Schon schön: eine Gruppe Ohrenquallen.
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Wenn schon die durchschnittliche Supermarkt-Gurke im Ruf steht, in Form gepresstes Wasser zu sein – wie sieht es dann erst mit einer Qualle aus? Die enthält so gut wie keine Proteine, Kohlenhydrate oder Fette, wie die Syddansk Universitet in Odense nüchtern vorrechnet. Und doch gibt es eine ganze Reihe von Tieren, die Quallen fressen – von verschiedenen Fischarten über Krebstiere und Seeanemonen bis hin zu Meeresschildkröten.

Was im Gelee steckt

Um herauszufinden, ob die Nesseltiere einfach nur beiläufig aufgeschnappt werden oder ob sich gezielte Jagd auf sie tatsächlich auszahlt, haben sich dänische Forscher nun auf die Spuren des Nährwerts von Quallen gesetzt. Dabei fokussierte das Team um Jamileh Jamidpour auf die Ohrenqualle (Aurelia aurita), eine Schirmqualle mit 20 bis 30 Zentimeter Durchmesser, die zusammen mit ihren engsten Verwandten nahezu weltweit verbreitet ist. Bekannt ist sie nicht zuletzt deshalb, weil sie häufig in unmittelbarer Küstennähe vorkommt und auch in Hafenanlagen herumdümpelt.

Obwohl der geleeartige Körper der Qualle zu über 98 Prozent aus Wasser besteht (zum Vergleich: bei erwachsenen Menschen sind es etwa 65 Prozent), ist da doch noch mehr zu holen. Vor allem konnte Jamidpour eine Reihe mehrfach ungesättigter Fettsäuren identifizieren, etwa Arachidonsäure, Eicosapentaensäure oder Docosahexaensäure. Die Forscher sammelten über einen Zeitraum von zwei Jahren hinweg alle zwei Wochen Ohrenquallen auf und konnten so feststellen, dass der Fettsäurengehalt mit der Jahreszeit und dem Alter der Tiere schwankt. Besonders reichhaltig – für Quallenverhältnisse – sind ausgewachsene Exemplare mit fertig ausgebildetem Fortpflanzungsapparat.

"Jagd" ohne große Anstrengung

Um die Frage im Titel zu beantworten: Nein. Eine Qualle taugt als Mahlzeit ebenso wenig wie ein einzelner Gurkenstick ohne Dip. Aber die Masse macht's: Werden Quallen in großer Zahl verschlungen, beginnt es sich zu rechnen. Das Grundprinzip kennen wir aus Ökosystemen, die uns etwas vertrauter sind als der Ozean. Denn auch viele landlebende Pflanzenfresser verfahren nach der Taktik, nährstoffarme Kost in rauen Mengen zu verschlingen. Und leben davon keineswegs schlecht.

Eine Qualle bleibt selten allein, das Fangen könnte sich also lohnen.
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Und der Quallenfang ist dem Grasen gar nicht so unähnlich: Ohrenquallen treiben oft in großen Schwärmen durchs Wasser, es lässt sich also leicht eine nach der anderen aufsammeln. Sie sind überdies langsam und wehrlos, der Aufwand hält sich also sehr in Grenzen. Die dänischen Forscher zitieren Beobachtungen, denen zufolge ein Lachs eine Qualle zwanzigmal schneller fressen kann als eine – ungleich nährstoffhaltigere – Garnele. Wird wenig Energie bei der Jagd verbraucht, rechnen sich auch die kleinen Kalorienmengen solcher Beute.

Eine Seltenheit: Eine natürliche Ressource, die noch wächst

Bleibt noch ein Punkt, der auch nicht vergessen werden sollte, wie die dänischen Forscher betonen: Die glibberige Ressource ist seit einiger Zeit stark im Anwachsen. Bei den durch menschliche Aktivität verursachten globalen Veränderungen stehen Quallen nämlich auf der Gewinnerseite.

Die Erwärmung der Meere kurbelt ihre Fortpflanzung an, die damit verbundene Versauerung des Wassers schadet ihnen weit weniger als vielen anderen Tiergruppen. Und auch die Sauerstoffarmut, die durch Düngemittelrückstände aus der Landwirtschaft und daraus entspringende Algenblüten ausgelöst wird, trifft sie als letzte. Zudem hat Überfischung dafür gesorgt, dass viele ihrer natürlichen Feinde im Schwinden begriffen sind, wodurch ein höherer Prozentsatz des Quallennachwuchses überlebt.

Eine Löwenmähnenqualle ist gestrandet – und kaum einem anderen Tier sieht man es so sehr an, wenn es sein Element verlassen hat, wie einer Qualle.
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Den Quallen gehört also die Gegenwart. Die Zukunft hingegen nur so lange, bis damit begonnen wird, Quallen in großem Stil zu fischen und für den menschlichen Verzehr auf den Markt zu werfen. Bislang stehen sie nur in einigen ostasiatischen Ländern auf den Menükarten. Aber Ideen, dies zu auszuweiten, gibt es bereits. (jdo, 9. 8. 2020)