Nach zwei Monaten öffneten die Kasinos in Las Vegas Anfang Juni wieder ihre Tore. Forscher sehen größere Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen freilich kritisch.
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Seit Monaten wird unter Fachleuten diskutiert, ob Sars-CoV-2 nicht nur über Tröpfcheninfektion verbreitet wird – etwa beim Husten oder Niesen –, sondern auch durch sogenannte Aerosole. Gemeint sind damit winzige Schwebeteilchen von weniger als fünf Mikrometern Größe, fein vernebelte Tröpfchen also, die auch beim Sprechen, ja, sogar bei der Atmung an die Umwelt abgegeben werden – und auf denen die Viren eine beunruhigend weite Reise unternehmen können. Sollte tatsächlich die Aerosolübertragung von Sars-CoV-2 eine bedeutende Rolle spielen, dann wäre der berühmte "Babyelefant" zumindest in Innenräumen als Abstandseinheit deutlich zu klein bemessen, um eine Ansteckung durch potenziell Infizierte zu verhindern.

Die Aerosolpartikel sind klein genug, dass sich das Coronavirus auf ihnen über Entfernungen von mehreren Metern verbreiten und in geschlossenen Räumen über Stunden hinweg in der Luft ansammeln kann, gleichsam als unsichtbare infektiöse Wolke. Zwar passen auf ein Einzelnes dieser Teilchen nicht allzu viele Viren, doch die Masse an Partikeln gleicht dies mehr als nur aus.

Und noch ein Aspekt macht die Schwebeteilchen mit ihrer krankmachenden Fracht gefährlicher als eine Infektion durch Tröpfchen, die zudem deutlich schneller zu Boden sinken: Beim Einatmen gelangen sie auch in die tiefen Regionen der Lunge, wo sie mehr Schaden anrichten können.

Zahlreiche Studien sprechen dafür

Schon länger appellieren Experten daher, die Aerosolübertragung als Erklärung für die hohe Ansteckungsrate von Covid-19 zu berücksichtigen. Christian Drosten, Direktor am Institut für Virologie der Charité Berlin, erklärte etwa im Mai, dass die Infektion durch Aerosole mit der Tröpfchenübertragung gleichrangig sein könnte. Das ergaben sowohl direkte Messung dessen, was Patienten an ihre Umwelt abgeben, wie auch Ausbruchsuntersuchungen. Dass Coronaviren prinzipiell in Aerosolen verteilt werden können, lässt sich schon aus dem Sars-Ausbruch im Hongkonger Wohnungskomplex Amoy Gardens im Jahr 2003 schließen, wie Drosten meinte. Damals infizierten sich über 320 Menschen, darunter auch solche, die keinen direkten Kontakt zu anderen Hausbewohnern gehabt hatten.

Der Direktor des Instituts für Virologie der Charité Berlin, Christian Drosten, sieht zahlreiche Hinweise darauf, dass Sars-CoV-2 auch über Aerosole übertragen wird.
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Wissenschafter von der University of Montana wiederum berichteten im März im "New England Journal of Medicine" von Laborexperimenten, bei denen Sars-CoV-2 in den winzigen Tröpfchen drei Stunden lang infektiös blieb, wenngleich sie einschränkten, dass man ihre Ergebnisse nicht 1:1 auf das Infektionsrisiko unter Menschen übertragen könne. Im Rahmen einer anderen Studie wiesen Forscher in Wuhan hohe Aerosolkonzentrationen vor allem in jenen Krankenhausbereichen nach, in denen besonders viele Menschen zusammenkamen. Ähnliche Resultate lieferten Untersuchungen in Singapur und den USA. Dort konnten die Experten in der Luft von Räumen, in denen sich Covid-19-Patienten aufhielten, Aerosole mit Virus-Erbinformationen feststellen, die sich über zwei Meter von den Erkrankten entfernt hatten.

