Wien/München – Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen – so lautet ein gängiger Kodex unter vielen Gefängnisinsassen. Wenn sich Gesetzesbrecher, die ihre Strafe absitzen, an dem japanischen Sprichwort orientieren, verwundert das wenig. Wenn es die Führungsetage eines Dax-Konzerns wie Wirecard macht, jedoch schon. Der Skandal rund um den insolventen Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München nimmt ungeahnte Ausmaße an und Hinweise auf einen gigantischen Betrug verdichten sich. Die fehlenden 1,9 Milliarden Euro in der Bilanz, an denen Wirecard stolperte, existierten wohl nie. Abseits davon floss jedoch viel echtes Geld unter dubiosen Umständen.

Wie Recherchen der Süddeutschen Zeitung (SZ), WDR und NDR zeigen, dürften über eine Briefkastenfirma auf Mauritius sowie fragwürdige Kredite an asiatische Unternehmen hunderte Millionen Euro verschwunden sein. Der Verbleib des Geldes ist ungeklärt. Das geht aus einem bisher unveröffentlichten Sondergutachten der Wirtschaftsprüfer von KPMG hervor, das die Medien einsehen konnten. 232 Seiten voller Ungereimtheiten, heißt es.

Wirtschaftsprüfer verdächtigen Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek, sich über eine Briefkastenfirma im Indischen Ozean selbst bereichert zu haben.
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Im Ozean versunkenes Geld

Ein Geschäft aus 2015 sticht hervor. Wirecard will den indischen Markt erobern und das Zahlungsgeschäft der Great India Retail Group übernehmen. Projekt "Peacock" (Pfau) heißt das Unterfangen. Doch die Aschheimer schauen durch die Finger. Vorerst. Eine Briefkastenfirma, angesiedelt in der Steueroase Mauritius, sichert sich das indische Geschäft um 35 Millionen Euro. Daraufhin kauft Wirecard dem obskuren Fonds namens "EMIF 1A" – der über ein Stammkapital von 100 Dollar verfügt – das indische Unternehmen um 216 Millionen Euro plus 110 Millionen Euro Gewinnbeteiligung ab.

Schlussendlich überwies Wirecard "nur" 315 Millionen Euro. Der Deal war der SZ zufolge jedoch so intransparent, dass auch KPMG nie herausfand, wo das Geld landete. Ex-Vorstand Jan Marsalek gab zu Protokoll, es sei nicht üblich, die Hinterleute zu ermitteln. Der damalige Finanzvorstand Burkhard Ley meinte, nach Verantwortlichen habe man nie gefragt – nichts hören, nichts sehen, nichts sagen.

Zwar stand der Verdacht im Raum, Marsalek selbst stehe hinter dem Fonds, das ließ sich jedoch nicht beweisen. Gegen ihn erging ebenso wie Ex-Firmenchef Markus Braun ein Haftbefehl. Braun stellte sich und wurde gegen eine Millionen-Kaution freigelassen. Marsalek befindet sich auf der Flucht.

Der Mauritius-Deal wirkt aufgeplustert wie ein Pfau beim Balzverhalten, lässt jedoch viel Spielraum für Betrügereien.
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Betrugsermittlungen

Dem nicht genug. Der Konzern soll 2018 zwei asiatischen Firmen ermöglicht haben, Kredite über 250 Millionen Euro zu beanspruchen, ohne Sicherheiten zu verlangen. Für ein weiteres Unternehmen soll es 115 Millionen gegeben haben. Und obwohl diese Firma Zinsen in Millionenhöhe nicht bezahlte hatte, genehmigte der Vorstand eine Verlängerung des Kredits. Chef dieser Unternehmen war KPMG zufolge ein ehemaliger Wirecard-Manager. Wirecard habe diesen Unternehmen die eigenen Kunden weitergeleitet, heißt es. Um welche Kunden es sich dabei handelt, bleibt aber offen. Wirecard äußerte sich zu diesen Erkenntnissen nicht.

All dies hat zur Folge, dass nun nicht mehr Wirtschaftsprüfer die Fragen stellen, sondern die Staatsanwaltschaft. Bisher stand der Konzern im Verdacht, Bilanzen gefälscht und den Börsenkurs manipuliert zu haben. Demnächst dürften auch Ermittlungen wegen Betrugs dazukommen. Am Mittwoch führte die Münchner Staatsanwaltschaft zum zweiten Mal binnen kurzer Zeit eine Razzia beim Konzern durch.

Softbank trennt sich von Wirecard

Der japanische Technologiekonzern Softbank hört und sieht diese Vorgänge und sagt auch was dazu. Offenbar wollen die Japaner laut Wall Street Journal die grundsätzlich auf fünf Jahre ausgelegte Partnerschaft kündigen. Somit verliert Wirecard den wichtigsten Partner für große Zukunftsprojekte. Der Deal sorgte vergangenes Jahr für großes Aufsehen. Softbank hatte über eine Wandelanleihe indirekt etwa eine Milliarde Dollar in Wirecard investiert.

Anders als der Name vermuten lässt, ist Softbank keine Bank, sondern eine Holding, die sich unter Regie ihres Chefs Matayoshi Son rund um den Globus an Start-ups und Zukunftstechnologien beteiligt. Softbank wollte Wirecard unter anderem beim Markteinstieg in Japan und Südkorea behilflich sein. Zudem meldeten am Donnerstag fünf Tochterunternehmen der Wirecard AG Insolvenz an. In Anwaltskreisen erwartet man einen Schaden in Milliardenhöhe, der aus dem Pfau resultiert, der seine Federn verloren hat. (Andreas Danzer, 2.7.2020)