Nach fünf Nominierungen erhielt Morricone 2007 endlich den Oscar für sein Lebenswerk. "Filmmusik braucht Raum, um sich entfalten zu können. Der Film muss der Musik Zeit geben, um sich zu entwickeln", sagte er 2003.

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Dass Ennio Morricone langsame, pathetische Szenen in Italowestern der 1960er-Jahre derart aufzuladen verstand, dass aus einer eigentlich bescheidenen Filmhandlung nicht nur großes Kino, sondern auch große, psychologisierende Oper entstand, verdankte sich einem Kompromiss, den er aus finanziellen Gründen einging.

Der am 10. November 1928 im römischen Stadtteil Trastevere geborene kleine zierliche Mann mit dem energischen Impetus hatte eigentlich klassische Komposition, Trompete und Chormusik studiert, sich aber nebenher als Jazztrompeter verdingt, um Frau und Kinder zu ernähren. Damit folgte er den Fußstapfen seines Vaters, eines Trompeters in römischen Unterhaltungsorchestern.

Ennio Morricone

Ab den 1950er-Jahren arbeitete Morricone als Ghostwriter oder unter Pseudonymen wie Dan Savio oder Leo Nichols für Theater und Film. Er schrieb auch anspruchsvollere Schlager, etwa für Rita Pavone, Paul Anka – später in den 1970er-Jahren auch für Mireille Mathieu, Demis Roussos oder Milva. Von den 1960er-Jahren an war Morricone parallel – und wohl auch zur Befriedigung seiner "seriösen" Ansprüche an Musik – entscheidendes Mitglied des Improvisations- und Avantgarde-Ensembles Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza, kurz "Il Grupo" genannt.

Erster Weltruhm

1964 erlangte Ennio Morricone allerdings ersten Weltruhm für seinen Soundtrack zu Für eine Handvoll Dollar mit Clint Eastwood. Regie führte Sergio Leone, sein alter Freund und Klassenkamerad aus Kindheitstagen. Gemeinsam zeichnete das Duo für die Revolutionierung des damals müde gewordenen Westerngenres verantwortlich.

Gemeinhin wird die italienische Variante als "Spaghettiwestern" abgetan. Die sehr europäische, realistische wie pessimistische Sicht auf das alte US-Heldengenre mit ihren langen Close-ups und Breitwand-Kamerafahrten über zerfurchte, zerstörte Gesichter und karge, leblose Landschaften erfuhr durch die teilweise vor den Dreharbeiten geschaffene Musik Morricones, nach der sich Sergio Leone dann in seiner Regiearbeit richtete, eine unglaubliche zusätzliche Kraft.

Ennio Morricone

Schier endlos gezogene Trompetentöne aus dem mexikanischen Fach, klagende Mundharmonikatöne, schneidende, verzerrte Gitarren, kommentierende Chöre wie aus griechischen Tragödien, dazwischen unglaubliche, zu Herzen gehende Kitsch-Arien diverser lautmalerisch singender Sopranistinnen, Pistolen- und Peitschengeknalle: All das verdichtete sich zu heute längst kanonisierten und oft mehr schlecht als recht kopierten Blutopern hoch zu Pferde.

600 Kompositionen

Später sollte sich Ennio Morricone, der im künstlerischen wie privaten Umgang gewöhnlich als mindestens mürrisch beschrieben wird, darüber beklagen, auf diese Arbeiten reduziert zu werden. Von gut 600 Kompositionen in seinem Leben würden schließlich nur höchstens fünf Prozent dieser Ecke zugeordnet werden können.

Zwei glorreiche Halunken (1966) mit der Jahrhundertmelodie The Ecstasy of Gold, die Mundharmonikamelodie aus Spiel mir das Lied vom Tod (1968), sie dürften allerdings selbst kinofremden Personen bekannt sein. Sie zählen heute zur DNA der populären Musik.

Morricone arbeitete fortan mit Filmemachern wie Bernardo Bertolucci, etwa für 1900, oder für den italienischen Horrormeister Dario Argento. Für Pier Paolo Pasolini fertigte er die Soundtracks zu Teorema, Decameron oder Die 120 Tage von Sodom. Die Musik für Giuliano Montaldos Politfilm Sacco und Vanzetti und das von Joan Baez gesungene Lied Here’s to You von 1971 sind ebenso Klassiker, wie sich Vielschreiber Morricone auch mit klassischer Kammermusik, Kantaten und Chorwerken verdient machte.

Dazwischen immer wieder das leichte Fach: Mein Name ist Nobody mit Terence Hill, Der Komödiendauerbrenner Ein Käfig voller Narren, Eine Faust geht nach Westen mit Bud Spencer. Berühmt auch Morricones Melodie Chi Mai aus dem Jean-Paul-Belmondo-Vehikel Der Profi von 1981.

In Hollywood arbeitete Morricone etwa für Es war einmal in Amerika (mit dem Stück Deborah’s Theme), The Thing oder The Untouchables. Dass er 1987 trotz Nominierung für Mission mit Robert De Niro nicht den Filmmusik-Oscar erhielt, wurmte ihn so sehr, dass Ausschnitte des Soundtracks fortan weite Teile seiner Konzertprogramme bestimmten. Hier galt es historische Gerechtigkeit herzustellen.

