In den Sommerferien müssen Sie nicht 24/7 den Kindern zur Verfügung stehen. Gönnen Sie sich Auszeiten – für sich selbst oder als Paar!

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Von Eltern wurde in den letzten Monaten viel abverlangt. Schulen und Kindergärten waren geschlossen, wochenlang mussten die Kleinen zu Hause betreut werden. Mütter und Väter, die im Homeoffice saßen und nebenher Kinder im Homeschooling begleiten oder Kleinkinder zu bespaßen hatten, konnten deswegen wohl kaum von Corona-Ferien sprechen. Nun sind in ganz Österreich Sommerferien. Endlich Erholung? Schön wär's. Selbst in den Sommermonaten fällt es vielen Eltern schwer, sich zu entspannen. Viele haben bereits ihren Urlaub verbraucht und müssen jeden Tag die Kinderbetreuung organisieren. Andere sind mit den Gedanken schon wieder beim Herbst, fragen sich, wie der Schulbetrieb ab September aussehen wird, machen sich Sorgen um Verdachtsfälle in den Einrichtungen und erneuten Schließungen.

"Dabei ist Erholung für Eltern und Kinder gerade jetzt sehr wichtig", sagt Familiencoach Linda Syllaba. Sie ist selbst Mutter und weiß, wie schwer es ist, dieser Tage den Kopf auszuschalten und einmal Ruhe zu geben. DER STANDARD hat die Familienberaterin um die wichtigsten Tipps für einen sorglosen Sommer gebeten:

Wenn Eltern keinen Urlaub mehr übrig haben

"Ich empfehle Eltern, die wegen der Corona-Zeit keinen weiteren Urlaub mehr bekommen haben, die Arbeits- und Freizeit gut einzuteilen, das heißt durchaus auch täglich Zeitfenster zu planen, wo sie konzentriert arbeiten können und dann frei sind für die Familie. Mit einer geistigen Abgrenzung fällt es auch leichter, die Aufmerksamkeit ungeteilt zu geben. Halten Sie wöchentliche Familienkonferenzen, bei denen jeder seine Wünsche, Vorschläge und Fixtermine einbringen kann, sodass dann eine Planung für die ganze Woche oder sogar längere Zeiträume gemacht werden kann. Etwas Flexibilität kann man durchaus auch einplanen, zum Beispiel wetterbedingte Schwankungen."

Wenn man jemanden braucht, der hin und wieder die Kinder nimmt

"Für die Betreuung außer Haus gibt es mehr als nur bezahlte Varianten, wenn man etwas kreativ wird und sein soziales Netzwerk anzusprechen wagt. Die Kinder können etwa tageweise zu Schulfreunden oder Kindergartenfreunden – und diese dann an einem anderen, vereinbarten Tag, eingeladen werden. So hilft man sich gegenseitig, und die Kinder haben ihren Spaß. Verwandtschaft, Nachbarn, Freunde – trauen Sie sich ruhig, fragen Sie um Unterstützung. Wenn es nicht möglich ist, wird man es Ihnen schon sagen."

Wenn die Kinder doch einmal vor dem Fernseher geparkt werden müssen

"Vereinbaren Sie gemeinsam mit Ihren Kindern an Tagen, wo sonst niemand Zeit hat und Sie dennoch ein paar Stunden arbeiten müssen, ob und wie viel davon Medienzeit sein darf. Gemeinsam getroffene Vereinbarungen sind leichter einzuhalten als aufgedrückte Regeln. Lassen Sie die Kinder (altersentsprechend) auch Aufgaben zu Hause übernehmen, wie Kochen, Backen, Haustierpflege und Ähnliches. Auch wenn die Aufgaben nicht immer perfekt umgesetzt werden, so sind die Kinder dennoch beschäftigt, wachsen durch Erfolgserlebnisse daran und bringen sich in die Gemeinschaft ein."

Wenn Eltern einmal eine Pause von den Kinder brauchen

"Für viele Eltern waren die letzten Monate alles andere als Corona-Ferien, und sie fühlen sich nachvollziehbar ausgelaugt. Umso wichtiger ist es, die eigenen Bedürfnisse jetzt ernst zu nehmen und auch Zeiten zur Entspannung, zum Energietanken einzuplanen. Was auch immer das ist, auch das dürfen die Kinder mitbekommen, sind Sie doch auch Vorbild darin, wie man sein Leben ausbalanciert gestaltet! Solange Sie nicht in den totalen Egotrip verfallen, lernen Ihre Kinder, dass es in einer fordernden, vollen und schnellen Welt auch notwendig ist, Pausen zu machen. In Anwesenheit der Kinder braucht es da manchmal klare, verbale Abgrenzung, die dennoch liebevoll bleibt. Stellen Sie sich vor, Sie würden mit einer erwachsenen Freundin oder einem Freund reden, der oder dem Sie freundlich und doch bestimmt sagen, dass Sie jetzt Ruhe brauchen, nicht zur Verfügung stehen, erst später wieder. Je kleiner die Kinder, umso schwerer fällt es ihnen zu verstehen, doch um es zu lernen, brauchen sie Eltern, die dranbleiben, ohne abwertend zu werden.

