Wien/München – Als am 25. Juni die Wirecard AG Insolvenz anmeldete, zeichnete sich bereits deutlich ab, dass im Management viel kriminelle Energie vorhanden war. Wie sonst konnten 1,9 Milliarden Euro einfach so verschwinden? Wie sich die Pleite des Zahlungsabwicklers nun zu einem der spektakulärsten Kriminalfälle der deutschen Wirtschaftsgeschichte entwickelt, zeigt sich jeden Tag ein Stück mehr.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der 40-jährige Wiener Jan Marsalek, er war bei Wirecard bis zuletzt als Vorstand für das Tagesgeschäft zuständig. Jetzt ist er auf der Flucht. Eine Spur auf die Philippinen stellte sich als inszenierte falsche Fährte heraus. Während die Behörden per internationalen Haftbefehl nach ihm suchen, tauchen immer mehr Facetten aus dem Leben jenes Mannes auf, der einst in Wien das französische Gymnasium besuchte.

Versteckspiel

Zwar ist Marsalek ein prominenter Platz auf einer internationalen Most-wanted-Liste sicher, dennoch dürften sich die Fahnder wohl auf ein längeres Versteckspiel einstellen müssen. Einer seiner Bekannten beschrieb den Ex-Manager in der Süddeutschen Zeitung als "einen der abgezocktesten Typen, die ich je erlebt habe".

Anhand der fingierten Spur in Südostasien lässt sich das gut beschreiben. Daten der philippinischen Einwanderungsbehörden belegten Marsaleks Ankunft in Manila am 23. Juni aus Singapur, vom südlich der Hauptstadt gelegenen Cebu soll er nach China weitergereist sein. Im System der chinesischen Sichuan Airlines taucht er ebenfalls auf. Alles gefälscht, wie der philippinische Justizminister Menardo Guevarra nach Analyse der Überwachungskameras und Passagierlisten eingestehen musste. Erinnerungen an den Hollywood-Blockbuster Catch Me If You Can werden wach, wo Leonardo DiCaprio als Scheckfälscher und Trickbetrüger durch die Weltgeschichte gejettet ist.

Der Ex-Vorstand des insolventen Zahlungsdienstleisters Wirecard ist auf der Flucht. Sein Leben und die Vorwürfe gegen ihn würden Material für einen Hollywoodfilm liefern.
Foto: Wirecard

Millionen abgezweigt

Hinter einer Fassade aus Nonchalance, Charisma und gekünstelter Weitsicht hat Marsalek wohl ein gigantisches Betrugsschema aufgebaut. Ohne Studium saß er bereits mit 30 Jahren im Vorstand der Firma, nun steht er im Verdacht, ein dreistelliges Millionenvermögen von Wirecard abgezweigt zu haben. Unter anderem soll er sich im Vorjahr über komplexe Schachtelkonstrukte mit einem vollkommen überteuerten Firmenzukauf von Wirecard über eine Briefkastenfirma auf Mauritius bereichert haben. Beweisen ließ sich das jedoch bisher nicht. Die Frage, der die Behörden nun nachgehen: Welche Geschäfte haben bei Wirecard, einem Konzern mit privilegierten Zugang zu globalen Zahlungsnetzwerken, wirklich stattgefunden? Marsalek wird Marktmanipulation, Bilanzfälschung und Untreue vorgeworfen. Auch Geldwäscheverdacht steht im Raum.

Kontakte zum Geheimdienst

Für Aktionen dieser Kragenweite braucht es Kontakte, und über die entsprechenden dürfte der 40-Jährige bunt verstreut über den Globus verfügen. Da geht es nicht nur um korrupte Beamte in Südostasien.

Marsalek soll immer wieder mit Verbindungen zum Geheimdienst geprahlt haben, um bei britischen Börsenhändlern Eindruck zu schinden. Er soll Dokumente im Zusammenhang mit russischen Geheimdienstaktivitäten in Großbritannien präsentiert haben. Das berichtet die Financial Times (FT), die laut eigenen Angaben die Dokumente geprüft hat – darin soll sich die Formel für das Nervengift Nowitschok befunden haben.

