Index.hu-Chefredakteur Szabolcs Dull nach seiner Kündigung.

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Ungarns größtes Nachrichtenportal index.hu kämpft um seine Unabhängigkeit. Doch das Umfeld der Eigentümer, die von Regierungschef Viktor Orbán abhängen, zieht die Daumenschrauben immer enger an. Am Mittwoch entließ die Stiftung, die als formelle Eigentümerin des Portals fungiert, den Chefredakteur Szabolcs Dull. Dieser hatte sich zusammen mit der Redaktion dagegen gewehrt, dass die Eigentümer dem Portal Umstrukturierungen aufzwingen, um es auf eine regierungfreundlichere Linie zu bringen.

Stiftungspräsident László Bodolai lud Dull am Mittwoch zum persönlichen Gespräch vor. Dabei hielt er ihm vor, durch sein widerständiges Verhalten den Geschäftsaussichten des Portals geschadet zu haben. Ihn zu feuern sei aber nicht Bodolais Entscheidung gewesen, betonte Dull anschließend auf einer Redaktionskonferenz. Vielmehr sei diese aus dem Eigentümerumfeld gekommen. In dessen Besitz war das Portal vor drei Jahren gelangt. Die dazwischengeschaltete Stiftung garantierte aber vorerst seine Unabhängigkeit. In der Zwischenzeit wurde jedoch das Anzeigengeschäft ausgegliedert und der direkten Kontrolle der eigentlichen Eigentümer unterstellt.

Druck auf Stiftung, Geschäftsführung und Redaktion

Vor einem Monat verstärkte sich deren Druck auf Stiftung, Geschäftsführung und Redaktion, durch eine Umstrukturierung der Redaktion auf eine regierungsfreundlichere Linie umzuschwenken. Die Redaktion schuf damals eine eigene Skala, die von "unabhängig" bis "nicht unabhängig" reicht, um sich auf dieser von "unabhängig" auf die Mittelstufe "gefährdet" herunterzustufen. Auch diese Herstellung von Transparenz warf Bodolai am Mittwoch dem gefeuerten Dull als "geschäftsschädigend" vor.

Die Entlassung Dulls wird weithin als mögliche Vorstufe zu einer direkten Übernahme des Portals durch regierungsnahe Kreise gedeutet. Ironie der Geschichte: Erst zwei Tage zuvor waren beim großen EU-Sondergipfel in Brüssel gigantische Summen für den Wiederaufbau nach der Corona-Pandemie und für die nächsten Kohäsionsfonds beschlossen worden.

Der Rechtspopulist Orbán war bei den quälend schwierigen Verhandlungen die treibende Kraft hinter jenen Kompromissformeln gewesen, die die Koppelung der Geldzahlungen an die Respektierung von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie bis zur Unkenntlichkeit verwässern. Sollten sich seine Leute index.hu demnächst tatsächlich in die Tasche stecken, hat Orbán nichts zu befürchten. (Gregor Mayer aus Budapest, 22.7.2020)