Ritueller Cannabisgebrauch war in China bereits vor über 2.500 Jahren Usus.
Foto: AP/Richard Vogel

Ob Cannabis zu medizinischen Zwecken legalisiert oder weiterhin als eine illegale Droge eingestuft werden soll, wird seit Jahren in vielen Ländern diskutiert. Der Streit um die "verbotenen Kräuter" beschäftigt freilich nicht erst in jüngster Zeit Befürworter und Gegner: Bereits im Mexiko des 18. Jahrhunderts warb der Priester und Wissenschafter José Antonio Alzate y Ramírez für die heilende Wirkung der umstrittenen Pflanze – und legte sich dabei mit der spanischen Kolonialmacht und der Inquisition an, wie die Historikerin Laura Dierksmeier von der Universität Tübingen im Fachjournal "Colonial Latin American Review" berichtet.

Ein Kraut, um mit dem Teufel in Verbindung zu treten

In einem Zeitungsartikel von 1772 verteidigte Alzate Cannabis, das er unter dem Namen "Pipiltzintzintlis" aus eigenen Anbau kannte: Er schrieb ihm einen wertvollen medizinischen Nutzen für die Behandlung von Husten, Gelbsucht, Tinnitus, Tumoren, Depressionen und vielem mehr zu. Zudem hielt er die Hanfpflanze für einen hervorragenden Rohstoff zur Herstellung von Seilen für Segelschiffe. Die Spanische Inquisition betrachtete das Halluzinogen hingegen als ein Mittel, um mit dem Teufel in Verbindung zu treten und hatte es daher verboten ‒ genauso wie viele andere psychoaktive Pflanzen oder Verhaltensweisen, die christlichen Grundsätzen angeblich widersprachen.

José Antonio Alzate y Ramírez (1737 – 1799) hatte eine Mission: er wollte der mexikanischen Öffentlichkeit wissenschaftliche und vor allem naturkundliche Erkenntnisse näher bringen. Im Laufe seines Lebens war er Herausgeber vier verschiedener Zeitungen, Mitglied des königlichen botanischen Gartens in Madrid und korrespondierendes Mitglied der französischen Akademie der Wissenschaften.

José Antonio Alzate y Ramírez auf einer Lithografie von S. Hernandez.
Illustr.: R. Burgess

Zeitgenössische Koryphäen unterstützten Cannabis

Alzates Belege zum Nutzen von medizinischem Cannabiskonsum reichen von eigenen Erfahrungen, über Berichte von Ureinwohnern und Matrosen bis hin zu medizinischen Enzyklopädien. "Das Spannende ist dabei vor allem die Bandbreite der Quellen des 18. Jahrhunderts, die den medizinischen Marihuanakonsum unterstützten", sagt Dierksmeier. Alzate nenne hier bekannte Wissenschafter der damaligen Zeit, wie den Naturforscher Jacques-Christophe Valmont de Bomare, den Mediziner Michael Etmüller, den Arzt und Mitbegründer der Royal Society of London Thomas Willis sowie die Ärzte Guy-Crescent Fagon und Engelbert Kämpfer.

Die Historikerin untersuchte außerdem weitere Quellen aus dieser Zeit, die von dem mexikanischen Forscher nicht zitiert wurden, weil er keinen Zugang dazu hatte, oder die Sprache nicht beherrschte. So zum Beispiel den Mediziner und Botaniker Jacobus Tabernaemontanus, der in seinem "Neuw Kreuterbuch" von 1588 Frauen zur Benutzung von Cannabis rät, um Unterleibsschmerzen zu lindern, oder auch den ersten bekannten englisch-sprachigen Fürsprecher Richard Hooke.

Hanfpflanze in Jacobus Tabernaemontanus Werk "Neuw vollkommentlich Kreuterbuch" aus dem späten 16. Jahrhundert.
Foto: Universität Tübingen

Unbequemer Geistlicher gegen kirchlichen Autoritäten

"Alzates öffentliche Verteidigung des verbotenen Krauts zeigt allgemeine Streitfragen der mexikanischen Gesellschaft", bewertet Laura Dierksmeier die Rolle des unbequemen Geistlichen. "Er war ein unermüdlicher Vermittler zwischen kirchlichen Autoritäten und der Zivilgesellschaft, zwischen der spanischen Inquisition und seinen eigenen wissenschaftlichen Beobachtungen, zwischen Wissenschaftlern und der Öffentlichkeit sowie zwischen indigenem und europäischem Wissen. Alzates Methoden waren europäisch und typisch für die Aufklärung, seine Mission und sein Fokus aber waren spezifisch lateinamerikanisch: Er war stolz auf die natürliche Umgebung Mexikos und förderte die Verwendung einheimischer Kräuter, auch wenn dies bedeutete, sie vor dem Verbot der Kirche zu verteidigen."

Das historische Beispiel zeige, dass die Legalisierung von Marijuana schon sehr lange ein kontroverses Thema sei, wie die Wissenschafterin erklärt. Allerdings drohte Kritikern des Verbotes damals die Verbannung oder Todesstrafe. Forscher der frühen Neuzeit nahmen ein großes Risiko auf sich, um Informationen zu veröffentlichen, die ihrer Meinung nach der Allgemeinheit dienten. Alzate selbst musste seine Veröffentlichungen nicht mit dem Leben bezahlen. Jedoch wurden drei seiner Zeitungen zensiert und am Ende eingestellt, um ihn in der Öffentlichkeit mundtot zu machen.

"Schlecht, weil es verboten ist", nicht umgekehrt

"Die Erkenntnisse der Studie können helfen, die gegenwärtige Legalisierungs-Debatte zu bereichern oder zumindest die verhärteten Fronten aufzubrechen", sagt Dierksmeier. "Denn laut Alzate und den von ihm zitierten Wissenschaftern überwiegt der Nutzen der Hanfpflanze als Baustoff oder Medizinpflanze die möglichen Nebenwirkungen." Oder wie José Antonio Alzate y Ramírez selbst sagte: "Ich glaube, ich habe die Vorteile der Nutzung von Pipilzitzintlis demonstriert, und wie wir in der Sprache der Theologen sagen: Es ist schlecht, weil es verboten ist, nicht verboten, weil es schlecht ist." (red, 7.7.2020)