Denken Sie daran, Kinder tun niemals etwas GEGEN Sie, sondern nur FÜR sich selbst. Es geht nicht darum, Sie zu ärgern oder gar zu provozieren. Kinder suchen Kontakt, das ist ein großes soziales Bedürfnis, und dahinter steht auch immer die Liebe, aufgrund derer das Kind die Verbindung zu Ihnen sucht. Jedes "Mamaaaa!!" oder "Papaaa!!" ist also auch eine Einladung zur Beziehungsgestaltung. Vielleicht hilft es Ihnen auch, die Dinge mit Humor zu betrachten, das macht vieles leichter."

Wenn man nicht die gleichen Interessen hat

"Wenn Sie mit den Kindern etwas gemeinsam unternehmen wollen, suchen Sie etwas aus, das auch Ihnen selbst Spaß macht, das ist ja sowieso die beste Variante gemeinsamer Unternehmungen. Falls die Interessen innerhalb der Familie sehr arg auseinandergehen, kann man sich in der Wochenbesprechung (Punkt 1) ausmachen, dass jeder einmal seine Vorliebe erfüllt bekommt und dafür die anderen ein wenig zurückstecken. Außerdem muss man nicht immer alles gemeinsam machen, teilen Sie sich ruhig in zwei Gruppen auf und treffen Sie sich hinterher wieder zum gemeinsamen Essen."

Wenn ein Schuleintritt oder Schulwechsel bevorsteht

"Kinder, die einen Schuleintritt oder Schulwechsel vor sich haben, empfehle ich, so wenig wie möglich unter Erwartungsdruck zu setzen. Sätze wie "Jetzt beginnt der Ernst des Lebens" oder "Schluss mit lustig" erzeugen Druck und vielleicht sogar Angst. Überlegen Sie, was Sie Ihren Kindern vermitteln wollen, und wählen Sie Ihre Worte entsprechend. Schule soll so viel Freude wie möglich machen, denn dann klappt es mit dem Lernen wie von allein. Kinder haben ein natürliches Interesse daran, zu lernen, wenn man es Ihnen nicht vermiest. Das gilt auch für alltägliche Aufgaben im Zusammenleben wie Einkaufen, Haushalt, Tischdecken et cetera. Lassen Sie kleine Kinder dann, wenn Sie von sich aus mithelfen wollen, sich auch wirklich einbringen. Für einen Dreijährigen ist es eine Herausforderung, den Müll rauszubringen, für einen Achtjährigen bereits lästige Pflicht. Dennoch gilt es, den Übergang zu schaffen, denn der Müll muss weiterhin rausgebracht werden. Auch wenn es momentan Nerven kostet, es lohnt sich langfristig, damit alle zusammenhelfen und nicht alles an einer Person hängt, die irgendwann vor Erschöpfung zusammenbricht und kurz vorher noch mal ausflippt."

Wenn Eltern zu wenig Zeit für Regeneration haben

"Schaffen Sie sich selbst mehrmals täglich kleine selbstfürsorgliche Einheiten, die Sie bewusst genießen. Sei es eine Kaffeepause, 15 Minuten Yoga am Morgen, die Körperpflege im Badezimmer oder ein gutes Buch abends im Bett. Gestalten Sie sich das Leben so, dass sie mit Wochenenden zum Regenerieren auskommen und Urlaub wirklich nur das Sahnehäubchen darstellt. Wenn Sie monatelang auf eine Auszeit hinarbeiten, könnte es sein, dass Sie auf dem Weg dorthin zusammenklappen. Und was, wenn dann der langersehnte Urlaub nicht hält, was er verspricht? Ihre Zeit ist jetzt. Gestalten Sie sie so angenehm und lebenswert wie möglich. Schauen Sie gut auf sich, kurzfristig, mittelfristig und langfristig. Das ist das Beste, das Sie für Ihre Familie tun können." (red, 23.7.2020)