Große Tourneen

Vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten war Morricone immer wieder auch mit teilweise 200-köpfigen Orchestern auf Tournee. Bei denen hörte man natürlich, pflichtschuldig gegenüber seinem Publikum, seine "größten Hits", allerdings eben auch ambitionierte unbekanntere Werke. Sie forderten und interessierten den streng fuchtelnden Komponisten ebenso wie seine sonst gern auf Blindflug agierenden Musiker augenscheinlich mehr als seine Welterfolge.

Für sich selber hat Morricone eine Todesanzeige geschrieben, die am Dienstag in den wichtigsten Tageszeitungen Italiens geschaltet wird. Darin bittet er um eine Trauerzeremonie in privater Form. "Ich will nicht stören", schrieb der gebürtige Römer. "Ich, Ennio Morricone, bin gestorben. Das kündige ich allen Freunden an, die mir stets nahe gestanden sind und auch jenen, die ferner sind und die ich mit großer Liebe grüße. Es ist unmöglich alle zu nennen", so der Maestro.
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Noch im Vorjahr absolvierte der mittlerweile 90-jährige Morricone, der dann 2007 doch noch einen ersten Oscar für sein Lebenswerk und 2016 einen für den Score von Quentin Tarantinos The Hateful Eight erhielt, eine letzte Gastspielreise in Europa. Zuletzt konnte der vielfach ausgezeichnete Maestro für das Weihnachtskonzert 2019 im Vatikan gewonnen werden.

Jetzt ist Ennio Morricone im Alter von 91 Jahren nach einem Sturz in einer Klinik in Rom gestorben. Er hinterlässt seine Frau Maria, mit der er seit 1956 verheiratet war, sowie vier Kinder im besten Alter und diverse Enkel. Ennio Morricone hinterlässt vor allem aber ein musikalisches Jahrhundertwerk. (Christian Schachinger, 6.7.2020)

Postskriptum 1:

Der italienische Filmkomponist Ennio Morricone, der am Montag in Rom im Alter von 91 Jahren gestorben ist, hat für sich selber eine Todesanzeige geschrieben, die am Dienstag in den wichtigsten Tageszeitungen Italiens geschaltet wird. Darin bittet er um eine Trauerzeremonie in privater Form. "Ich will nicht stören", schrieb der gebürtige Römer.

Selbstverfasste Todesanzeige

"Ich, Ennio Morricone, bin gestorben. Das kündige ich allen Freunden an, die mir stets nahe gestanden sind und auch jenen, die ferner sind und die ich mit großer Liebe grüße. Es ist unmöglich alle zu nennen", so der Maestro.

Ausdrücklich nannte Morricone seine drei Schwestern und ihre Angehörige, sowie seine Kinder und Enkelkinder. "Ich hoffe, dass sie begreifen, wie sehr ich sie geliebt habe", so Morricone. Sein letzter Gedanke galt seiner Frau Maria. "Ich beteuere ihr meine außerordentliche Liebe, die uns zusammengehalten hat und die ich schweren Herzens verlasse. Ihr gilt mein schmerzhaftester Abschied", so der Filmmusik-Komponist.

Die Gemeinde Rom will Morricone einen Saal im Musikauditorium "Parco della Musica" widmen. "Morricone schien unsterblich. Er hat Millionen Menschen mit seiner Musik Freude geschenkt", kommentierte die römische Musikakademie Santa Cecilia, die der Komponist als Jugendlicher besucht hatte. (APA)

Postskriptum 2:

Das letzte Stück, das der am Montag verstorbene Filmmusik-Komponist Ennio Morricone geschrieben hat, ist eine Hommage an die Todesopfer der im August 2018 eingestürzte Morandi-Brücke in Genua. Das Werk für Orchester und Chor hatte der 91-jährige Morricone für ein Konzert komponiert, das am Tag vor der Einweihung der neuerrichteten Brücke im Theater Carlo Felice in Genua geplant ist.

"Viele Steine als Erinnerung"

Morricone hatte positiv auf eine Bitte des Intendanten des Theaters von Genua, Claudio Orazi, reagiert, ein Stück für die 43 Todesopfer des Brückeneinsturzes zu schreiben. "Das vier Minuten lange Stück mit dem Titel 'Viele Steine als Erinnerung' ist extrem bewegend und ist das letzte Werk, das Morricone vor seinem Tod vollendet hat", teilte das Theater in Genua am Montag mit.

Die vom Stararchitekten Renzo Piano entworfene neue Brücke in Genua soll Ende Juli fertig sein. Wenn alles gut gehe, seien die Bauarbeiten am 29. Juli abgeschlossen, sagte der Bürgermeister von Genua, Marco Bucci, kürzlich.

Die Morandi-Autobahnbrücke war im August 2018 in der ligurischen Hafenstadt eingestürzt. Derzeit wird noch an Fahrbahnen, Leitschienen und Beleuchtung gearbeitet. Nach dem Einsturz hatte die Regierung in Rom angekündigt, dem Autobahnbetreiber A8autostrade per l'Italia (ASPI) die Lizenz zu entziehen. Dies ist aber bisher nicht geschehen. (APA)