"Ich möchte nicht von einer KI vorgeschlagen bekommen: Weil du dieses Buch gelesen hast, wird dir auch jenes gefallen", sagt die Informatikerin Gabriele Kotsis. "Ich möchte auf Neues aufmerksam gemacht werden."

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Neben ihr stand Google-Vizepräsidentin Elisabeth Churchill zur Wahl, doch die Österreicherin Gabriele Kotsis machte das Rennen: Die Informatikerin von der Universität Linz ist seit 1. Juli Präsidentin der ACM (Association for Computing Machinery), der weltweit wichtigsten wissenschaftlichen Computergesellschaft mit Sitz in New York City und rund 100.000 Mitgliedern rund um den Globus.

STANDARD: Sie leiten als Präsidentin der ACM ein rein weibliches Präsidium. Auch in den letzten beiden Perioden führten Frauen den Verband – ist das Zufall oder ein bewusstes Signal?

Kotsis: Es ist wohl ein bewusstes Signal. Die ACM bemüht sich seit langem, mehr Frauen in Leitungsfunktionen zu bringen. Bei den letzten Wahlen waren immer Frauen nominiert – die offensichtlich auch gewählt werden von den ACM-Mitgliedern.

STANDARD: Die ACM vergibt den Turing-Award, er gilt als Nobelpreis für Informatik. Bisher waren rund zwei Drittel der 72 Preisträger US-Amerikaner, gerade zwei Frauen waren darunter. Auch beim Grace-Murry- Hopper-Award für Nachwuchsforscherinnen und -forscher ist der Frauenanteil verschwindend gering. Wie lässt sich das ändern?

Kotsis: Das sind einfach die Altlasten, die wir in der Informatik haben. Der Preis wird für herausragende Forschungsarbeiten vergeben, die teilweise bis in die 1970er- und 1980er-Jahre zurückreichen. Da war der Frauenanteil noch niedriger, als er heute ist. Wir holen langsam auf, und ich denke, je mehr Frauen in die Positionen kommen, wo sie auch interessante Forschung betreiben können, desto eher werden auch Frauen mit solchen Preisen ausgezeichnet werden. Somit braucht es da einfach noch Zeit.

STANDARD: Das gilt aber nicht für die Nachwuchspreise.

Kotsis: Das stimmt. Da kann es zum Teil daran liegen – ohne Klischees befördern zu wollen –, dass es nicht unbedingt eine Eigenschaft ist, in der Frauen geschult sind, die eigene Forschungsleistung in den Vordergrund zu stellen. Um sichtbar zu werden in der Forschung, braucht es ein gewisses Selbstmarketing, und da besteht noch Handlungsbedarf.

STANDARD: Die Association for Computing Machinery umfasst ein breit gefächertes Spektrum an Forschungsfeldern, von künstlicher Intelligenz über Computergrafik bis zu Mensch-Maschine-Interaktionen. Was sehen Sie als Ihre wichtigsten Aufgaben?

Kotsis: Ich möchte die Problemlösungsorientierung der Informatik in den Vordergrund stellen. Es geht mir nicht darum, eine bestimmte Informatiksparte oder Technologie zu promoten, obwohl sich natürlich anbieten würde, da alle von künstlicher Intelligenz sprechen, auf dieses Pferd zu setzen. Ich glaube, dass es wichtiger ist, zu sagen: Wir, sowohl als Scientific Community als auch als Praktiker aus dem Bereich Computing-Machinery, können Beiträge leisten, um die CO2-Problematik zu bekämpfen. Nicht nur durch unsere Forschungsarbeit, sondern auch, indem wir uns darüber Gedanken machen, wie wi etwa virtuelle Meetings, die wir jetzt zwangsweise haben, dazu einsetzen, dass unsere Forschung nachhaltiger wird, oder wie wir ressourcenschonender werden – Stichwort Green IT. Ein zweiter Schwerpunkt von mir sind – unverhofft ganz aktuell – Informatiktechnologien, die das Gesundheitssystem und die Medizinforschung verbessern. Das reicht von Analysemethoden über den Health-Care-Bereich bis hin zu Pflegerobotern. Drittens müssen wir uns insbesondere im Hinblick auf Fake-News zum Ziel setzen, dass IT verstärkt so eingesetzt wird, dass sie demokratieförderlich ist. Wir müssen sicherstellen, dass Prozesse demokratisch ablaufen können, dass Partizipation möglich ist, dass alle gleichberechtigt Zugang zu Informationen haben und sie verteilen können.

STANDARD: Dazu passt auch, dass die ACM kürzlich ein Statement veröffentlicht hat, dass sie sich im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung verpflichtet fühlt, Diversität zu forcieren und gegen Rassismus anzukämpfen. Wie wollen Sie das erreichen?

