Bolsonaro fühlt sich bestätigt: "Nur eine kleine Grippe."


Foto: Reuters/Machado

Daumen hoch und runter mit der Maske: Selbst beim Verkünden seiner Covid-19 -Infektion zeigt Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, was er von Abstandsregeln und Hygienevorschriften hält – nämlich nichts. "Seht mich an, es geht mir gut", verkündet er überraschend gut gelaunt den wartenden Reportern vor dem Präsidentenpalast. "Es ist wie ein Regen, irgendwann erwischt er dich", frotzelt er über seine Infektion. Auch in diesem Moment ist das Verhalten des Populisten Bolsonaro eine einzige Provokation. Rund 67.000 Brasilianer sind bereits an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben. Dabei ist der Höhepunkt der Pandemie noch nicht einmal erreicht.

Die wichtigste Botschaft des Bolsonaro-Lagers an diesem Tag: Der Präsident gibt die Fäden nicht aus der Hand, nichts ändert sich. Bolsonaro wird seine Infektion als Beispiel der Harmlosigkeit präsentieren und als Bestätigung für seinen Kurs. Die Krankheit sei nur eine "kleine Grippe", hatte er immer wieder betont.

"Kämpfernatur Bolsonaro"

Denn wie immer geht es ums politische Kalkül. Selbst wenn seine Erkrankung schwerer verläuft und er wie der britische Premierminister Boris Johnson auf der Intensivstation behandelt werden müsste, wird Bolsonaro weder geläutert noch reumütig zurückkehren. Im Gegenteil: Es geht dem Ex-Fallschirmspringer und seinen Anhängern dar um, ihren Kurs mit dramatischen Folgen für Brasilien durchzusetzen.

Dabei gilt der 65-jährige Bolsonaro als gesundheitlich angeschlagen. Als ihn vor rund zwei Jahren im Wahlkampf ein geistig Verwirrter mit Messerstichen lebensgefährlich verletzte, spielte der vom Bolsonaro-Lager inszenierte zähe Durchhaltewillen des Kandidaten eine wichtige Rolle für seinen Wahlsieg. Eine ähnliche Strategie der "Kämpfernatur Bolsonaro" verfolgt er jetzt. So zynisch es klingt, Bolsonaro wird seine Infektion politisch nutzen.

Willkommene Ablenkung

Es sei eigentlich nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sich Bolsonaro infiziert, kommentierte sein ehemaliger Gesundheitsminister, Luiz Henrique Mandetta, der im Streit über das Corona-Krisenmanagement die Regierung verlassen hat. Denn bei fast allen öffentlichen Auftritten trug der Präsident demonstrativ keine Maske, umarmte seine Anhänger, schüttelte Hände und ließ Selfies machen. In unermesslicher Empathielosigkeit wetterte er gegen die Gouverneure, die Ausgangsbeschränkungen und Quarantänemaßnahmen.

Und es gibt noch eine gute Nachricht für Bolsonaro und seinen Umkreis. In den kommenden Tagen werden sich die brasilianischen Medien mit Wasserstandsmeldungen über den Gesundheitszustand ihres Präsidenten beschäftigen. So wird bestens von den Korruptionsermittlungen der Justiz gegen seinen ältesten Sohn und Untersuchungen wegen Verbreitung von Fake-News gegen einen weiteren Sohn abgelenkt, die auch Bolsonaro beraten.

Erste Amtshandlung: Hilfen streichen

Keinen Kurswechsel gab es auch in einer anderen Frage: Bolsonaro hat als erste Amtshandlung nach seinem positiven Corona-Test sein Veto gegen ein Hilfspaket für Indigene und Afrobrasilianerinnen und Afrobrasilianer während der Pandemie eingelegt. Mit der Unterschrift stoppte er vorläufig ein Gesetz, das die Behörden verpflichten würde, auch Indigenen und Schwarzen Zugang zu Trinkwasser, Desinfektionsmitteln und ärztlicher Versorgung zu garantieren (Susann Kreutzmann aus São Paulo, 8.7.2020)