 75 Prozent aller 1.200 Befragten angegeben, dass Dekarbonisierung, also die Umstellung auf möglichst kohlenstofffreies Wirtschaften, zu einer der drei Top-Prioritäten in ihrem Unternehmen zählt. Tatsächlich haben aber nur 13 Prozent entsprechende Maßnahmen in Produktion und Logistik auch voll implementiert.

In Österreich, das zu den zwölf für die Studie repräsentativ ausgewählten Ländern gehört, ist das Ergebnis etwas besser. 15 Prozent der Befragten gaben an, sie hätten Maßnahmen zur CO2-Senkung in Produktion und Logistik schon voll umgesetzt. Mit diesem Wert liegt Österreich gemeinsam mit China im vorderen Feld. Lediglich Deutschland kann eine leicht höhere Umsetzungsrate von 16 Prozent vorweisen. Schlusslicht sind die USA mit nur elf Prozent.

Österreich schert aus

Auffällig in Österreich ist aber, dass nur 65 (statt im internationalen Schnitt 75) Prozent gesagt haben, Dekarbonisierung zähle zu den drei wichtigsten Prioritäten im Unternehmen. "Das hat auch mich überrascht. Möglicherweise wird das Thema in Österreich nicht mehr als so relevant wahrgenommen, weil man der Meinung ist, dass schon einiges getan worden ist. Das wäre allerdings ein folgenschwerer Trugschluss," meint Küpper.

Um die Erderhitzung, wie bei der Klimakonferenz 2015 in Paris vereinbart, bis zum Ende des Jahrhunderts bei 1,5 oder allerhöchstens 2,0 Grad Celsius einzubremsen, muss die Industrie gemäß Verursacherprinzip 45 Prozent der Emissionen einsparen. Zieldatum ist 2030, zumal Maßnahmen zum Klimaschutz erst sehr zeitverzögert wirken. 45 Prozent bedeutet in Zahlen 15 Milliarden Tonnen bzw. 15 Gigatonnen (GT) CO2 weniger aus Industrieschloten. Es ist die Differenz zwischen den 34 GT, die die Industrie ohne einschneidende Maßnahmen 2030 emittieren würde und den 15 GT, die erreicht werden sollen.

Verzögerung oder neuer Schwung

Corona könne nun dazu führen, dass Maßnahmen hinausgezögert werden, sagt Küpper und verweist auf die gerade heftig geführte Diskussion in Europa, ob beispielsweise Abgasnormen für Automobile nochmals nach hinten geschoben werden sollten. Corona könne aber auch ein Hebel für Unternehmen sein, ambitionierter vorzugehen.

"Jetzt, wo durch Corona an verschiedenen Stellen erheblicher Kostendruck entsteht, ist es für Unternehmen entscheidend, Maßnahmen zu setzen, die sowohl einen Kostenvorteil haben als auch ökologischen Benefit bringen", sagt Küpper. "Der Kostenvorteil wird schneller schlagend, je früher CO2 mit Kosten belegt wird und je höher diese Kosten etwa für Zertifikate oder über eine CO2-Steuer ausfallen." (Günther Strobl, 1.7.2020)