Der türkische Kultur- und Tourismusminister Mehmet Ersoy (links) und Ali Erbaş (rechts), Präsident des Amts für religiöse Angelegenheiten, am Sonntag bei einem Besuch in der Hagia Sophia.

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Die größte Zeitung der Türkei, "Hürriyet", titelte am Montag mit einer Geschichte über die ehemalige Moschee im südspanischen Córdoba, die nach der Rückeroberung durch die Reconquista 1236 in eine katholische Kirche umgewandelt wurde. An den Papst gewandt, der am vergangenen Wochenende sein großes Bedauern über die Umwandlung der Hagia Sophia von einem Museum in eine Moschee ausgedrückt hatte, fragte die Zeitung: "Warum sagen Sie nichts zur ehemals größten Moschee Europas, die in eine Kirche umgewandelt wurde?"

Hagia Sophia wird wieder Moschee.
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Angesichts der weltweiten Kritik an der Entscheidung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan, die weltberühmte ehemalige Hauptkirche von Byzanz, die seit 1934 ein Museum ist, wieder in eine Moschee umzuwidmen, schließen sich in der Türkei die Reihen hinter dem Präsidenten. Obwohl laut Umfragen viele Türken Erdoğans Schritt als überflüssig oder gar schädlich einschätzen, ist in der Öffentlichkeit so gut wie keine Kritik zu vernehmen. Die größte Oppositionspartei, die sozialdemokratisch-kemalistische CHP, die ansonsten keine Gelegenheit auslässt, den Laizismus zu verteidigen, schweigt weitgehend zur Causa Hagia Sophia.

Istanbuls Bürgermeister hält sich bedeckt

Insbesondere der neue Bürgermeister von Istanbul, Ekrem Imamoğlu, der größte Hoffnungsträger der Opposition, hielt sich angesichts der Debatte über das berühmteste Bauwerk seiner Stadt bedeckt. Und CHP-Chef Kemal Kılıçdaroğlu meinte nur: "Sollen sie doch eine Moschee daraus machen, Erdoğan will ja nur von seinen politischen Problemen ablenken."

Die Opposition hat erkennbar Angst, in der Diskussion als Ungläubige und unpatriotische Türken gebrandmarkt zu werden. Tatsächlich werden auf Twitter auch die vorsichtigsten Kritiker sofort mit einem Shitstorm belegt. So hatte der Nobelpreisträger Orhan Pamuk gegenüber dem britischen Sender BBC angemerkt, die Entscheidung sei ein weiterer Schritt weg von der laizistischen Türkei, und wurde deshalb wüst beschimpft.

Einzig die kurdisch-linke HDP veröffentlichte am Montag eine Stellungnahme, in der sie die Entscheidung scharf kritisierte. "Ein historisches Monument wie die Hagia Sophia, die als Museum auch eine Brücke zwischen den Kulturen ist, darf nicht für politische Manöver missbraucht werden", erklärte die Partei.

Unesco wird informiert

Die türkische Regierung – namentlich Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu – erklärte am Montag, man werde die Unesco im Detail über die Maßnahmen informieren, die im Zuge der Umwandlung in eine Moschee ergriffen werden sollen.

Die türkische Regierung versucht derweil die Empörung im Ausland etwas zu dämpfen, indem sie sich bemüht, die Veränderungen an der Hagia Sophia bei der Umwidmung in den Moscheebetrieb so klein wie möglich zu halten. Tourismusminister Mehmet Ersoy und der Chef der Religionsbehörde, Ali Erbaş, die künftig für die Hagia Sophia zuständig sein wird, erklärten am Wochenende nach einer gemeinsamen Besichtigung des Baus, man werde die christlichen Mosaiken und Fresken nur während der Gebete verhängen. Für Touristen solle in der übrigen Zeit ein Gang durch das Gebäude freigehalten werden, den sie ungehindert betreten könnten.

Im Moment ist das berühmteste Gebäude Istanbuls für Besucher geschlossen. Am 24. Juli soll das erste Freitagsgebet in der Hagia Sophia stattfinden. (Jürgen Gottschlich aus Istanbul, 13.7.2020)