Die Dokumente soll er im Sommer 2018 in Meetings verwendet haben. Sie sollen auch Details einer Untersuchung der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) in Bezug auf den im März 2018 stattgefundenen Nowitschok-Angriff in Salisbury enthalten, bei dem der ehemalige russische Spion Sergei Skripal und seine Tochter Julia vergiftet wurden. Beide haben überlebt. Wie Marsalek in den Besitz der Unterlagen gekommen ist, bleibt offen. Sie sind mit einem Vermerk "hoch geschützt" versehen.

Im Konzern gab sich das mutmaßliche kriminelle Mastermind Jan Marsalek höflich und kontrolliert. Privat bestellte er Sushi auf Nackten und ließ angeblich Millionen verschwinden.
Foto: AFP/CHRISTOF STACHE

Vertuschen um jeden Preis

Hoch geschützt blieben auch die Vorgänge in Marsaleks Wirkungsbereich. Wie Unterlagen mittlerweile beweisen, haben einige involvierte Mitarbeiter Kraftakte absolviert, um zu vertuschen, Verträge zu erfinden, Unterschriften zu fälschen und diverse Dokumente rückzudatieren.

Was bleibt, ist ein blamierter Wirtschaftsstandort Deutschland. Wirtschaftsprüfer, Aufseher der Behörden, Geschäftspartner und Banken – allen tanzte der neue Shootingstar der Wirtschaftskriminellen auf der Nase herum. Allen voran ließen sich die Wirtschaftsprüfer von EY frotzeln, auch wenn jahrelang die Alarmglocken schrillten, wie nicht zuletzt die FT in ihrer Serie von Berichten immer wieder aufzeigte.

Wirecard soll bis zum Einsturz des windschiefen Kartenhauses versucht haben, das klaffende Bilanzloch zu stopfen. 1,9 Milliarden Euro müssten sich eigentlich auf Treuhandkonten auf den Philippinen befinden. Die beiden dortigen Kreditinstitute BDO und BPI wiesen die Papiere im Juni als gefälscht aus. Das Geld gab es aller Wahrscheinlichkeit nach nie.

Sushi vom Frauenkörper

Der Konzern galt als Wunderwuzzi des deutschen Dax und verdiente sein Geld, zumindest einen Teil dessen, was ausgewiesen wurde, mit bargeldlosen Zahlungsmodellen. Umso spannender, dass Top-Manager Marsalek bevorzugt in bar bezahlte – vor allem bei ausgelassenen Partys. Insider berichteten der SZ, er habe viel und gern gefeiert, in Moskau, Kitzbühel oder sonst wo. Sogar Sushi auf einem nackten Frauenkörper soll er sich haben servieren lassen. Abermals ein Leo-DiCaprio-Déjà-vu, als dieser in The Wolf of Wall Street den Wertpapierbetrüger Jordan Belfort verkörperte. Belforts Leben war zu seiner Betrugsblüte ein einziger Exzess.

Firmenintern ließ Marsalek sich davon nicht viel anmerken. Der Partylöwe gab sich schwer greifbar, neigte zu Geheimniskrämerei und hielt Besprechungen grundsätzlich nicht im Büro ab. So ging er auch mit Kontakten zur heimischen Innenpolitik nicht hausieren.

In Chats wurden Johann Gudenus Infos eines "Jan" geschickt, diese Quelle war offenbar Jan Marsalek.
Foto: APA/HELMUT FOHRINGER

FPÖ-Informant

Er soll über einen Mittelsmann wiederholt vertrauliche Informationen aus dem Bundesamt für Verfassungsschutz (BVT) und dem Innenministerium an die FPÖ weitergegeben haben. Diese hätten Misstrauen gegen den damaligen Koalitionspartner ÖVP geschürt und sollen eine Rolle im BVT-Skandal gespielt haben. Die Verbindung von Marsalek zur FPÖ gilt als Zufallsfund der Ermittler in der Causa Ibiza.

