Niagarafälle: volle Boote auf der amerikanischen Seite, so gut wie leere auf der kanadischen. Das sorgt für Verwunderung bei kanadischen Touristen, aber auch bei den Veranstaltern.

Foto: REUTERS/Carlos Osorio

Kanadische Anbieter erhielten strenge Auflagen, was die Bootsausflüge an den Wasserfällen betrifft. Nur sechs Passagiere dürfen auf ein Boot, das normalerweise 700 Passagiere fasst.

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An den Niagarafällen, dem touristischen Hotspot an der US-kanadischen Grenze, spielen sich befremdliche Szenen ab – zumindest aus Sicht der Kanadier: Denn im Nebel der Wasserfälle tauchen immer wieder Boote mit Touristen aus den USA auf, für die Social Distancing offenbar ein Fremdwort ist.

Während die Fälle von Covid-19 in den Vereinigten Staaten weiter zunehmen, ist es dem benachbarten Kanada weitgehend gelungen, die Ausbreitung des Virus einzudämmen, was auf strenge soziale Distanzierungsmaßnahmen und Maskenpflicht zurückzuführen ist. So sind auf kanadische Fähren nur sechs Passagiere pro Boot zugelassen. Normalerweise haben die Fähren eine Kapazität von 700 Personen. Auf der US-Seite sind die Fähren laut "Maid of the Mist"-Bootstouren jedoch zu 50 Prozent ausgelastet.

"Wir haben ein Foto des (amerikanischen, Anm.) Bootes gemacht", sagte Julie Pronovost, die am Dienstag mit ihrer Familie aus Quebec zu Besuch war. "Ich finde es nicht sehr sicher, auf so einem Boot zu sein. Hier ist es viel besser." Der Veranstalter Maid of the Mist weist auf seiner Website darauf hin, dass man den Anweisungen der Gesundheitsbehörden des Staates New York folge. Die Boote enthielten Markierungen, um Passagiere voneinander fernzuhalten, und Gesichtsbedeckungen seien obligatorisch.

Populäre VIP-Kreuzfahrten

Das stößt manchen Kanadiern sauer auf. Mory DiMaurizio, General Manager und Vizepräsident der kanadischen Hornblower Niagara Cruises, sagte etwa, die von der Provinzregierung von Ontario für ihr Geschäft gesetzten Grenzen seien "enttäuschend", und es sei "frustrierend", die amerikanischen Boote relativ voll zu sehen. Dennoch mache man das Beste aus der Situation und bietet nun quasi VIP-Kreuzfahrten an.

Die Gäste schippern dabei mit einem nahezu leeren Boot zu den Fällen, im Ticket inkludiert sind eine Mahlzeit und eine Fahrt mit der Standseilbahn. "Zu den gesundheitlichen Vorsichtsmaßnahmen gehören Temperaturprüfungen, Masken sind obligatorisch." Die Popularität der Kreuzfahrt, die sich mit 69,95 kanadischen Dollar (rund 45 Euro) pro Person zu Buche schlägt, habe den Anbieter "tatsächlich überrascht", sagte DiMaurizio.

Die Vereinigten Staaten meldeten am Dienstag 57.777 neue Covid-19-Fälle, Kanada 786. Seit Beginn des Ausbruchs haben die Vereinigten Staaten etwa 118 Coronavirus-Fälle pro 10.000 Einwohner gemeldet, während es in Kanada etwa 30 Fälle sind.

Auf der sicheren Seite

Den kanadischen Behörden machen sowohl die unerwünschten Touristen, die über die Grenze kommen, Sorgen als auch jene, denen es erlaubt ist, das Land zu betreten – unter anderem jene Arbeitskräfte, die auf dem Weg nach Alaska sind. Viele hielten sich nicht an die strengen Quarantänegesetze, was bei den Kanadiern Bedenken hinsichtlich möglicher Ausbrüche in mehreren Provinzen hervorruft.

Touristen an den Wasserfällen jedenfalls sagten, sie fühlten sich mit dem Limit von sechs Personen pro Boot viel sicherer. "Ich bin froh, dass ich in Kanada bin", sagt Amanda Barnes aus Brampton, Ontario. Anhand der vollen Boote könne man sehen, warum die Pandemie in den Vereinigten Staaten solche Ausmaße angenommen habe. (red, Reuters, 22.7.2020)