Ganz in der Nähe von uns daheim ist eine große Wiese, wir haben einen Garten. Ich war mit meinem Großen viel unterwegs, wir sind Rad gefahren, gelaufen, haben Fußball gespielt, uns im Gatsch gewälzt. Wir haben jede Pfütze mit nach Hause genommen, es war eine schöne Zeit, wir hatten Spaß, nutzten sie gut. Mein älterer Sohn ist vier Jahre alt, mein jüngerer fünf Monate. Der Kleine hat logischerweise wenig mitbekommen. Wir waren zwar eingesperrt, aber doch draußen an der frischen Luft.

Zlatko Junuzovic berührt zum zweiten Mal den Meisterteller. Für RB Salzburg ist es der elfte Streich.
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Die normalen Abläufe waren nicht mehr gegeben, kein Kindergarten, der Papa musste nicht zur Arbeit. Das Leben eines Fußballers ist sehr strukturiert, Corona bedeutete eine enorme Umstellung. Zumal wir ja mitten aus der Saison rausgerissen wurden. Es ist Schlag auf Schlag gegangen. Noch am 8. März haben wir zum Abschluss des Grunddurchgangs daheim gegen Sturm Graz gespielt, 2:0 gewonnen, es waren 11.000 Zuschauer im Stadion. Wir sind am LASK dran geblieben, hatten für die Meistergruppe drei Zähler Rückstand.

Okay, zu diesem Zeitpunkt war Corona schon ein großes Thema, aber die Tragweite war nicht absehbar. Dann plötzlich kein Training mehr, Unterbrechung der Liga. Ich habe mich in den Medien informiert. Es folgte der Lockdown, er hat alle Menschen getroffen und überrascht. Niemand ahnte, dass es zu solch rigiden Maßnahmen kommt. Keiner wusste, was passiert, wie es weitergeht, es war alles offen. Eigentlich war alles zu. Ausgenommen die Supermärkte und andere lebensnotwendige Einrichtungen. Ausgangssperre. Wir haben vom Verein ein Heimprogramm bekommen, es begann eine intensive, merkwürdige Zeit. Angst hatte ich aber nie. Man konnte auf einmal seinen Beruf nicht mehr ausüben, aber so ging es vielen Menschen.

Ich vermisste den Ball

Am Abend habe ich mich oft gefragt, was die nahe Zukunft bringen mag. Können wir die Meisterschaft zu Ende spielen? Das Heimprogramm war extrem intensiv, an dieser Stelle schöne Grüße an unseren Athletiktrainer. Es war aber gut, es hat gepasst, ich habe mich mit der Situation arrangiert. Ich vermisste den Ball. Trainiert habe ich in den Abendstunden, der Tag gehörte meiner Familie. Ich scharrte in den Startlöchern, verfolgte die Entwicklung der Corona-Zahlen, hoffte auf Zeichen der Politik. Als dann angekündigt wurde, dass ab 20. April wieder Kleingruppentraining ohne Körperkontakt erlaubt ist, war ich einfach nur erleichtert.

Am 21. April habe ich endlich wieder einige meiner Teamkollegen gesehen, wir waren ja nur zu sechst in der Gruppe. Wir achteten darauf, uns nicht zu umarmen, trugen in der Kabine Schutzmasken. Es war wunderbar, fast rührend, wir hatten ja knapp sechs Wochen lang keinen persönlichen Kontakt, es war eine Art Heimkehr. Natürlich war es anders, aber es war wieder Fußball, ein reduzierter Fußball. Es gab jetzt Strukturen, du musstest pünktlich zum Training erscheinen, es hat Spaß gemacht. An die Hygienevorschriften habe ich mich rasch gewöhnt, ich konnte den Flaschen mit Desinfektionsmitteln gar nicht entkommen, sie standen und hingen ja überall. Die Corona-Tests wurden zur Routine.

