Virenbefreit gesund: Das Rad gewinnt neue Bedeutung.

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Wien – Die Corona-Krise hinterlässt im Einzelhandel tiefrote Spuren. Allein Sportartikelhändler dürften in Österreich über weite Strecken bisher mit einem blauen Auge davongekommen sein. Holger Schwarting, Chef der Sport 2000, die von 300 Händlern getragen wird, geht davon aus, dass seine Betriebe mittlerweile rund 60 Prozent des während des Shutdowns verlorenen Umsatzes wieder wettgemacht haben.

Der Mai hat der gesamten Branche einen Zuwachs von zwölf Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gebracht, erhob die KMU Forschung. 2019 fiel das Ostergeschäft zwar in den April. Dennoch deute es darauf hin, dass der Sporthandel trotz Widrigkeiten auf die Sonnenseite fiel.

Radeln gegen die Krise

Motor dafür waren Räder inklusive der E-Bikes, die zusehends als virenbefreites Verkehrsmittel genutzt werden – beflügelt von der Hoffnung, dass stetes Strampeln das Immunsystem stärkt. "Das Geschäft damit ist explodiert", sagt Schwarting dem STANDARD.

In Zeiten von Homeoffice und Kurzarbeit entdeckten viele Österreicher zudem den Laufsport und Fitnessgeräte für sich. Der Weg auf Tennis- und Fußballplätze, in Schwimmbäder, Turnhallen und Fitnesscenter war schließlich wochenlang versperrt. Zwangsläufig beliebt ist Beschäftigungsmaterial für Kinder: Inlineskater erlebten infolge Corona ebenso ein Revival wie Federballschläger, Tischtennistische und Trampoline.

In die Bredouille geriet, wer von Mannschaftssport lebt. Ins Bodenlose fiel der Verkauf von Textilien und Mode, zumal Corona wenig Lust auf Flanieren, Gustieren und Probieren macht. Auch Standorte in Einkaufszentren leiden.

Corona hat viele Entwicklungen beschleunigt, sagt Schwarting, ob nun in der Digitalisierung oder bei Trendsportarten. Ohnehin bereits kränkelnde Branchen und Betriebe glitten jedoch noch tiefer in die Krise ab. Schwere Sorgen bereitet der Branche die kommende Wintersaison. Für drei Viertel der Umsätze sorgen hier Touristen. Bleiben diese aus, geht es auch für Einzelhändler in Urlaubsdestinationen ans Eingemachte.

Intersport expandiert

Österreichs Marktführer Intersport zieht trotz turbulenter wirtschaftlicher Zeiten alle geplanten Expansionen durch. Ein Standort in Gmunden wird erweitert, neue Filialen werden heuer in Innsbruck und Parndorf eröffnet. Sein Unternehmen profitiere von mehr regionalem Einkauf, zieht Intersport-Chef Thorsten Schmitz Zwischenbilanz. Online wurden neue Zielgruppen erreicht, die Bestellungen via Web verdreifachten sich.

Die Intersport-Zentrale in Wels meldete für drei Monate Kurzarbeit an, kehrte aber nach zwei Monaten in den Normalbetrieb zurück. Um Liquidität der Handelspartner zu stützen, konnten diese Zahlungen aussetzen. Mit der Industrie wurde über spätere Liefertermine und Stornierungen verhandelt. Die Politik hat aus der Sicht von Schmitz rasch reagiert. Vieles wäre aber in Bürokratie abgerutscht. Bis heute sei nicht überall Geld geflossen, etwa nach der Beantragung von Kurzarbeit. "Die Pakete waren gut, doch die Leistung sollte zeitnaher fließen."

Für bitteren Nachgeschmack in der Branche sorgt der rege Verkauf vieler Supermärkte von Non-Food wie Sportartikeln in der Phase des Shutdowns. "Es war klare Wettbewerbsverzerrung", hält Schmitz fest. Die "vermeintlich großzügige Geste" des Verzichts auf entsprechende Produkte sei erst erfolgt, nachdem das Geschäft gelaufen sei. Der Lebensmittelhandel habe gegen bestehende Verordnungen agiert, ärgert sich auch Schwarting. "Der Akt der Solidarität nach Ostern war eine reine PR-Aktion."

Ob Intersport die Einbußen aus dem Frühjahr ausbügeln kann, wagt Schmitz nicht zu prognostizieren. Gernot Kellermayr, Präsident des Verbands der Sportartikelerzeuger, befürchtet für die Branche übers Jahr gerechnet trotz positiver Ausreißer ein Drittel weniger Absatz als 2019. "Eineinhalb Monate, in denen der Handel nicht aufsperren durfte, lassen sich in Summe nicht aufholen." (Verena Kainrath, 10.7.2020)