Eine Sternstunde der experimentellen Archäologie: Thor Heyerdahls legendäre Expedition mit der Kon-Tiki. Das Foto stammt von der Verfilmung 1950, die ihm zwei Oscars einbrachte.

Foto: imago/United Archives

Es war eine der ikonischen Expeditionen des 20. Jahrhunderts – auch wenn ihr wissenschaftlicher Wert lange infrage gestellt wurde: Am 28. April 1947 brach der norwegische Forschungsreisende Thor Heyerdahl, damals gerade einmal 33 Jahre alt, in der peruanischen Hafenstadt Callao zu einer höchst abenteuerlichen Fahrt auf: Er wollte mit einem selbstgebastelten Floß aus Balsaholz namens Kon-Tiki beweisen, was von der damaligen Wissenschaft für unmöglich gehalten wurde: dass man in vorkolumbischen Zeiten von Südamerika aus die polynesische Inselwelt erreichen konnte.

Forscher bezeichneten die Expedition des früheren Studenten der Zoologie und Geografie, der sich im Selbststudium viel Wissen über die polynesische Inselwelt angelesen hatte, als Selbstmordaktion und prophezeiten ein tragisches Ende spätestens nach zwei Wochen. Doch 101 Tage später landete die Kon-Tiki, getrieben vom Humboldt-Strom, tatsächlich am knapp 7.000 Kilometer entfernten Raroia-Atoll in Französisch-Polynesien – was Heyerdahl mit einem Schlag bekannt machte. Weltberühmt wurde er dann spätestens mit seinem Dokumentarfilm Kon-Tiki aus dem Jahr 1950.

Mit zwei Oscars ausgezeichnet: Thor Heyerdahls Verfilmung seiner eigenen Expedition.
Herr Cirkusdirektör

Besiedlung aus dem Westen

Doch in der Wissenschaft blieb die Skepsis. Zwar konnte niemand mehr eine präkolumbische Überfahrt nach Polynesien für völlig unmöglich erklären. Die Fachwelt indes zweifelte weiterhin, dass es vor Christoph Kolumbus zu einem Austausch zwischen Südamerikanern und Polynesiern kam. Man ging nach wie vor davon aus, dass einzig und allein Menschen aus Südostasien nach und nach vom Westen her über Mikronesien die polynesische Inselwelt bis nach Hawaii und bis zur Osterinsel besiedelten.

Diese Vermutung ist in den letzten Jahren auf vielfältige Weise abgesichert worden – sowohl durch genetische Analysen wie auch Analysen der Sprachen, die auf den pazifischen Inseln gesprochen werden. Ob es zusätzlich zur allmählichen Eroberung aus Südostasien auch eine Besiedlung von der Westküste Südamerikas her gegeben hat, wie das Heyerdahl behauptete, konnten auch die bisherigen Genomvergleiche nicht eindeutig ausschließen.

Aufwendige genomische Beweise

Doch nun hat ein Team um Andrés Moreno-Estrada (Staatliches mexikanisches Genomik-Labor für Biodiversität) und Alexander Ioannidis (Stanford University) die bis heute heiß diskutierte Frage mit neuen genetischen Daten endlich geklärt. Das Ergebnis: Thor Heyerdahl hatte doch recht, zumindest teilweise.

Für ihre Studie, die im Fachblatt "Nature" erschien, analysierten Moreno-Estrada und seine Kollegen Genome von 807 Personen: heutigen Polynesiern von 17 Inseln und von Angehörigen 15 verschiedener indigenen Gruppen, die an der Küste Südamerikas leben.

Aufwendige Analysen zeigten, dass es rund um das Jahr 1200 unserer Zeitrechnung auf einer der polynesischen Inseln zu einer – auch sexuellen – Begegnung zwischen den aus Südostasien zugewanderten Polynesiern und indigenen Südamerikanern gekommen sein muss. Mit anderen Worten: Tausende Kilometer lange Überfahrten von der Westküste Südamerikas nach Polynesien waren tatsächlich schon in präkolumbischen Zeiten und noch vor der Besiedlung der Osterinsel möglich.

Abfahrt in Kolumbien?

Bei den vermutlichen Abfahrts- und Ankunftsorten lag Heyerdahl auch nicht weit daneben. Laut Moreno-Estrada und seinem Team fand dieser fruchtbare Austausch auf den Marquesas statt, einer Inselgruppe nördlich von Raroia. Der norwegische Pionier der experimentellen Archäologie war ebenfalls davon ausgegangen, dass die südlichen Marquesas als Ankunftsort infrage kommen.

Laut den Genomdaten fand die Begegnung zwischen indigenen Südamerikanern und Polynesiern auf den Marquesas statt. Die Nachfahren dieses Zusammentreffens dürften sich dann laut den Genomanalysen im Südpazifik weiter ausgebreitet haben.
Grafik: Nature/Springer 2020

Ein wenig daneben lag er nur beim vermutlichen Abfahrtsort, der doch nicht im damaligen Inka-Reich gelegen sein dürfte. Die neue Studie kommt nämlich zu dem Schluss, dass die Zenú, ein Volk im Norden Kolumbiens, die größte genetische Ähnlichkeit mit den polynesischen Inselbewohnern haben. Die Gegend des heutigen Kolumbien gehörte aber nicht zum Herrschaftsgebiet der Inka, dessen nördliche Grenzen im heutigen Ecuador verlief.

Eine wichtige Frage konnte die Studie freilich noch nicht klären: ob es tatsächlich Südamerikaner waren, die von der Westküste aus ablegten. Es könnten theoretisch nämlich auch navigationskundigere Polynesier gewesen sein, die Kolumbien einen Besuch abgestattet hatten und wieder in ihre Inselwelt zurückkehrten. In der Frage würde die Analyse von alter DNA weiterhelfen, doch die hält sich den tropischen Gebieten leider nicht sehr lange. Es bleibt also spannend. (Klaus Taschwer, 8. 7. 2020)