Zwischen Ernst und Humor: die gepiercte Zunge als Spiegel.
Foto: KÖR/Iris Ranzinger

Was ist denn das? Am Wiener Graben scheint sich ein meterhohes Stück Fleisch auf einem Podest aufzurichten, ja sogar an der dahinterliegenden Stange emporzukriechen. Oder ist es doch ein enormes Stück Lachs-Sashimi, das an ein Essstäbchen gelehnt ist? Ein silbernes Piercing an der Spitze enttarnt das knallrote Etwas.

Mit ihrer Pop-Art-Skulptur Slip of the Tongue stellt die deutsche Künstlerin Alexandra Bircken eine Zunge als abgetrenntes Körperteil auf ein Podest in die Innenstadt. Obwohl aus glänzendem Aluminium gegossen, wirkt die Oberfläche feucht, warm und weich zugleich. (Ja, man darf hier auch an Erotik denken.)

Wie wichtig die Zunge sei, zeige sich allein an den Aufgaben, die diese erfülle, erklärt Bircken: "Mit ihr schmecken, schlucken, lecken und sprechen wir." Insbesondere das Sprechen (und Sich-Versprechen, Titel!) habe Bircken zu ihrer Idee geführt, die ihr während des Impeachment-Verfahrens gegen Donald Trump gekommen sei.

Auf der Luxus-Konsummeile fragt die Zunge ganz frech: "Was tut ihr denn da?"
Foto: KÖR/Iris Ranzinger

Dieser nutze seine Zunge, um Lügen zu verbreiten und Wahrheiten zu verdrehen. "Im Mittelalter wurde Menschen dafür die Zunge herausgeschnitten", sagt die Künstlerin, die 2019 an der Venedig-Biennale teilnahm und in der Wiener Secession ausstellte.

Bei ihren Arbeiten gilt der menschliche Körper stets als ihr Leitmotiv. Diesen seziert sie und spiegelt daran aktuelle Diskurse – changierend zwischen Humor und Ernsthaftigkeit. So reflektiert das verspiegelte Zungenpiercing nicht nur die Passanten, sondern auch das Ambiente der luxuriösen Konsummeile. Ganz frech fragt die Zunge: "Was tut ihr denn da?"

Der Platz in der Innenstadt, der erst 2018 von Monica Bonvicini und letztes Jahr von Jessica Stockholder bespielt wurde, gibt nun Birckens fleischigem Beitrag einen temporären Raum – unweit historischer Denkmäler, Brunnen und der Pestsäule. Wie passend. (Katharina Rustler, 6.7.2020)