Der gewaltsame Tod des Afroamerikaners George Floyd, einer von vielen, die durch rassistische Polizeigewalt ums Leben kamen, hat in den USA einiges in Gang gesetzt. Der Fall hat das Potenzial für eine nachhaltige Veränderung und Aufarbeitung der Geschichte. Noch nie haben sich bei ähnlichen Protesten so viele Weiße beteiligt, war die Diskussion so umfassend.

Als Symbol für rassistische Denkmuster und fehlendes Bewusstsein gelten in den USA vor allem die Statuen der Konföderierten. Die Emotionen entluden sich in den vergangenen Wochen im Sturz ebendieser. Einige wurden nach Diskussionen auch durch die Behörden entfernt. Der Umgang mit dem Erbe von Sklaverei und Bürgerkrieg spaltet da wie dort. Auch in Europa erzeugen historische Figuren aus der Kolonialzeit schon länger ambivalente Gefühle und werden jetzt im Sog der Black-Live-Matters-Bewegung von den Sockeln gerissen oder beschmiert. Einigkeit über ihre Zukunft herrscht oft nicht. Wir umreißen die Geschichten von fünf Helden, die zu Antihelden wurden.

General Robert E. Lee – 1807 bis 1870

Robert E. Lee soll hier stellvertretend für die Südstaatengeneräle genannt werden, deren Verehrung durch rechte Gruppierungen mitsamt der damit verbundenen Geschichtslesart schon seit langem in der Kritik steht. Sie und andere Helden der konföderierten "Sklavenhalterstaaten", die damals von den Nordstaaten besiegt wurden, stünden für Rassendünkel und ein weißes Überlegenheitsgefühl, in dessen Namen Afrikaner millionenfach versklavt wurden, lautet die Kritik.

Lee im Besonderen führte die konföderierten Truppen im Amerikanischen Bürgerkrieg unter anderem in die berühmte Schlacht von Gettysburg und wurde dafür als militärisches Genie gefeiert. Letzlich unterschrieb er aber am Ende die Kapitulationsurkunde. Seine Statue in New Orleans wurde bereits abgebaut. Weitere behördliche Demontagen, beispielsweise in Richmond (Bild), sollen folgen.

Foto: EPA / Jim LO SCALZO

Premier Winston Churchill – 1874 bis 1965

Wie passt der legendäre britische Premierminister Winston Churchill, der einen entscheidenden Anteil daran hatte, dass Europa vom Naziterror befreit wurde, in die Reihe der Genannten? Bei Antirassismusprotesten in London sprühten Demonstranten "War ein Rassist" auf eine Churchill-Statue (Bild).

Kritisiert wird er beispielsweise dafür, dass er sich gegenüber der Hungersnot in Bengalen im damaligen Britisch-Indien gleichgültig gezeigt oder bewusst nichts dagegen getan habe. Die Zahl der Hungertoten im Jahr 1943 wird auf 1,5 bis vier Millionen geschätzt.

Foto: AFP / Isabel Infantes

Sklavenhändler Edward Colston – 1636 bis 1721

Bei Antirassimusprotesten im britischen Bristol landete die Statue von Edward Colston im Hafenbecken des Flusses Avon (Bild oben), wo einst Bristols Sklavenschiffe ablegten. Seine Statue war eigentlich schon seit ihrer Errichtung im Jahr 1895 umstritten.

Der im 17. Jahrhundert in eine wohlhabende Händlerfamilie geborene Colston arbeitete für die Königlich Afrikanische Gesellschaft, die jährlich rund 5000 Menschen versklavte.

Später erwarb er sich durch Spenden an Schulen und Krankenhäuser den Ruf eines Philanthropen. Dafür wurde er mit dieser Statue geehrt.

Foto: Reuters / Bristol City Council

Belgiens König Leopold II. – 1835 bis 1909

In Europa, Ausgangspunkt des atlantischen Sklavenhandels vom 17. bis zum 19. Jahrhundert, finden sich zahlreiche Symbolfiguren der Kolonialzeit.

Leopold II. war Belgiens König von 1865 bis 1909. Er errichtete in Zentralafrika ein Kolonialregime, wohl eines der gewalttätigsten der Geschichte. Historiker sprechen von Verbrechen "apokalyptischen Ausmaßes" in Belgisch-Kongo, das Leopold II. von 1885 bis 1908 als Privatbesitz verwaltete. Knapp die Hälfte der Bewohner kam ums Leben. Die Verbrechen waren schon zu seinen Lebzeiten bekannt, dennoch wurden nach seinem Tod viele Statuen errichtet, etwa in Gent (Bild).

Foto: AFP / John Thys

Christoph Kolumbus – circa 1451 bis 1506

Christoph Kolumbus kennen wir alle, er ist ein Held aus Kindertagen. Er ist der große italienische Seefahrer und Entdecker, der die Neue Welt quasi per Zufall – und lange, ohne es zu wissen – gefunden hat.

Am US-Unabhängigkeitstag haben Demonstranten in Baltimore eine Statue von Christoph Kolumbus gestürzt und im dortigen Hafenbecken versenkt. Die Antirassismusbewegung sieht Kolumbus nämlich als Person, die der Kolonialisierung und Tötung zahlloser Ureinwohner erst den Weg bereitet hat. In Waterbury in Connecticut wurde sogar eine Statue des Seefahrers enthauptet (Bild). (Manuela Honsig-Erlenburg, 12.7.2020)

Foto: AFP / Getty Images / Spencer Platt