Im Buch und in der Serie "Sex and the City" wurden haufenweise Gedanken über Beziehungen und Sex gewälzt. Und Candace Bushnell bleibt auch mit ihrem neuen Buch dran.

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Seit das Buch "Sex and the City" erschien, sind fast 25 Jahre vergangen. Die Bilder und Vorstellungen von Sex haben ganze Generationen beeinflusst, auch Theresa Lachner, Gründerin des größten deutschsprachigen Sexblogs "Lvstprinzip. Freiraum für sexuelle Gedanken" und seit kurzem auch Podcasterin bei dem Label "Oh Wow". Lachner sprach für ihren Podcast mit der "Sex and the City"-Autorin Candace Bushnell, die nun in ihrem neuen Buch die Frage stellt: "Is there still Sex in the City?"

Lachner: Das erste "Sex and the City"-Buch ist 1996 erschienen, ich habe es gelesen, bevor ich selbst zum ersten Mal Sex hatte und kann mich nicht an die Zeit davor erinnern. Warum war das damals eigentlich so revolutionär?

Bushnell: Dafür gibt es viele Gründe. Einer davon ist Timing. Früher gab es diesen Lebensentwurf, vielleicht erst aufs College zu gehen, dann aber auf jeden Fall zu heiraten und Kinder zu kriegen. In den 1980er-Jahren gab es dann diese Gruppe Frauen, späte Babyboomer und Gen Xers (Anm.: "Generation X"), die erst Karriere gemacht haben. Diese Karrierefrau wurde dann in ihren Dreißigern die "Sex and the City"- Frau. Das war damals gar nicht vorgesehen, Singlefrauen Mitte 30. "Sex and the City" hat diese Lebensrealität eingefangen, bevor man heiratet, viele Freundinnen hat, die eigenen Träume verfolgt und eine eigenständige, vollständige Person wird, bevor man sich einen Partner sucht.

Lachner: Ihr neues Buch heißt "Is there still Sex in the City?" – und, gibt’s noch welchen?

Bushnell: Ja, aber weniger. Es gibt diese ganzen Studien, keine Ahnung, wie die die machen, jedenfalls haben die herausgefunden, dass vor allem jüngere Menschen heute sehr viel weniger Sex als Menschen im selben Alter vor zehn oder 20 Jahren. Ich glaube, viel davon hat mit dem Internet und mit Pornos zu tun und damit, dass es einfach ganz viele andere Ablenkungen gibt. Das betrifft auch Menschen mittleren Alters. Bis dahin hat man lange genug gelebt, um schon ein bisschen herausgefunden zu haben, was man will und wie man es bekommt. Wenn man Sex haben will, wird man immer genügend potenzielle Partner*innen dafür finden. Wenn man Sex gerne mag, wird man sicher damit weitermachen und oft welchen haben. Aber nicht jeder mag Sex. Das ist etwas, das man auch erst im Alter realisiert: Es gibt echt viele Menschen, die keine besonders guten sexuellen Erfahrungen hatten und sich sagen: "Weißt du was, ich wurde jahrelang von meinem Ehemann betatscht um mit ihm aus Verpflichtungsgefühl Sex zu haben, und ich glaube nicht, dass ich jemals wieder Sex haben will." Da gibt es beide Extreme.

Lachner: Statistisch gesehen hat Ihre Generation sehr viel mehr Sex als meine.

Bushnell: Ja, und den größten Anstieg in Sachen Geschlechtskrankheiten gibt es in der Alterskohorte 50 plus. In diesen ganzen Seniorencommunitys gibt es massenweise Sexskandale und Affären. Die sind halt im Ruhestand, was sollen sie sonst machen?

Candace Bushnell (geb. 1958) ist eine US-amerikanische Schriftstellerin und Kolumnistin. Bushnell wurde durch ihr Buch "Sex and the City" bekannt, das die Basis für die gleichnamige Fernsehserie bildete, die zwischen 1998 und 2004 lief.
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Lachner: Ich habe das Gefühl, "Sex and the City" hat damals dieses ganze Konzept der "Hook-up Culture" (Anm.: Schnelle sexuelle Begegnungen ohne emotionale Intimität, begünstigt durch Dating-Apps wie Tinder etc.) wesentlich populärer und akzeptabler gemacht.