Den Stoff dazu liefert das Handy von Ex-FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus, das im Sommer nach Bekanntwerden des Ibiza-Videos bei einer Hausdurchsuchung einkassiert wurde. In den Chats zwischen Gudenus und einem gewissen Florian Stermann lieferte Letzterer Gudenus immer wieder Infos aus dem inneren Kreis des Innenministeriums und des BVT. Stermann ist ein Freund von Gudenus, Finanzreferent der österreichisch-russischen Freundschaftsgesellschaft und Anteilseigner an mehreren Firmen. Er gilt als FPÖ-Kontakt nach Russland und vernetzt Russen mit der heimischen Innenpolitik. Einst galt Stermann als ÖVP-nahe, er hatte eine Firma mit Ex-ÖVP-Innenminister Ernst Strasser.

Chats mit Jan

Seine Informationen habe Stermann von einem gewissen Jan, der in den Chat-Protokollen immer wieder vorkommt. Die Presse berichtete, dass es sich bei "Jan" um den gesuchten Jan Marsalek handelt. Der Verdacht des Verrats des Amtsgeheimnisses steht damit im Raum. Ob Marsalek unter falscher Identität beim BVT gearbeitet hat, ist derzeit noch unklar. Das BVT hatte laut Presse keinen Mitarbeiter namens Jan Marsalek, gehe aber dem Verdacht nach. Die Chat-Protokolle geben überdies Aufschluss darüber, dass Marsalek ein Treffen mit OMV-Chef Rainer Seele arrangieren wollte.

Der Ex-Wirecard-Vorstand soll in Ölgeschäfte in Libyen investiert sein. Wie die "Financial Times" berichtet, soll er zudem im Jahr 2018 über Pläne gesprochen haben, 15.000 Milizionäre in dem Bürgerkriegsland anzuwerben. Sein Interesse habe dabei der Kontrolle der Migration in Richtung Europa gegolten. Wie die Zeitung unter Berufung auf mehrere Quellen berichtet, habe er im Umkreis der Österreichisch-Russischen Freundschaftsgesellschaft darüber gesprochen. Marsalek und auch sein Anwalt nahm laut der Zeitung zu dem Bericht Stellung, Belege dafür, dass etwas davon je umgesetzt wurde oder umgesetzt werden sollte, gibt es nicht.

Ex-Firmenchef Markus Braun ist gegen Kaution in Millionenhöhe auf freiem Fuß. Er hat Frau und Kind in Wien, für ihn wäre Untertauchen kaum eine Option gewesen.
Foto: Reuters/Michael Dalder

Weniger geheim interagierte der ehemalige Wirecard-Chef Markus Braun mit der Politik. Er saß unter anderem in der Denkfabrik Think Austria von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP), die von Antonella Mei-Pochtler geleitet wird. Auf Braun kommen unangenehme Fragen zu. Untertauchen spielte es für ihn nicht, er hat Frau und Kind in Wien. Braun stellte sich und befindet sich gegen eine Fünf-Millionen-Euro-Kaution auf freiem Fuß.

Nicht einmal der Pass passt

Ein Konzern, der stetig als größer verkauft wurde, als er war, ist zerbröselt. Ein Sinnbild für Marsaleks Katz-und-Maus-Spiel mit Behörden und undurchsichtigen Geldflüssen ist sogar sein Reisepass. Mit 1,80 Meter wird seine Größe dort angeführt. Niemand, der mit ihm zu tun hatte, beschreibt ihn als so groß. Im Krimi um Jan Marsalek folgen bestimmt noch viele Kapitel. Das Material für einen DiCaprio-Streifen ist aber schon da. Auch wenn der 1,83 Meter groß ist. (Andreas Danzer, Bettina Pfluger, 11.7.2020)