Ab Freitag muss in Supermärkten, Banken und Postfilialen wieder Mund-Nasen-Schutz getragen werden, das hat die Regierung am Dienstag verkündet. Hintergrund der Maßnahme ist der Schutz der Risikogruppen in Bereichen des täglichen Lebens. Zudem habe der Mund-Nasen-Schutz auch den Effekt, das Risikobewusstsein zu heben: "Je mehr er verschwindet, desto stärker wird die Sorglosigkeit", so Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP).

Um eine weitere Ausbreitung des Virus durch Reiserückkehrer zu verhindern, müssen Menschen, die vom Balkan und aus anderen Risikogebieten in Österreich einreisen, nun einen negativen PCR-Test vorlegen, der nicht älter als 72 Stunden ist. Liegt er nicht vor, muss er innerhalb von 48 Stunden nachgereicht werden. Zudem werden Grenzkontrollen deutlich verschärft und die Quarantäne noch stärker kontrolliert.

"Je mehr der Mund-Nasen-Schutz verschwindet, desto stärker wird die Sorglosigkeit", so Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP).
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Währenddessen arbeitet das Gesundheitssystem am bereits angekündigten Ampelsystem, das es bei lokalen Ausbrüchen möglich machen soll, regional zu reagieren, aber bundesweit einheitlich. Zudem, so Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne), seien weitere Gespräche mit den Bundesländern geplant, um die Nachverfolgung von Kontakten sowie Testungen noch schneller zu machen – vom Anruf bei der Gesundheitshotline bis zum Testergebnis sollen höchstens 48 Stunden vergehen.

Anschober ortet virologisches Grundrauschen

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) begründete die erneute Einführung der Maskenpflicht mit einem virologischen Grundrauschen. Die Rhinoviren, die etwa Erkältungen auslösen, sind ein Indikator – und breiten sich derzeit im ganzen Land aus.

Dass gerade Supermärkte, Post und Banken aber nicht etwa andere Geschäfte von der Maskenpflicht betroffen sind, erklärte Anschober in der ZiB2 am Dienstag mit dem Schutz der Bedürftigsten. Denn zur Bank muss man, in den Supermarkt auch – die Modeboutique könne man auch meiden, so der Minister.

ORF

Opposition mit Kritik

Großteils Kritik kam am Dienstagnachmittag vonseiten der Opposition. Die SPÖ begrüßte zwar die Maskenpflicht, bemängelte aber, dass der Regierung ein Gesamtkonzept fehle. "Ganz Österreich wird tagelang mehr oder weniger auf die Folter gespannt und dann wird in einer Pressekonferenz nur vage verkündet, was ohnehin schon mehr oder weniger bekannt bzw erwartbar war", sagte etwa Kärntens roter Landeshauptmann Peter Kaiser.

Bei der Regierung heiße es offensichtlich "Inszenierung statt evidenzbasierter Maßnahmen", stellte Neos-Gesundheitssprecher Gerald Loacker fest: "Jetzt bekommen ganze Bezirke ohne einen einzigen Covid-19-Fall neue Vorschriften. Beim viel beschworenen Ampel-System, regionalen Maßnahmen oder einer bundesweiten, koordinierten Teststrategie geht aber nichts weiter", so der Liberale.

Laut FPÖ-Klubobmann Herbert Kickl sei die neue Regelung bloß Symbolik, die Maskenpflicht habe "wirklich keinerlei Effekt", sondern sei "reine Schikane, mit der man der Öffentlichkeit eine Art von Tätigkeit vorgaukeln, die Menschen aber vor allem in Angst versetzen könne".

Handel ist vorbereitet

Beim Handelskonzern Spar ist man vorbereitet auf eine Wiedereinführung der Maskenpflicht. "Wir sind in dieser Situation davon ausgegangen, dass es wieder dazu kommen kann", sagt Konzernsprecherin Nicole Berkmann zum STANDARD. In den Lagern würden noch genug Masken liegen, es brauche nur ein bisschen Vorlaufzeit, um die einzelnen Märkte wieder zu bestücken und die Mitarbeiter auszurüsten. Die Masken werde es auch wieder gratis geben. Doch 90 Prozent der Kunden hätten ohnehin selbst eine Maske dabei.