Bushnell: Ich würde sagen: ja und nein. Vielleicht ist es auch nur das Wort Hook-up, bei dem ich Ihnen gerade widerspreche. Als ich zum ersten Mal in den späten 1970ern, frühen 1980ern nach NY gezogen bin, gab es überall so viel Sex. Man ist die Straße runtergelaufen, hat zu reden angefangen, redete weiter und hatte dann manchmal einfach Sex. Aber wenn es nur um den Hook-up geht, ist das auch nicht wirklich befriedigend. Und mir scheint, dieser schnelle, einfache Sex ohne Konsequenzen hätte zugenommen.

Lachner: Für ein Kapitel in ihrem Buch haben Sie "Die Wahrheit über Tinder" recherchiert. Können Sie mehr davon erzählen?

Bushnell: Ich habe noch nie zuvor gehört, dass Frauen sich so viel über Männer beschweren, und noch nie, dass sich so viele Männer so sehr über andere Männer beschweren. Natürlich treffen sich auch auf all diesen Apps Menschen, die dann heiraten – aber das ist wahrscheinlich ein ziemlich kleiner Prozentsatz. Tinder hat irgendwas Besonderes, dass das Allerschlimmste und Oberflächlichste aus uns herausholt. Man beurteilt Menschen sehr schnell nach ihrem Aussehen, und das scheint die schlimmsten Befürchtungen von Frauen, was Männer über sie denken, ans Tageslicht zu bringen. Und es gibt sehr viel Respektlosigkeit und Traurigkeit. Schlussendlich werden einfach die eigenen Gefühle immer und immer wieder verletzt.

Was ich daran so beeindruckend finde, ist, wie einfach es ist, sich emotional mit jemandem auf einem Bildschirm zu verstricken. Wir sehen ein Foto und was jemand schreibt, und kreieren daraus diese ganzen Ideen, wie eine Person in Wirklichkeit sein wird. Menschen sind super darin, andere Menschen im echten Leben zu beurteilen, und grauenhaft schlecht darin, Menschen anhand eines Fotos auf einem Bildschirm zu beurteilen. Das ist inhärent in uns, dagegen kommt man nicht an. So muss man durch viel mehr Bilder von Menschen swipen, um jemanden zu finden, der eventuell interessant werden könnte. Und das fördert auf jeden Fall so eine Wegwerfkultur in Sachen Sex und Beziehungen. Und vielleicht liegt das auch an Pornos.

Lachner: Sie schreiben "Casual Sex ist nicht mehr mein Ding" – warum nicht?

Bushnell: Eigentlich war das noch nie mein Ding, wenn ich so darüber nachdenke. Es gibt ja sowieso immer irgendeine emotionale Involviertheit, zumindest bei mir. Und dann geht es immer entweder in die eine oder in die andere Richtung, die eine Person mag die andere mehr oder anders herum. Entweder man fühlt sich schuldig, weil man nicht mehr will, oder wie ein Idiot, weil man es will. Für mich ist es moralisch ziemlich wichtig, nicht auf eine destruktive Art und Weise mit jemandem emotional involviert zu sein. Und ich sehe Menschen, die das machen und dieses ganze Drama haben, und ich will dieses Drama nicht.

Lachner: Ich habe gesehen, Sie sind auch auf Instagram.

Bushnell: Ja, und manchmal mache ich Videos, aber oft habe ich gar keine Lust darauf, aber anscheinend ist das so wichtig. Ich gewinne gefühlt einen neuen Follower im Monat, weil mir so viele Leute unfollowen.

Theresa Lachner (geb. 1986) ist Journalistin, systemische Sexualberaterin und Gründerin des Sexblogs "Lvstprinzip". Seit kurzem betreibt sie bei "Oh Wow" den Podcast "Lvstprinzip".
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Lachner: Kennen Sie die "Woke Charlotte"-Memes?

