Auch in Deutschland wird längst für klinische Studien gegen das neue Coronavirus geimpft, so wie hier mit dem Impfstoff der deutschen Firma CureVac. Die Firma erhielt vom deutschen Staat eine umfangreiche Unterstützung im dreistelligen Millionenbereich.

Reuters

Eine Impfung gegen Covid-19 gilt als der einzige Weg, die Pandemie zu beenden. Zwar bringen natürlich auch wirksame Medikamente gegen schwere Erkrankungen einen großen Fortschritt. Doch nur ein funktionierender und möglichst nebenwirkungsfreier Impfstoff, der so breit wie möglich zur Anwendung kommt, kann uns – da sind sich die meisten Experten einig – im Idealfall von der Geißel des neuen Coronavirus befreien.

Es geht also um nicht weniger als die Gesundheit der Weltbevölkerung, die Rückkehr zur Normalität und die Abwendung eines noch gigantischeren Schadens für die Weltwirtschaft. Entsprechend umkämpft ist der globale Wettlauf um Impfstoffe, an dem laut den aktuellsten Zahlen der WHO vom Mittwoch dieser Woche 163 Impfstoffentwickler teilnehmen. Wie viel dabei auf dem Spiel steht, lässt sich an vielen aktuellen Begleiterscheinungen dieses dramatischen Wettrennens ablesen, bei dem es praktisch täglich zu neuen Entwicklungen kommt.

Börsenkurse als Gradmesser

Wie erst am Donnerstag bekannt wurde, gab es in letzter Zeit anscheinend russische Hackerversuche auf Forschungseinrichtungen in Großbritannien und Nordamerika, um Informationen zu Corona-Impfstoffen zu stehlen, was prompt für schwere Verstimmungen zwischen London und Moskau sorgte. Ein anderer Indikator sind die Börsenkurse ins besondere jener Firmen, die zur Spitzengruppe der Impfstoffentwickler zählen, wie etwa das US-Biotechunternehmen Moderna.

Die vor ziemlich genau zehn Jahren gegründete Firma hat zwar noch kein einziges Produkt auf den Markt gebracht. Und auch die Methode – Moderna arbeitet an einem sogenannten RNA-Wirkstoff – ist noch unerprobt. Dennoch vervierfachte sich die Marktkapitalisierung des Unternehmens in den vergangenen fünf Monaten von sieben auf aktuell über 30 Milliarden US-Dollar. (Tatsächlich findet man mit die aktuellsten Neuigkeiten über Impfstoffentwicklungen längst auf einschlägigen Wirtschaftsnachrichtendiensten wie Bloomberg.)

Erfreuliche Zwischenergebnisse

Die letzten Kurssprünge nach oben gab es am Dienstag dieser Woche, als die ersten, lange erwarteten Ergebnisse zur Wirksamkeit des Impfstoffs im renommierten Fachblatt "New England Journal of Medicine" bekannt wurden. Für diese sogenannte Phase-1-Studie wurde der neuartige Impfstoff 45 gesunden Erwachsenen gespritzt.

In dieser ersten klinischen Studienphase am Menschen soll erst einmal geprüft werden, ob der Impfstoff eine Immunantwort hervorruft und wie sicher er ist. Laut der Studie haben alle Teilnehmer eine Immunantwort gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 entwickelt, die teilweise sogar besser war als bei Menschen, die kürzlich eine Coronavirus-Infektion durchgemacht hatten.

Drei Phasen klinischer Tests

Schwere Nebenwirkungen blieben laut der Studie aus: Ein Teilnehmer entwickelte wenige Tage nach der ersten Impfung einen vor übergehenden Hautausschlag an beiden Beinen. Die häufigsten Nebenwirkungen waren Schmerzen an der Einstichstelle, Kopf- oder Gliederschmerzen, Abgeschlagenheit, Schüttelfrost und Übelkeit – alles keine ungewöhnlichen Reaktionen nach einer Impfung.

Moderna startete Ende Mai mit Phase 2, bei der die konkrete Wirksamkeit des Impfstoffs und die Dosierung im Zentrum stehen, was im konkreten Fall an 600 Personen getestet wird. Mit Phase 3 soll rund um den 27. Juli begonnen werden. Da werden dann an 30.000 Personen, die im konkreten Fall noch rekrutiert werden müssen, alle Fragen der Wirksamkeit und Ungefährlichkeit noch einmal überprüft.

