Wolfsspinnen wie Pardosa groenlandica, Pardosa glacialis (hier im Bild) oder Pardosa lapponica sind Bewohner der arktischen Tundra.
Foto: Jörg U. Hammel

Die Zeit der Fruchtbarkeit in der Arktis wächst – und das gilt nicht allein für die Pflanzenwelt. Dänische Forscher berichten im Fachjournal "Proceedings of the Royal Society B", dass sich im Hohen Norden gerade ein Baby-Boom abzeichnet. Und der betrifft jenes Tier, das unter den Wirbellosen der Arktis am Ende der Nahrungskette steht: die Wolfsspinne.

Wolfsspinnen (Lycosidae) bevölkern mit annähernd zweieinhalbtausend Arten praktisch den gesamten Globus, nur die dauerhaft vergletschterten Regionen der Arktis und Antarktis sind sogar ihnen zu unwirtlich. Wo der Boden eisfrei ist, kommen die bis zu vier Zentimeter großen Spinnen vor und fressen Insekten, Springschwänze und all die anderen wirbellosen Tiere, die dort herumkrabbeln. Sie weben keine Netze, sondern nutzen ihre Seide nur, um damit ihre Erdhöhlen oder in kleinen Zwischenräumen angelegten Nester auszukleiden. Tagsüber wird dort entspannt, nachts beziehen sie hinter dem Eingang Lauerstellung: Trippelt ein Beutetier daran vorbei, kommen sie hervorgeschnellt und schnappen es sich.

Mitunter tappen sie aber auch selbst in eine Falle – wie auf Grönland, wo die Forscher der Zackenberg-Forschungsstation im Nordosten der Insel seit mittlerweile 20 Jahren Spinnen fangen, um sie zu studieren. Besonderes Interesse gilt dabei deren Fortpflanzung. Wolfsspinnen haben nämlich ein praktisches System entwickelt, um die Doppelbelastung Brutpflege und Jagd unter einen Hut zu kriegen: Sie tragen die Eier in einem Sammelkokon herum, den sie sich an den Hinterleib heften. Gegen kleine Feinde lässt sich der Nachwuchs auf diese Weise leicht verteidigen – nur Biologen lassen sich zur Enttäuschung der Spinne nicht so leicht abwimmeln.

Eine Wolfsspinne mit Eierkokon.
Foto: PA/AFP/YURI KADOBNOV

Nach Jahrzehnten dauerhaften Studiums der Spinnenpopulation haben die Forscher nun einen neuen Trend entdeckt, wie Toke T. Høye von der Universität Århus berichtet: Die Tiere bekommen doppelt so oft Nachwuchs wie früher. In wärmeren Weltregionen ist es nicht ungewöhnlich, wenn eine Wolfsspinne zweimal pro Jahr mit einem prallen Eierkokon herumläuft. In der Arktis war dies bisher nicht der Fall, doch das hat sich geändert: Die Forscher der Zackenberg-Station, die für jeden entführten Kokon minutiös die Zahl der enthaltenen Eier festhalten, können aus ihrer Statistik eindeutig ableiten, dass die Spinnen immer öfter zweimal pro Sommerhalbjahr Nachwuchs produzieren.

Der Klimawandel macht sich in der Arktis besonders stark bemerkbar. Die Vegetationsperiode setzt früher ein und hält länger an, Pflanzen und Tiere rücken immer weiter Richtung Norden und in immer größere Höhenlagen vor. Die Wolfsspinnen können sich auf diese Veränderungen offenbar hervorragend einstellen, bilanzieren die Forscher. Von den Anpassungsfähigkeiten ihrer Beutetiere hängt nun ab, wie sich der Spinnen-Boom aufs arktische Ökosystem auswirken wird. Da könne man bislang nur spekulieren, sagt Høye. Es besteht aber auch die Chance, dass sich der Baby-Boom bis zu einem gewissen Grad selbst regulieren wird – immerhin neigen Wolfsspinnen zum Kannibalismus. (jdo, 11. 7. 2020)

Mütterliche Mühen: Selbst der geschlüpfte Nachwuchs wird noch eine Zeitlang herumgetragen.
Foto: AP Photo/Jamie-Andrea Yanak