Kotsis: Die ACM hat sowohl in den USA als auch in Europa Technology Policy Committees, die versuchen, Politik zu beeinflussen. Das europäische Komitee hat zum Beispiel kürzlich einen Bericht darüber herausgebracht, wie Tracking-Apps verantwortungsvoll eingesetzt werden können. Wir sind keine Politikerinnen und Politiker, wir können nur unsere Stimme erheben und hoffen, dass unsere fachliche Kompetenz Widerhall findet. Zudem können wir mit gutem Beispiel vorangehen – gerade bei so Themen wie Inklusion –, indem wir innerhalb der ACM auf Diversität achten.

STANDARD: Auf der anderen Seite gibt es Diskriminierung auf Basis von Technologien. Kollegen an der Uni Linz haben kürzlich eine Studie veröffentlicht, in der ein weiteres Mal belegt wird, dass Deep Learning sexistische Muster wie Rollenzuschreibungen verfestigt – was kann dagegen getan werden?

Kotsis: Maschinelles Lernen baut darauf auf, dass man das, was man in der Vergangenheit beobachtet hat, in die Zukunft fortschreibt. Das ist ein massives Problem. Mein radikaler Vorschlag wäre, in diese Systeme bewusst einen Glitch einzubauen, das ist eine Störung, die uns dazu bringt, die Ergebnisse, die der Computer produziert, zu hinterfragen. Wir sollten künstliche Intelligenz nicht als der Weisheit letzten Schluss betrachten, sondern unseren menschlichen Hausverstand einsetzen und uns bewusst dagegen entscheiden, bestehende Muster zu verstärken. Da geht es auch um Demokratieverständnis: Wenn wir in Zukunft KI verstärkt einsetzen, um Nachrichten, die wir bekommen, vorzufiltern, geht das genau in die falsche Richtung. Ich möchte möglichst breit und vielfältig informiert werden. Ich möchte nicht von einer KI vorgeschlagen bekommen: Weil du dieses Buch gelesen hast, wird dir auch jenes gefallen. Ich möchte auf Neues aufmerksam gemacht werden, um mich weiterzuentwickeln. Insofern hoffe ich, dass uns flexiblere Informationstechnologie weiterhelfen kann.

STANDARD: Die Regierung hat angekündigt, ab 2021 Laptops und Tablets in Schulklassen zu verteilen. Ein längst fälliger Schritt oder nur ein Tropfen auf dem heißen Stein?

Kotsis: Es ist ein wichtiger Schritt, denn natürlich braucht man die Werkzeuge, um die Technologie zu beherrschen. Wir als Informatik-Community differenzieren aber zwischen der Anwendung der Technologie und dem, was wir strukturiertes, logisches, algorithmisches Denken nennen – der Kern der Informatik. Das auch in die Schulausbildung hineinzubringen halte ich für ganz wichtig. Derzeit ist das, was einem bei einem Informatikstudium erwartet, oft etwas ganz anderes als das, was man in der Schule lernt.

STANDARD: Sie leiten seit fast 20 Jahren das Institut für Telekooperation der Uni Linz. Wie hat sich der Frauenanteil seither verändert?

Kotsis: An meinem Institut sehr positiv. Wir haben, mich eingeschlossen, eine Frauenquote von über 50 Prozent beim wissenschaftlichen Personal. Wenn man sich um Frauen bemüht, gelingt es auch, sie zu gewinnen. Es ist oft damit verbunden, dass man eine Stelle ein wenig länger ausschreiben muss, bis man eine konkurrenzfähige Kandidatin hat. Aber es geht.

STANDARD: Würden Sie eine verpflichtende Frauenquote in der Forschung befürworten?

Kotsis: Nein. Wenn die Quote in die eine oder andere Richtung schief ist, heißt das, dass in der Disziplin etwas nicht passt. Aber nur der Quote wegen zwanghaft Frauen zu nehmen halte ich nicht für richtig. Man kann aber sehr wohl die Quote verbessern, indem man die richtigen Maßnahmen entwickelt. Wenn in einem Bereich Frauen stark unterrepräsentiert sind, kann man etwa bewusst thematisch offene Stellen für Frauen ausschreiben. Das haben wir an der Kepler-Universität ein paar Mal gemacht, und das wird auch an anderen Unis praktiziert, unterstützt vom Wissenschaftsministerium. Denn Frauen sind offenbar nicht geschult darin, sich für Stellen zu bewerben, die nicht zu 100 Prozent zu ihrem Profil passen. Männer haben da tendenziell eine geringere Hemmschwelle. Die thematisch breit gefassten Ausschreibungen für Frauen waren höchst erfolgreich – wir haben so ausgezeichnete Forscherinnen bekommen. (Karin Krichmayr, 21.7.2020)