Unterwürfigkeit zählt nicht zu den Wesensmerkmalen der Hauskatze. Das war schon bei ihren Vorfahren so.

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"Hunde haben Besitzer, Katzen haben Personal", lautet ein bekanntes Sprichwort, das das Wesen vieler Stubentiger pointiert auf den Punkt bringt: Katzen sind im Vergleich zu Hunden oft wesentlich selbstständiger, einzelgängerischer und eigenwilliger. Woher kommt die für Haustiere ungewöhnliche Unabhängigkeit vom Menschen?

Ein internationales Forscherteam um Magdalena Krajcarz von der Universität Torun (Polen) und Hervé Bocherens von der Universität Tübingen hat nun untersucht, welches Verhältnis die ersten bekannten Hauskatzen Europas zu Menschen pflegten. Wie die Wissenschafter im Fachblatt "PNAS" berichten, zieht sich die Unabhängigkeit wie ein roter Faden durch die Katzengeschichte: Die Vierbeiner wahrten schon vor über 6.000 Jahren eine größere Distanz zu Homo sapiens als andere Haustiere.

Ahnin aller Hauskatzen

Aus DNA-Analysen ist bekannt, dass alle heutigen Hauskatzen von nur einer Unterart der Wildkatze abstammen: Die aus Nordafrika stammende Falbkatze, Felis silvestris lybica, ist ihre Urahnin. "Vor etwa 6.000 Jahren etablierten sich die Tiere auch in Europa und breiteten sich dort als Hauskatzen aus", sagt Bocherens. "Die ältesten Fossilien sind ungefähr 6.200 Jahre alt und wurden in Polen gefunden. Uns hat interessiert, wie es zu der Domestizierung der Tiere nach ihrer Einwanderung kam."

Für ihre Studie untersuchten die Wissenschafter die fossilen Überreste von sechs Falbkatzen aus Südpolen. Sie wiesen genügend intaktes Knochenkollagen auf, um aus den Verhältnissen darin enthaltener Isotope Rückschlüsse auf die Ernährung der Tiere ziehen zu können. Um einen Vergleich zu haben, wurden zudem Fossilien weiterer Katzen sowie von 34 anderen Haus- und Wildtieren untersucht, die ebenfalls vor etwa 6.000 Jahren in Europa lebten.

Gemischte Kost

Die Stickstoff-15- und Kohlenstoff-13-Isotope der sechs Falbkatzen lagen deutlich niedriger, wie es in der Studie heißt. Dies deute darauf hin, dass sie weniger Mäuse und andere Tiere fraßen, die im Zusammenhang mit menschlicher Landwirtschaft standen. Stattdessen haben sie vermutlich – wie auch die mit ihnen konkurrierenden Europäischen Wildkatzen – vor allem in der Wildnis gejagt. Den Forschern zufolge waren die Katzen der Jungsteinzeit eher Kulturfolger, die in der Nähe menschlicher Siedlungen schnelle Beute fanden, als gut integrierte Haustiere.

"Unter den domestizierten Wildtieren waren die Katzenvorfahren aufgrund ihres einzelgängerischen, territorialen Verhaltens einzigartig", schreiben die Wissenschafter. Wie eng die Beziehung zwischen den Hauskatzen-Vorfahren der späten Jungsteinzeit und den Menschen war, die einst im heutigen Polen lebten, sei noch offen. Die Forscher gehen aber von einem "opportunistischem" Folgeverhalten aus. Bocherens: "Wenn es in der freien Wildbahn, welche sie sich mit den heimischen Wildkatzen teilen mussten, kein Fressen gab, durfte es auch gern Nahrung aus menschlicher Nähe sein." Ein Verhalten, dass auch modernen Katzenfreunden bekannt vorkommen dürfte. (red, 20.7.2020)