Chimamanda Ngozi Adichie erhält den Hermann-Hesse-Literaturpreis 2020.

Foto: Reuters

Als sie mit sechs Jahren zu schreiben begann, war ihr Weltbild noch von Stereotypen geprägt, die ihr in angloamerikanischer Literatur begegneten: "Ein Buch, dachte ich, ist etwas, worin weiße Menschen etwas machen. Alle meine Figuren hatten daher blaue Augen und blonde Haare", sagte Adichie jüngst im "Zeit"-Magazin.

Heute zählt die 42-jährige Autorin aus Nigeria zu den bekanntesten Intellektuellen Afrikas, und sie hat stark daran mitgewirkt, dass sich die starren gesellschaftlichen Vorurteile um einige Perspektiven erweitern und sich die eklatanten Bildungslücken sowohl nördlich wie südlich des Äquators schließen.

In den USA und Großbritannien wurde die auf Englisch schreibende Chimamanda Ngozi Adichie, wie sie mit vollem Namen heißt, seit den Nullerjahren breit rezipiert und ausgezeichnet. Der Hermann-Hesse-Literaturpreis, den sie nun erhält, ist der vorläufige Höhepunkt der deutschsprachigen Ehrenwürden. Zuvor war sie 2018 Gastrednerin bei der Frankfurter Buchmesse, 2019 erhielt sie den Kasseler Bürgerpreis "Glas der Vernunft" für Verdienste um die Aufklärung.

Studien über Nigeria und Amerika

Der Hesse-Preis würdigt indes Adichies literarisches Werk, konkret das 2003 erschienene Romandebüt "Blauer Hibiskus", das von der ebenfalls ausgezeichneten Judith Schwaab 2005 ins Deutsche übersetzt wurde. In dem Roman, an dem laut Jury "alles stimmt", beschreibt die katholisch erzogene Adichie, wie im Nigeria der 1990er-Jahre Islamismus und kolonial belastete Traditionen aufeinanderprallten.

Autobiografisch motiviert erzählt Adichie im Roman auch vom Aufwachsen in einer nigerianischen Upper-Class-Familie. Ihr Vater war Nigerias erster Statistikprofessor, sie selbst ging mit 19 Jahren in die USA, studierte Politikwissenschaft und Afrikanistik an Eliteunis, kehrte aber immer wieder nach Nigeria zurück.

In ihrem jüngsten Roman "Americanah" (2013) dreht die verheiratete Mutter einer Tochter die Perspektive um, seziert die von Krieg und Leid verstellte Perspektive des Westens auf das schöne Afrika und beschreibt die Rassismuserfahrung, die schwarze Afrikaner erst beim Auswandern erleben.

Unermüdlich um die Welt tourend, begeistert Adichie außerdem mit ihren Kurzgeschichten und Medienbeiträgen. Bereits ikonisch nimmt sich zudem ihr TED-Talk "We should all be feminists" aus. Nicht nur Ex-First-Lady Michelle Obama, sondern auch Pop-Königin Beyoncé sieht in ihr eine Quelle der Inspiration. (Stefan Weiss, 2.7.2020)