Die Radiologie verändert sich: Ärztinnen, die Befunde stellen, könnten zukünftig weit entfernt von Patienten und Patientinnen arbeiten und Geräte fernsteuern.

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Es war mitten im Lockdown, als italienische Intensivmediziner ihre Erfahrungen mit österreichischen Kollegen austauschten. In einem Webinar berichteten sie von einer kleinen Gruppe von mitunter auch jüngeren Patienten mit Lungenentzündungen, deren Zustand sich rapide verschlechterte. "Wir sehen keine prognostischen Faktoren, um Vorhersagen treffen zu können", sagte Jonathan Montomoli vom Universitätsspital Ancona Mitte März.

Vier Monate später sehen die Intensivmediziner klarer. Eine Verschlechterung des Zustands lässt sich auch auf Röntgenbildern und CT-Bildern feststellen. Allein: Mobile Röntgengeräte gehörten nicht zur Grundausstattung aller Intensivstationen, um die entzündlichen Reaktionen, die das Coronavirus im Körper triggert, direkt am Krankenbett feststellen zu können. In der Corona-Pandemie wurden also plötzlich dringend Geräte benötigt, für die es zuvor keinen großen Bedarf gegeben hatte.

Große Nachfrage

"Wir mussten während des Lockdowns unsere Fertigungskapazitäten für mobile Röntgengeräte verdreifachen", berichtet André Hartung, Leiter der Diagnostischen Bildgebung bei Siemens Healthineers. Zudem verzeichnete man einen besonders hohen Bedarf an neuen CT-Geräte in China, aber auch überall sonst wurden Intensivstationen erweitert, was die Nachfrage erhöhte. Und noch immer hält dieser Trend an: Derzeit arbeitet Siemens Healthineers Aufträge aus Indien, den USA und Lateinamerika ab.

Die Veränderungen, die durch die Corona-Krise für die Radiologen entstanden sind, werden auch das zentrale Thema am Europäischen Kongress für Radiologe (ECR) sein, der diesen Mittwoch, diesmal virtuell, beginnt. Das passt auch zum allgemeinen Trend dieser Fachrichtung. Die Radiologie ist seit jeher das am meisten von Technik getriebene medizinische Fachgebiet und erlebt die Corona-Pandemie als eine extreme Digitalisierungsbeschleunigung. So kann André Hartung berichten, dass Siemens Healthineers nicht nur die Produktion von Geräten hochfahren musste, sondern auch an Software arbeitet, mit der die Bilder von Covid-19-Patienten nach Gemeinsamkeiten durchforstet werden, um die Schwere der Erkrankung besser einschätzen zu können.

Corona und Künstliche Intelligenz

"Zusammen mit unseren klinischen Kooperationspartnern erproben wir diesen Algorithmus gerade an CT-Aufnahmen der Lunge, um die Krankheit besser zu verstehen und Muster zu erkennen, die eine Verschlechterung ankündigen", berichtet Hartung. Die Datensätze von 21.000 Patienten aus 280 Kliniken wurden mit der Software bereits ausgewertet. "Ziel ist es, die Radiologen durch solche Algorithmen in der Interpretation von diagnostischen Bildern zu unterstützen", sagt Hartung. Diese Strategie fährt man auch in vielen anderen Bereichen der Medizin, etwa in der Krebsdiagnostik, um Therapien und die Therapiekontrollen zielgerichteter zu machen.

Auf dem ECR wird es aber auch noch um eine Reihe anderer bahnbrechender Entwicklungen gehen – konkret um die Vermeidung von Infektionsrisiken in Krankenhäusern, die bei der Bewältigung der Corona-Pandemie weiterhin ein zentrales Thema sein werden. So hat Siemens Healthineers seine Computertomografen mobil gemacht und sie in Container gepackt, damit Spitäler potenziell Infizierte bereits außerhalb des Krankenversorgungsbereichs identifizieren und direkt in entsprechenden Corona-Units versorgen können.

Ferndiagnosen stellen

Ganz allgemein laufen aber auch Initiativen, um den Kontakt zwischen Patienten und Krankenhauspersonal in der radiologischen Diagnostik so gering wie möglich zu halten. "Remote Scan-Assistenz" ist eine Schiene dafür. Patienten werden nur mehr von einer medizinisch-technischen Assistentin direkt am Gerät betreut. "Das Team hinter der diagnostischen Bildgebung, also all jene, die Geräte steuern und in der Folge die Bilder auswerten, können das von einem weit entfernten Zentrum aus tun", sagt Hartung. Theoretisch könnten Radiologen das unter Einhaltung aller Sicherheitsvoraussetzungen sogar von zu Hause aus machen, das entsprechende Programm namens "Syngo Virtual Cockpit" wird bereits in mehr als 20 Radiologie-Einrichtungen weltweit genutzt.

Nicht nur Siemens Healthineers, sondern auch die Konkurrenz arbeitet an Lösungen, die die Infrastruktur grundlegend verändern könnten. Denn eines der größten Probleme in der Radiologie ist der Mangel an qualifiziertem Personal. "Tele-Health ist eine Lösung", so Hartung. Experten in einem bestimmten Fachgebiet könnten von einem klinischen Zentrum aus die Bilder von Patienten und Patientinnen auch aus entlegeneren Krankenhäusern beurteilen. Digitalisierung kann damit ein Instrument sein, das Wissen der Experten für mehr Patienten verfügbar zu machen.

Für Hartung hat die Corona-Krise viele Chancen der Digitalisierung transparent gemacht. Österreich sei durch die E-Card ein sehr progressives Land, um digitale Informationsketten im Gesundheitssystem umzusetzen. (Karin Pollack, 15.7.2020)