Und schließlich fanden chinesische Forscher kürzlich heraus, dass auch beim Spülen der Toilette virenbelastete Aerosole aufgewirbelt und in der Luft verbreitet werden können. Im Fachjournal "Physics of Fluids" warnen sie daher vor dem Besuch öffentlicher Toiletten bzw. raten vor dem Spülen zum Schließen des Klodeckels. Auch wenn diese Ergebnisse noch keine hieb- und stichfesten Beweise für eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung durch Aerosole darstellen, so lässt sich nach Ansicht vieler Forscher und Mediziner die rasche Ausbreitung des Virus beispielsweise in Restaurants kaum anders erklären als durch kontaminierte Teilchenwolken in den ungelüfteten Räumen.

Drei Punkte als Leitlinienergänzung

In dasselbe Horn stoßen nun 239 Wissenschafter aus 32 Ländern in einem offenen Brief im Fachjournal "Clinical Infectious Diseases". Die Forscher fordern von der WHO und Gesundheitsbehörden, die Corona-Leitlinien entsprechend um folgende drei Punkte zu ergänzen: Man sollte vor allem in öffentlichen Gebäuden für eine ausreichende und effektive Belüftung sorgen, vorhandene Belüftungssysteme um Filter oder keimtötendes UV-Licht erweitern und überfüllte Räume und Menschenansammlungen generell meiden.

Die Forscher verweisen insbesondere auf Untersuchungen zu Mers-CoV und Influenza, die gezeigt hätten, dass sich derartige Viren über Aerosole verbreiten könnten. "Wir haben allen Grund anzunehmen, dass Sars-CoV-2 sich ähnlich verhält", schreiben die Wissenschafter. Im Besonderen kritisieren sie, dass die WHO und andere öffentliche Gesundheitsorganisationen die Rolle von Aerosolen in der Pandemie bisher nicht ausreichend anerkennen würden.

Zögerliche WHO

Tatsächlich hatte die WHO ihr Zögern in diesem Zusammenhang stets mit unklaren Forschungsergebnissen begründet. Selbst im neuesten Update zum Coronavirus, das am 29. Juni veröffentlicht wurde, hielt die WHO fest, dass die Übertragung des Virus durch die Luft nur nach medizinischen Eingriffen möglich sei, bei denen Aerosole oder Tröpfchen kleiner als fünf Mikrometer entstehen.

Aber auch ein anderes Argument könnte da hineinspielen, wie Jose Jimenez von der University of Colorado, einer der Unterzeichner des Papiers, erklärt: Unter Medizinern habe es in der Vergangenheit oft heftigen Widerstand gegen die Idee einer Aerosolübertragung gegeben, weshalb die Messlatte für entsprechende Beweise sehr hoch gelegt worden war. Der Grund dafür sei vor allem die Angst vor Panik gewesen. "Man hat befürchtet, dass allein bei der Erwähnung von 'Luftübertragung' Krankenhauspersonal nicht mehr zur Arbeit erscheint und es zu Hamsterkäufen von hochwertigen Atemschutzmasken kommt", so der Chemiker.

Video: Der Appell der Wissenschaft könnte bei der WHO Wirkung zeigen.
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Auch dieses Mal reagierten Vertreter der WHO zunächst vergleichsweise verhalten auf den Appell der Wissenschafter. Auf einer Pressekonferenz am Dienstag in Genf erklärte Benedetta Allegranzi, zuständig für Infektionsprävention und -kontrolle, die WHO sei aufgeschlossen gegenüber neuen Daten, müsse jedoch sehr behutsam vorgehen, bevor Schlüsse gezogen werden könnten. Es gebe zwar Hinweise, dass Sars-CoV-2 über die Luft übertragbar sei, aber noch sei nichts definitiv.

"Die Möglichkeit einer Übertragung in der Luft, insbesondere in überfüllten, geschlossenen, schlecht belüfteten Umgebungen, kann jedoch nicht ausgeschlossen werden", sagte Allegranzi. Experten der WHO würden daher die Datenlage neu bewerten und ein Update zu den bestehenden Leitlinien in den nächsten Tagen veröffentlichen. An den Empfehlungen, Abstand zu halten und Masken zu tragen, würde sich freilich dadurch nichts ändern. (tberg, 9.7.2020)