Istanbul – Auf die Frage "Wem gehört die Hagia Sophia?" gibt es seit 1985 eine einfache Antwort: der gesamten Menschheit. Denn seit damals gehört das Wahrzeichen Istanbuls zum Unesco-Weltkulturerbe. Leider sind jedoch nicht alle mit dieser Antwort zufrieden. Für die orthodoxe Kirche, namentlich die russische und griechische Orthodoxie, ist die Hagia Sophia auch mehr als 500 Jahre nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen noch das spirituelle Zentrum ihres Glaubens. Für viele Muslime, zumindest für den strenggläubigen islamistischen Teil der Muslime in der Türkei, ist dagegen die Ayasofia, wie sie im Türkischen heißt, Ausdruck ihres Sieges über das Christentum und deshalb ein Ort, den sie sich als Moschee unbedingt zurückwünschen.

Folgenreicher Entschluss 1934

Den Eiferern beider Religionen hatte der Gründungsvater der modernen Türkei, Mustafa Kemal Atatürk, 1934 einen Strich durch die Rechnung gemacht. Als Ausdruck der neuen Türkei, in deren Verfassung die Trennung von Kirche/Moschee und Staat verankert ist, veranlasste er, dass die damalige Moschee in ein Museum umgewandelt werden sollte.

Vorerst Kirche, dann Moschee, dann Museum – und bald wieder Moschee.
Foto: Reuters / Murad Sezer

Seit Freitagnachmittag sind die Islamisten nun am Ziel. Auf Druck von Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat das oberste Verwaltungsgericht der Türkei die Umwandlung der Moschee in ein Museum wieder aufgehoben. Ein Weltkulturerbe, dessen überwältigende Schönheit viele Menschen weltweit empfinden, wird nun renationalisiert und für den Islam in Beschlag genommen.

Wer mit dem Schiff nach Istanbul kommt, sieht den Bau bereits von Weitem. Wie eine Landmarke thront er auf dem ersten der sieben Hügel der Stadt, fast auf der Spitze der Halbinsel, die vom Marmarameer und dem fjordähnlichen Goldenen Horn umgeben ist. Bis heute, auch angesichts der zahlreichen später gebauten großen Moscheen und der noch später entstandenen Wolkenkratzer der Stadt, ist die Hagia Sophia ein unübersehbares architektonisches Statement.

Hybride Gestalt

Wer sich ihr nähert, bemerkt schnell, dass der Bau schon rein äußerlich als Hybrid daherkommt: nicht mehr Kirche und auch keine echte Moschee. An die vier Ecken des 80 Meter langen und 70 Meter breiten Baus sind im Laufe der Jahre nach der osmanischen Eroberung Minarette angebaut worden, die sich aber ganz harmonisch ins Bild fügen. Die alles überragende, 55 Meter über der Erde schwebende Kuppel und die typische Ziegelarchitektur der Spätantike, die in Istanbul quasi als Erkennungszeichen byzantinischer Bauten dient, weisen sie aber immer noch als ehemalige Kirche aus.

Atemberaubendes Inneres der Hagia Sophia.
Foto: AP Photo/Emrah Gurel

Betritt man das bisherige Museum, steht man erst einmal in der sogenannten Narthex – einem Flur, der die gesamte Breite des Bauwerks einnimmt und durch dessen rechte Flügeltür, die heute der Museumsausgang ist, früher der Kaiser die Kirche betrat. Exakt in der Mitte der Narthex befindet sich das Kaisertor, früher immer geschlossen und nur für den Kaiser geöffnet. Vorher empfiehlt es sich, einmal den Blick zu heben, denn über dem Kaisertor befindet sich eines der berühmtesten Mosaike von Byzanz: Christus als Panthokrator (Weltbeherrscher).

"Geblendet vom Glanz des Tempels"

Noch auf der Türschwelle stockt unwillkürlich der Schritt des Besuchers, "geblendet vom Glanz des Tempels", wie der berühmte Chronist der Spätantike, Prokop von Ceasarea, schrieb. Tatsächlich ist der Eindruck auch heute noch überwältigend. Egal ob gläubig oder nicht, architekturinteressiert oder gänzlich ahnungslos: Es gibt kaum einen Besucher, der vor dem Bild, das sich ihm bietet, nicht staunend stehen bleibt. Der riesige marmorgekleidete Raum mit seinen Marmor- und Porphyrsäulen, über dem scheinbar schwebend in 55 Metern Höhe die Kuppel aufragt, durchbrochen von 40 Fenstern, durch die das Licht in die Halle strömt, ist ein Erlebnis, das seinesgleichen sucht. Der Marmorfußboden ist farblich sorgsam komponiert, genauso die marmorverkleideten Wände.

Bis jetzt erlebten Besucher im Inneren eine perfekte Symbiose der christlichen und islamischen Geschichte des Hauses. Man hat die byzantinischen Mosaike in der Apsis wieder freigelegt, die Engel an den Spitzen der vier Säulen, die die Kuppel tragen, sind restauriert worden. Doch gleichzeitig steht dort, wo vordem der Altar war, jetzt der Mihrab, die islamische Gebetsnische – und rechts davon die Kanzel, von der der Vorbeter sprach.

Was wird aus den Fresken und Mosaiken?

Unter den Emporen hängen drei große auffällige ovale Holzschilder, auf denen in arabischer Schrift die Namen Allah, Mohammed und al-Bakri (der erste Kalif nach Mohammed) verzeichnet sind. Gleichwohl sind im Marmorfußboden noch die Muster zu sehen, die die zeremoniellen Einmärsche von Kaisern und Bischöfen markierten, mit denen die wichtigsten Staatsakte von Byzanz vollzogen wurden.

Was nun aus den Fresken und Mosaiken wird, die in einer Moschee natürlich keinen Platz mehr haben, ist unklar. Ob die im Jahr 532 in nur fünf Jahren erbaute, damals größte Kathedrale der Christenheit nach der heutigen Entscheidung ein Weltkulturerbe bleibt, ist ebenfalls unklar. Die Unesco hat bereits ihren Widerstand gegen die Rückverwandlung des Museums in eine Moschee angekündigt.

Auch von mehreren Staaten gab es Protest: Die USA zeigte sich "enttäuscht" von der Entscheidung Istanbuls, die EU wertet den Schritt als "bedauerlich", Griechenland spricht von einem "historischen Fehler" und drohte mit Konsequenzen für die Türkei. Österreichs Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) kritisierte den Schritt der Türkei. (Jürgen Gottschlich, red, 11.7.2020)