In Zukunft werden wir die Maske wieder öfter sehen – im Supermarkt, Post- und Bankfilialen.
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Bei Veranstaltungen in geschlossenen Räumen, bei Fach- und Publikumsmessen, in Apotheken, bei Dienstleistern und Demonstrationen wurde das verpflichtende Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes nie aufgehoben, ebenso gilt in öffentlichen Verkehrsmitteln die Maskenpflicht schon seit Mitte April. Die Maske sei in Zügen ebenso mitzunehmen wie ein Ticket, sagt der Sprecher der ÖBB, Daniel Pinka. Seit Montag kontrollieren die rund 600 Zugbegleiter auch die Maskenpflicht. In den Nahverkehrszügen, wo keine Zugbegleiter an Bord sind, übernehmen das schwerpunktmäßig Kontrollteams. Ist ein Fahrgast uneinsichtig und weigert sich, eine Maske aufzusetzen oder hat gar keine dabei, wird eine Geldstrafe von 40 Euro verhängt.

Fahrgäste sind kooperativ

Am ersten Tag seien rund ein Dutzend Strafen ausgesprochen worden, sagt Pinka. Die Fahrgäste würden sich aber zu 99,9 Prozent an die Maskenpflicht halten oder zumindest eine Maske aufsetzen, wenn sie darauf aufmerksam gemacht werden. Das Feedback zu den Kontrollen sei sehr positiv.

Obwohl die Maskenpflicht in Supermärkten nun wieder eingeführt wurde, gibt es in Österreich laut Franz Allerberger, Leiter der Abteilung Öffentliche Gesundheit bei der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages), bisher keine belegten Infektionen, die auf einen Supermarkt zurückzuführen sind. "Wir gehen davon aus, dass die Epidemiekurve durch die Maskenpflicht im Supermarkt nicht beeinflusst wird", so Allerberger im Ö1-"Morgenjournal". Im Regelfall würden Ansteckungen stattfinden, wenn Personen weniger als einen Meter Abstand halten – und das für länger als 15 Minuten. Es habe sich auch gezeigt, dass das Virus "nicht so ansteckend wie angenommen ist, sonst könnten wir nicht bei jedem Cluster genau sagen, woher er kommt", so Allerberger.

Nicht ausgeschlossen

Grundsätzlich ausschließen könne man Ansteckungen im Supermarkt aber nicht, so die Ages. Denn rund die Hälfte aller bestätigten Infektionen in Österreich konnte bisher keinem Cluster zugeordnet werden, also einer Häufung von Fällen innerhalb eines bestimmten Zeitraums in einer bestimmten Region – so die Definition. Die restlichen Fälle versuche man derzeit nachzuvollziehen – in Österreich sei man hier wesentlich weiter als in anderen Ländern, so Werner Windhager vom Fachbereich Risikokommunikation der Ages.

Durch die persönliche Befragung der positiv getesteten Personen erfährt die Ages, wie sich das Virus in der Bevölkerung verbreitet. Das Ziel: So können Maßnahmen gesetzt werden, die am wahrscheinlichsten dazu beitragen, die Verbreitung einzudämmen oder zu verlangsamen.

Haushalt auf Platz eins

Mit Stand 14. Juli hatte die Ages insgesamt 862 Cluster ermittelt. Seit Beginn der Lockerung am 12. April wurden in Österreich mit 300 Clustern und 1.058 Infizierten die meisten dem Setting Haushalt zugeordnet, also Ansteckungen in der Familie oder im Freundeskreis. Diese Cluster sind zwar vergleichsweise häufig, aber dafür kleiner. 49 Cluster mit 623 Ansteckungen gab es am Arbeitsplatz, und 26 Cluster mit 63 Fällen gehören zur Kategorie der Reisegruppenhäufung. 15 Cluster mit 102 Fällen gab es seit 12. April in Senioren- und Pflegeheimen, elf Cluster und 62 Infizierte in Krankenhäusern, sieben Cluster und 83 Fälle bei Freizeitaktivitäten und vier Cluster mit 38 positiv Getesteten in Schulen und Kindergärten.

Trotz allem hält auch Ages-Experte Allerberger die Maskenpflicht nicht für eine gänzlich unsinnige Maßnahme. In der Politik gebe es viele Maßnahmen, die wissenschaftlich nicht belegt seien, um Verunsicherungen in der Bevölkerung zu beherrschen, so Allerberger. (Bernadette Redl, Stefanie Ruep, red, 21.7.2020)