"Wir haben beschlossen, dass der LASK nicht Meister werden darf."
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Schock vor dem nächsten Schritt

Der nächste Schritt war dann die Rückkehr ins Mannschaftstraining. Davor kam der Schock, es war der 14. Mai. Der LASK, der im Herbst alle begeistert und uns mehr als gefordert hat, wurde aufgeplattelt. Weil er gegen die Corona-Regeln verstoßen, unerlaubtes Mannschaftstraining abgehalten hat. Ich war schockiert, für mich war das ein Wahnsinn. Warum machen sie das? Warum riskieren sie so viel? Warum setzen sie alles aufs Spiel? Die Liga hatte darum gekämpft, dass wir weitermachen dürfen. Und dann provoziert der LASK einen möglichen Abbruch. Mir fehlen heute noch die Worte. Letztendlich war es eine zusätzliche Motivation, ein Ansporn. Wir haben beschlossen, dass der LASK nicht Meister werden darf. Unabhängig vom Punkteabzug.

Am 29. Mai fand im leeren Klagenfurter Stadion das Cupfinale gegen Austria Lustenau statt. Ich wusste schon in der Früh, dass wir gewinnen. Wir waren voll konzentriert, es ging um einen Titel, das hat man gesehen und gespürt, Endstand 5:0. Ein Geisterspiel sorgt für andere Emotionen. Ich wünsche mir die alte Normalität zurück, aber das ist eh klar. Wir haben schon in der Kabine gefeiert, aber es war nicht das, was man Normalität nennt.

Luststeigerung

Wie man mit Geisterspielen umgeht? Es ist kompliziert, kein Künstler singt gerne in einer leeren Halle. Wir spielen ja Fußball auch für die Menschen, wir wollen sie unterhalten. Es ist wie in deiner Kindheit oder Jugend, da hat bei den Spielen niemand, die Eltern vielleicht ausgenommen, zugeschaut. Du hast andere Aufgaben, musst fokussiert und konzentriert sein, es ist technisch und taktisch anders. Wenn es so leise ist, hast du das Gefühl, es ist ein Training. In diesem Bedeutungsverlust besteht die Gefahr. Du musst höllisch aufpassen, dir bewusst sein, es geht um Punkte und Titel, du darfst keine Fehler machen. Mental wirst du mehr gereizt. Aber wir haben es gemeinsam geschafft, sind noch enger zusammengerückt, unsere Lust ist gestiegen und gestiegen. Jeder hat den anderen mitgezogen, keiner hat gejammert, alle haben die Situation angenommen. Wir waren fit, hatten die Basics, das große Ganze war überragend, wir gerieten in einen Flow.

Junuzovic nach seinem persönlichen Höhepunkt.
Foto: APA/HERBERT NEUBAUER

Generell hat mich das Niveau der Geisterspiele überrascht, Kompliment an die Konkurrenz. Nach dem 7:2 gegen Rapid war mir klar, wir sind Meister. Ich durfte und wollte es nur nicht hinausposaunen. Mein Volley zum 6:1 war mein persönlicher Höhepunkt. Ich habe mir das Tor sehr oft angeschaut, und ich kann es immer wieder sehen. Was Red Bull Salzburg auszeichnet, ist das Gemeinsame, der harte, aber wertschätzende Konkurrenzkampf. Jeder kriegt seine Einsatzzeiten, jeder fühlt sich in dieser Truppe pudelwohl. Natürlich haben wir bessere Rahmenbedingungen als andere, nicht nur in Österreich. Unser Betreuerstab ist hochprofessionell, arbeitet akribisch.

Anderes Adrenalin

Trainer Jesse Marsch ist brutal gut, er passt in die großen Fußstapfen, die Marco Rose hinterlassen hat. Dabei war der Erwartungsdruck enorm. Marsch hat das überragend gemacht, er war immer positiv, sein Blick war stets nach vorn gerichtet, er übertrug seine Energie auf uns. Jetzt sind wir wieder Meister. Vom Adrenalin her ist es mit Zuschauern natürlich anders. Es ist trotzdem ein geiler Titel, in vielen Jahren wird man sich daran wohl ganz besonders erinnern. Aber es soll definitiv der letzte Meistertitel sein, den wir so feiern. Ich möchte das Spielfeld wieder normal betreten können, ich will wieder Applaus und Pfiffe hören. (Christian Hackl, 4.7.2020)