Spielberg – Nicht Lewis Hamilton, sondern Mercedes-Gefährte Valtteri Bottas hat sich die Pole für das erste Saisonrennen der Formel 1 im Corona-Jahr 2020 gesichert. Der finnische Österreich-Spezialist war im Qualifying den Hauch von 12 Tausendstel schneller als der Weltmeister und sicherte sich seine bereits dritte Spielberg-Pole. Max Verstappen kämpft von Platz drei mit der Vorjahres-Taktik um den Hattrick.

Der Niederländer geht auch beim Start in die verkürzte Saison als einziger Fahrer in den Top Ten mit härteren Reifen in den über 71 Runden gehenden 33. Österreich-Grand-Prix. Das könnte bei fast 30 Grad wie im Vorjahr ein großer Vorteil sein, weil der Niederländer mit seinen Gummiwalzen am Red Bull anfangs länger auf der Strecke bleiben kann als die Konkurrenz. Im Vorjahr hatte bei ähnlicher Taktik nicht einmal ein verpatzter Start den zweiten Red-Bull-Heimsieg des 22-Jährigen in Folge verhindern können.

Ferrari erlebte eine Riesen-Enttäuschung: Charles Leclerc kam über Platz sieben nicht hinaus, Sebastian Vettel wurde nur Elfter.

Neuer Pole-Rekord

Vorab-Favoriten bleiben die beiden Mercedes-Piloten. Hamilton hatte zwar alle drei Trainings dominiert, scheiterte im Q3 aber hauchdünn an der Pole. Womöglich auch deshalb, weil Bottas in der Entscheidung einen Ausritt hatte und damit "Gelb" auslöste. Es gab aber zumindest öffentlich keine teaminternen Diskussionen über die knappste Pole-Entscheidung in der Geschichte des Red Bull Rings.

Keine Rückversetzung für Hamilton

Vielleicht auch, weil gleich zwei Untersuchungen gegen Hamilton ohne Rückversetzung endeten. Seine schnellste Rundenzeit im ersten Versuch von Q3 wurde wegen Verlassens der Strecke gestrichen. Die war aber langsamer als jene Runde, die Hamilton Platz zwei gesichert hatte.

Zudem hatte Hamilton nach Bottas' Ausritt bei Gelben Flaggen seinen Boliden nicht ausreichend abgebremst. Weil aber sowohl grüne als auch gelbe Signale gleichzeitig sichtbar gewesen waren, sahen die Stewards auch hier von einer Bestrafung ab.

Valtteri Bottas schiebt sich auf den ersten Startplatz.
Foto: REUTERS/Leonhard Foeger/Pool

Bottas freute sich über seine insgesamt 12. Pole sowie darüber, dass er mit 1:02,939 Minuten auch den im Vorjahr von Ferrari-Jungstar Charles Leclerc aufgestellten Pole-Rekord unterboten hatte. "Toll, was für ein Auto man uns hergestellt hat", jubelte der Finne über seinen als Zeichen gegen Rassismus nun schwarzen "Silberpfeil".

Zeichen gegen Rassismus geplant

Vor dem Rennen werden alle 20 Fahrer T-Shirts mit der Aufschrift "End Racism" tragen. Dies berichtete die BBC. Weiter sei bei einem Meeting der Piloten am Freitag diskutiert worden, in der Startaufstellung gemeinsam auf die Knie zu gehen. Eine Handvoll Piloten habe allerdings Bedenken zu dieser Geste kundgetan, die der dunkelhäutige Footballstar Colin Kaepernick 2016 etabliert hatte.

Verstappen will Mercedes ärgern

Zurück zum Sportlichen: Laut Bottas sei Mercedes derzeit in einer eigenen Liga. Diesen Eindruck hatte man bei der vier Monate verspätet und erstmals in Österreich beginnenden WM schon in den Trainings bekommen. In der Quali musste sich Hamilton am Samstag aber knapp mit Platz zwei begnügen. "Ich habe es einfach nicht geschafft, schneller zu sein", meinte der sechsfache Weltmeister, der seit seinem Österreich-Sieg 2016 in Spielberg nie wieder auf das Podest gekommen ist. Hamilton ist schon länger sieglos in der WM, würde aber einen siebenten WM-Titel in dieser Ausnahme-Saison besonders wertschätzen.

Über 200 Tage nach dem Saisonfinale 2019 in Abu Dhabi beginnt am Sonntag in Spielberg die Not-WM ohne Zuschauer. Aber mit berechtigter Hoffnung auf Spannung. Dafür soll auch ohne Zehntausende Oranjes auf den Tribünen erneut Verstappen sorgen.

"Ich bin zwar heute nur Best of the Rest. Ich kann Sonntag aber anfangs einen härteren Reifen fahren, was ein Vorteil für uns sein kann", lautet die Hoffnung des Niederländers auf die Wiederholung seines Vorjahres-Coups. "Zumindest wollen wir es Mercedes so schwer wie möglich machen."

Weltmeister Lewis Hamilton komplettiert für Mercedes die erste Startreihe.
Foto: Mario Renzi/Pool via REUTERS

Das wünscht sich auch Helmut Marko. "Wenn der Reifenverschleiß am Sonntag so bleibt, wie von uns berechnet, haben wir einen gewichtigen Vorteil", war Red Bulls Konsulent angesichts der erwarteten 28 Grad überzeugt. "Wir drehen einfach noch ein bisschen mehr auf", würde Marko am liebsten Wettergott spielen.

Toto Wolff ist sich bewusst, dass trotz des 65. Front-Row-Lockous für Mercedes und des erstmaligen Renneinsatzes eines revolutionären Lenksystems beim WM-Auftakt noch nichts in trockenen Tüchern ist. "Von Red Bull kommt sicher noch was, ich bleibe skeptisch", sagte der Teamchef im ORF Fernsehen. "Wird es wieder so heiß, wird es schwierig für uns. Unser weicher Reifen wird früher eingehen als der Medium von Max. Das war ein cleverer Schachzug von denen."

Ferrari enttäuscht

Ferrari zeigt sich hingegen naturgemäß enttäuscht. Das Formel-1-Traditionsteam ist ins Mittelfeld abgerutscht. Spätestens mit dem Qualifying bestätigten sich jene Vorahnungen, die prophezeit hatten, bei der Entwicklung des diesjährigen Autos sei einiges schief gelaufen.

"Für uns war es kein einfaches Qualifying", meinte Leclerc, der es gerade noch in die letzte Session Q3 geschafft hatte – im Gegensatz zu Vettel. Dieser sagte: "Das ist mit Sicherheit nicht unser Anspruch, aber ich glaube, dass im Moment nicht so viel mehr drin ist". Dabei habe sich das Auto für ihn "okay" angefühlt. "Ich denke, heute Nachmittag haben uns vielleicht die Temperaturen ein bisschen... nicht kalt erwischt, aber heiß erwischt. Ich hatte nicht mehr so das Vertrauen in die Hinterachse, habe auch im ersten Run das Heck verloren und kam danach nicht mehr so wirklich in meinen Rhythmus."

Ein Hoffnungsschimmer für Vettel: "Vielleicht ist der elfte Platz gar nicht so schlecht, weil wir jetzt mit der Strategie ein bisschen spielen können. (APA, sid, red, 4.7.2020)