Viele Israelis haben genug vom Krisenmanagement ihrer Regierung.

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Eigentlich sei er ja selbstständig, sagt Tomer Berkovitz (Name geändert, Anm.), "aber wenn ich den Leuten erzähle, dass ich mit 34 Jahren bei meinen Eltern eingezogen bin, dann hört sich das eher nicht nach einem selbständigen Leben an." Der Fremdenführer in Tel Aviv hat seit März keine Einkünfte und kann daher die Miete nicht mehr bezahlen. Zwar lebt er bescheiden, in einem 13-Quadratmeter-Zimmer in einer Wohngemeinschaft mit drei Studenten. Dafür verlangt der Vermieter allerdings stolze 800 Euro – typische Tel Aviver Wohnpreise.

Die Tourismusbranche trifft es in Israel besonders hart. Touristen dürfen auch weiterhin nicht ins Land. Die lang versprochene Ausgleichszahlung für Selbstständige müsse irgendwo zwischen der fünfzehnten öffentlichen Ankündigung durch Premier Benjamin Netanjahu und dem Einlangen auf seinem Bankkonto verpufft sein, meint Tomer, "angekommen ist sie jedenfalls nie".

Da ist Berkovitz nicht allein, im Gegenteil. Tausende Menschen gingen Samstagabend in Tel Aviv auf die Straße, um ihrer Wut über das Krisenmanagement der Regierung Luft zu machen. Die Corona-Krise schlug in Israels Arbeitsmarkt besonders heftig ein. Binnen vier Wochen schnellte die Arbeitslosigkeit von vier Prozent im März auf 27 Prozent im April. Derzeit liegt sie bei rund 22 Prozent.

Am Rabin Platz in Tel Aviv versammelten sich am Samstagabend tausende Menschen.
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Dass die Menschen ausgerechnet jetzt auf die Straße gehen, hat mehrere Gründe. Nach Monaten des Wartens auf die so oft versprochene Kompensation für Verluste ist die Geduld vieler Betroffener ebenso überstrapaziert wie ihr Überziehungsrahmen am Konto. Sie lassen sich auch durch die jüngste Zusage eines 80-Milliarden-Schekel-Hilfspakets (20 Milliarden Euro) nicht beeindrucken.

Am Sonntag kündigte Regierungschef Netanyahu erneut finanzielle Soforthilfen für Israelis an, die durch die Corona-Pandemie ihre Lebensgrundlage verloren haben. "Wir drücken auf den Knopf und das Geld ist in ein paar Tagen auf den Konten", sagte er.

Wieder mehr aktiv Infizierte als Genesene

Zugleich rollt die zweite Welle an. Israel wurde von der WHO unter den Top drei der höchsten täglichen Neuinfektionen in OECD-Ländern gelistet. Das Gesundheitsministerium verzeichnete am Sonntag 18.940 aktive Corona-Fälle. Damit gab es in Israel seit längerer Zeit wieder mehr aktiv Infizierte als Genesene.

Die Angst vor einem zweiten Lockdown ist groß. Selbst jene Unternehmen, die wieder im Vollbetrieb arbeiten könnten, warten deshalb lieber erst einmal ab, bevor sie ihre Angestellten wieder zurückholen, erklärt die Ökonomin Elise Brezis von der Bar Ilan Universität. Die Regierung habe sich hier verschätzt. "Betriebe sind nicht wie eine Klimaanlage, die man einfach aus- und einschalten kann", sagt Brezis. Das Aufsperren sei mit hohen Kosten verbunden – ein Risiko, vor dem viele zurückscheuen, solange der nächste Lockdown droht.

Umso wichtiger wäre es jetzt, dass jetzt alle die minimalen Regeln – Maskentragen, Abstandhalten – beachten, um die zweite Welle in Schach zu halten, sagt Brezis. Die Lust, sich daran zu halten, schwindet jedoch. "Viele Israelis sehen, dass es eine Elite gibt, die so tut, als würden diese Normen zwar für alle anderen gelten, aber nicht für sie", meint Brezis, "und viele sind deswegen frustriert."

Minister auf Party mit 50 Teilnehmern

Wenn Medien berichten, dass Gesundheitsminister Yuli Edelstein wenige Stunden nach Verlautbarung der neuen Covid-Einschränkungen – maximal 20 Personen pro Versammlung – zur Geburtstagsparty seiner Frau mit knapp 50 Teilnehmern fuhr, dann mag das Ministerbüro noch so oft betonen, dass alles legal war, weil die Richtlinien ja erst tags darauf in Kraft traten. Böses Blut macht es trotzdem.

Es war Langzeitpolitiker Tzachi Hangebi, der das Fass zum Überlaufen brachte, als er Berichte über verarmte Israelis, deren Geld kaum fürs Essen reiche, als "Scheißdreck" bezeichnete. Dass Hanegbi derzeit Minister ist, ohne ein Ministerium führen zu müssen, macht die Sache nicht besser.

Es ist also auch ein Frust über die Eliten, der sich derzeit auf der Straße entlädt. Bei den Protesten am Samstag wurden 20 Personen festgenommen. Den Sozialprotest wollten übrigens auch linke Oppositionspolitiker als Bühne nützen. Die Demo-Initiatoren lehnten das ab. Begründung: "Ihr hattet lang genug Zeit, für uns zu arbeiten." (Maria Sterkl aus Tel Aviv, 12.7.2020)