In der uigurischen Stadt Hotan müssen Menschen durch einen Sicherheitscheck.

Foto: AP/Ng Han Guan

Die weltweite Modeindustrie ist tief mit der Zwangsarbeit von Uiguren in Xinjiang verwoben. Darauf machte am Donnerstag eine Vereinigung von über 180 Bürgerorganisationen aufmerksam. In dem Brief fordert sie die Modehändler dazu auf, die Verbindungen zu Lieferanten zu stoppen, die mit der Zwangsarbeit in der chinesischen Unruheprovinz etwas zu tun haben. Sie sollten sich dazu verpflichten, innerhalb der nächsten zwölf Monate jegliche Zusammenarbeit mit derartigen Baumwoll- oder Textillieferanten zu beenden.

Der Presseaussendung zufolge würde jedes fünfte Baumwollprodukt, das weltweit im Umlauf ist – indirekt oder direkt –, mithilfe von Zwangsarbeit von Arbeitern aus der Region Xinjiang hergestellt. Das betrifft hauptsächlich Uiguren, aber auch Kasachen und andere Muslime in der Region.

"Praktisch die gesamte Industrie ist von der Zwangsarbeit der Uiguren und der muslimischen Turkvölker verdorben", heißt es in der Aussendung. Die Modeketten, die davon profitieren, reichen von Adidas bis Zara, bekannte Namen wie Gap, H&M und Ikea finden sich genauso auf der Liste wie kleinere Unternehmen. Viele von ihnen würden die Textilien nicht direkt von den Fabriken in der Unruheprovinz beziehen, sondern über Umwege über andere Zulieferer.

Mehr als eine Million in Umerziehungslagern

China ist einer der größten Baumwollhersteller weltweit. Mehr als 80 Prozent der chinesischen Baumwolle wiederum kommt aus der Provinz Xinjiang im Nordwesten, wo circa elf Millionen Uiguren leben. Die Uno schätzte bereits 2018, dass über eine Million von ihnen in Umerziehungslagern untergebracht sei, andere Organisationen gehen von bis zu 1,5 Millionen Menschen aus. Viele von ihnen würden Zwangsarbeit verrichten. In Österreich lebenden Uiguren bestätigten auch dem STANDARD gegenüber, dass Familienangehörige in der Textilindustrie in ihrer Heimat zur Arbeit gezwungen werden.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Baumwolle aus der Region in Verbindung mit Zwangsarbeit stehe, sei praktisch garantiert, sagt der Chef der US-amerikanischen Gewerkschaft Worker Rights Consortium (WRC) und Unterzeichner des Briefs, Scott Nova. Unterzeichnet wurde der Brief von über 70 Uiguren-Organisationen und über 100 weiteren NGOs.

China dementiert

China dementiert die Vorwürfe. Bei den Lagern handle es sich um Ausbildungsstätten, gab Peking wiederholt an. Der Vorwurf der Zwangsarbeit, so sagte ein Sprecher der chineischen Botschaft in den USA im Juli, sei "falsch und bösartig".

Obwohl die internationale Kritik an den Zuständen in Xinjiang in den vergangenen Monaten stark zugenommen hat, würden die genannten Unternehmen weiterhin Millionen Tonnen Baumwolle und Garn aus der Region beziehen, steht in dem Brief.

Marken wissen davon

"Marken und Händler wissen, dass es ein massives Problem in der Region gibt und dass ihre Lieferketten einem großen Risiko von Zwangsarbeit ausgeliefert sind", sagt Nova. Bereits im März hatte zum Beispiel die NGO Global Legal Action Network (Glan) Beweise gesammelt, dass Ketten wie Muji, Uniqlo, H&M oder Ikea in Großbritannien Baumwollprodukte aus Xinjiang verkaufen. Als Reaktion haben H&M und Ikea gesagt, dass sie aufhören würden, Baumwolle aus Xinjiang zu kaufen.

Nicht nur Baumwollprodukte sind betroffen, sondern auch andere Erzeugnisse. So hat die US-Regierung kürzlich eine Lieferung von Haar-Extensions im Wert von 800.000 US-Dollar aus Xinjiang blockiert, weil sich der Verdacht erhärtet hat, dass die Güter durch Zwangsarbeit hergestellt worden waren. Die "New York Times" berichtete vergangene Woche von chinesischen Firmen, die Gesichtsmasken mithilfe uigurischer Zwangsarbeit herstellen.

Die Unterzeichner des Briefs hoffen nun darauf, dass die Modeketten ihren Forderungen nachkommen. "Wir sind vorsichtig optimistisch", gab Nova an. Für Jasmine O'Conner von Anti-Slavery International ist der einzige Weg, um sicherzustellen, dass die Produkte ohne Ausbeutung hergestellt würden, "die Beziehungen mit jenen Zulieferern zu beenden, die das System der chinesischen Regierung unterstützen". (red, Reuters, 23.7.2020)