Veränderungen in der WHO-Rangliste

Moderna liegt im aktuellen WHO-Ranking der Impfstoffentwickler freilich gar nicht einmal an erster Stelle: Diese Rangliste, die seit dem letzten Update vor einem Monat mittlerweile 23 (statt zuvor 13) Kandidaten in der klinischen Phase sieht, wird von Sinovac, einem chinesischen Hersteller, angeführt, dessen Impfstoff angeblich bereits beim chinesischen Militär zur Anwendung kommt. Ähnlich weit wie Moderna sind etwa noch die Impfstoffkandidaten des Pharmakonzerns Pfizer und der deutschen Firma Biontech, denen von der US-Arzneimittelbehörde FDA dieser Tage ebenfalls ein beschleunigtes Zulassungsverfahren genehmigt wurde.

Der heißeste Kandidat weltweit ist im Moment aber ein von Impfstoffforschern um Sarah Gilbert entwickeltes Vakzin. Wie es aussieht, wird dieser Impfstoff, der von der Uni Oxford gemeinsam mit dem europäischen Pharmamulti Astra Zeneca hergestellt wird, schneller als jeder andere zur Marktreife gebracht. Die entscheidende Phase 3 soll bereits im September abgeschlossen werden.

Dieser Impfstoff basiert auf einem sogenannten Adenovirus, das gentechnisch so verändert wurde, dass es im menschlichen Körper Coronavirus-Proteine produziert und so eine Immunantwort auslöst. Ein Vorteil dabei ist, dass sich in sehr viel kürzerer Zeit viel Impfstoff herstellen lässt, woran auch schon längst gearbeitet wird.

Kriterien der Zulassung

Denn sobald ein Impfstoff gegen Covid-19 zugelassen wird, sollte davon bereits möglichst viel verfügbar sein. Tatsächlich hat Astra Zeneca bereits Verträge mit potenziellen Abnehmern und Herstellern abgeschlossen, die eine Produktion von zwei Milliarden Dosen des Impfstoffs vorsehen.

Wie aber sieht es mit den Zulassungen aus? Auch in dem Punkt hat sich in den vergangenen zwei Wochen einiges getan: Als erste dafür zuständige nationale Behörde hat die US-amerikanische FDA Ende Juni konkrete Vorgaben gemacht, welche Kriterien ein Impfstoff gegen Sars-CoV-2 erfüllen muss, um zugelassen zu werden: Ein Vakzin muss mindestens 50 Prozent der Geimpften vor Covid-19 schützen oder die Schwere der Krankheit senken.

Laut Sarah Gilbert dürfte der von ihr mitentwickelte Impfstoff eine 80-prozentige Wahrscheinlichkeit haben, bei Personen, die dem neuen Coronavirus ausgesetzt waren, eine Covid-19-Erkrankung zu vermeiden. Eine 100-prozentige Sicherheit scheint ausgeschlossen und wird auch bei Impfstoffen gegen andere Krankheiten so gut wie nie erreicht. Ein besonderes Problem bei Covid-19 ist freilich noch, dass gerade bei älteren Personen, die von der Krankheit besonders schwer betroffen sein können, die Immunantwort schwächer ausfällt. Man wird also ziemlich sicher nicht mit einer einzigen Impfdosis pro Person auskommen, sondern zumindest zwei benötigen.

Beschleunigte Verfahren

Unter bestimmten Voraussetzungen ist für die FDA auch eine beschleunigte Zulassung denkbar, wofür sich am Freitag vor einer Woche auch das EU-Parlament aussprach. Auch, wenn Eile geboten ist, will man bei der Sicherheit der Impfstoffe aber keine Abstriche machen, wie man etwa seitens der FDA betont. Durch die Richtlinien mache man deutlich, welche Daten eingereicht werden müssen, um die behördlichen Standards zu erfüllen. Das sei deshalb besonders wichtig, weil einige Menschen den Bemühungen zur Impfstoffentwicklung skeptisch gegenüberstehen.

Die Formulierung "einige Menschen" scheint freilich ein wenig untertrieben. In den USA ging die Zahl der Sars-CoV-2-Impfwilligen nach jüngsten Umfragen auf rund 50 Prozent zurück. Auch hierzulande nahm die Impfskepsis seit dem Lockdown laut den jüngsten Daten um sechs Prozent zu. Da die Impfung gegen das neue Coronavirus freiwillig bleiben soll, ist fürs Erste jedenfalls rein rechnerisch ziemlich eindeutig auszuschließen, dass eine Herdenimmunität von 70 Prozent erreicht werden kann. (tasch, 17.7.2020)