Bushnell: Ja, und es gibt so viele "Sex and the City"-Spin-offs auf Instagram. Ich finde das toll. Es ist so interessant zu sehen, wie die Öffentlichkeit mit diesen Charakteren spielt, sie transformiert und sie parodiert. Woke Charlotte hat viel mehr Instagram-Follower als ich!

Lachner: Wie geht es Ihnen mit dieser ganzen Woke-Culture? (Anm: "Wokeness" lässt sich etwa mit "gut informiert und wachsam gegenüber rassistischer, sexueller und/oder gesellschaftlicher Diskriminierung" übersetzen.)

Bushnell: Ich finde das gut. Ich finde es wirklich gut, über all diese Sachen zu reden und dass so viele junge Menschen das tun, weil es genau das ist, was junge Menschen tun sollten: alles hinterfragen. Strukturen, Beziehungen, den Status quo. Das ist einer der Gründe, warum ich Autorin bin. Meine Texte sind oft düster und harsch, weil ich möchte, dass Frauen den Status quo hinterfragen und das, womit sie medial gefüttert wurden.

Lachner: Finden Sie, dass Feminismus in den USA inzwischen relevanter ist als in den 1990er-Jahren?

Bushnell: Ja, aber es gibt immer noch so viele interne Kämpfe darüber, wer eine echte Feministin ist und so weiter. Das ist kein Feminismus. Es werden ständig Frauen von Männern ermordet, ihren Ehemännern, das ist immer noch in vielen Ländern legal, aus verschiedenen Gründen, das müssen wir reparieren. Frauen brauchen dieselben Menschenrechte wie Männer, und sie müssen sich finanziell selbst unterhalten können, ohne die Hilfe eines Mannes. Das ist für mich Feminismus. Heterosexuelle Systeme auf der ganzen Welt sind gefühlt eine Form der Prostitution. Das war oder ist das ökonomische System für Frauen.

Lachner: Würden Sie sich selbst als Feministin bezeichnen?

Bushnell: Oh, absolut. Ich bin wahrscheinlich Feministin, seit ich vier Jahre alt war. Seit ich zum ersten Mal von Männern umgeben war. Also seit ich in den Kindergarten musste.

Lachner: Was denken Sie, wie wird sich unser Sex- und Dating-Leben durch Covid-19 und diese neue Normalität, in der wir einander nicht mehr nahe kommen sollen, ändern?

Bushnell: Ich habe keine Ahnung. Das müssen Sie mir sagen. Menschen fragen mich das die ganze Zeit, und dann kann ich ihnen einfach sagen, was Sie mir gesagt haben. Sie sind die Sexpertin in Ihren 30ern!

Lachner: Hier in Österreich fühlt sich alles langsam wieder halbwegs normal an. Der Lockdown war ziemlich streng, man wurde auf der Straße von der Polizei kontrolliert, ob man tatsächlich zusammenwohnt, wenn man einer anderen Person zu nahe war. Man musste sehr geheimniskrämerisch sein, wenn man jemanden daten wollte, das war interessant. Es hat sich alles ein bisschen verlangsamt. Lange Spaziergänge, um sich erst mal kennenzulernen, ausführliche Diskussionen, welche Körperflüssigkeiten man jetzt austauscht – das sollte man ja eigentlich immer. Aber jetzt, wo alles wieder normaler wird, denken die Menschen gefühlt schon wieder weniger darüber nach.

Bushnell: Ich glaube, genauso ist es. Menschen reden mehr und lernen sich kennen, um zu erfahren, wo die andere Person war und was sie da so gemacht hat. Ich frage mich, ob Menschen, die jetzt in Quarantäne sehr viel Zeit mit sich allein verbracht haben, Beziehungen wieder mehr wertschätzen werden. Das wäre doch schön. (24.7.2020)

Candace Bushnell, "Is there still Sex in the City?", 15,90 Euro / 252 Seiten. Dumont Verlag, 2020.
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