Die meisten EU-Staaten haben die Corona-Pandemie vergleichsweise gut bewältigt.

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Vier Jahre Präsident Donald Trump werden die USA ohne größeren Schaden aushalten, acht Jahre wären zu viel: So lautete bis vor kurzem die Prognose zahlreicher Politikexperten. Doch mit der katastrophalen Entwicklung der Covid-19-Pandemie, für die neben Trump auch seine republikanischen Parteifreunde in wichtigen Bundesstaaten Verantwortung tragen, ist diese Einschätzung nicht mehr zu halten. Die USA werden deutlich geschwächt aus der Corona-Krise herauskommen, und auch eine noch so kompetente Regierung unter Joe Biden wird innen- und außenpolitisch nicht alles reparieren können. Amerikas Wirtschaftskraft, der gesellschaftliche Zusammenhalt und seine internationale Führungsrolle sind schwer beschädigt.

Wirtschaft erholt sich schneller

Der Niedergang der USA wird von vielen als Chance für China gesehen, als globales Erfolgsmodell zu wirken und so zur Hegemonialmacht aufzusteigen. Das Ursprungsland des Virus hat die Pandemie überraschend gut gemanagt und den Weg der wirtschaftlichen Erholung schneller als andere betreten. Doch Chinas wachsende Repression, die derzeit vor allem Hongkong zu spüren bekommt, steht solchen Bestrebungen im Wege. Die Unterdrückung von Meinungsfreiheit und Dissens kann zwar ein Regime im Inneren absichern, schwächt aber seinen internationalen Einfluss. Ein Hegemon muss respektiert und darf nicht nur gefürchtet werden. Chinas ökonomischer Erfolg beruht immer noch auf jener offenen Weltwirtschaft, zu deren Erosion die brutale und nationalistische Politik in Peking viel beiträgt.

Diese Konstellation bietet der EU eine neue Chance; die "Stunde Europas", die schon vor 30 Jahren vergeblich verkündet wurde, könnte diesmal tatsächlich kommen. Die meisten Mitgliedsstaaten haben die Corona-Pandemie vergleichsweise gut bewältigt, und das gilt auch für die schwer betroffenen Länder Italien und Spanien. Die Wirtschaft kann sich hier schneller erholen als in den USA.

Gemeinsames Handeln in der EU

Die Union zeigt nach anfänglicher Paralyse immer mehr Bereitschaft zum gemeinsamen Handeln, vor allem, weil Deutschland unter Angela Merkel das Heft in die Hand genommen hat. Wie immer das Tauziehen um die Details des Wiederaufbauplans am kommenden Wochenende ausgeht – die Chancen stehen gut, dass "etwas Wuchtiges" herauskommt, wie es Merkel fordert.

Die EU ist die letzte Bastion des Multilateralismus, der für die Eindämmung des Coronavirus genauso benötigt wird wie im noch größeren Kampf gegen die Klimakrise. Und die demokratisch-liberalen Werte, für die Europa steht, haben weltweit immer noch starke Anziehungskraft.

Eine globale Führungsrolle ist kein Selbstzweck, und bisher konnten sich die Europäer immer auf die USA verlassen, wenn sie beim gemeinsamen Handeln versagten. Doch diese Hoffnung ist vorerst tot. Trotz riesiger Differenzen unter den 27 Mitgliedsstaaten scheint die EU geschlossener als die tiefgespaltenen USA – und nachhaltig stabiler als das zunehmend willkürlich regierte China. Von ihrer Fähigkeit, der Welt politisch und wirtschaftlich ihren Stempel aufzudrücken, hängt langfristig auch der Wohlstand auf dem Kontinent ab.

Das sollte auch Kanzler Sebastian Kurz bedenken, wenn er auf dem Gipfel um Österreichs Beiträge feilscht. Es ist schön, wenn eine Regierung eine günstige Regelung wie einen Budgetrabatt herausschlägt. Aber im Moment steht viel mehr als das auf dem Spiel. (Eric Frey, 14.7.2020)