Wenn es nach Marcelo Bielsa geht, ist Marcelo Bielsa derzeit der schlechteste Mensch. Seit einer Woche ist es fix, dass er sein Team Leeds United in die Premier League geführt hatte. 16 Jahre nach dem Abstieg aus der obersten englischen Spielklasse. 16 Jahre voller Erinnerungen an Glorreiches, 16 Jahre an Leben in der Vergangenheit, an Träumen, Erwartungen und Enttäuschungen. Es ist Bielsas zweite Saison an der Elland Road. Sein Konterfei ist auf Schals, Flaggen und Hausmauern zu sehen. Man denkt in der nordenglischen Stadt über ein Denkmal für den grauhaarigen Argentinier nach. Am letzten Spieltag beschloss Leeds die Saison mit einem 4:0 gegen Charlton. Mit zehn Punkten Vorsprung steigt man als Champion in die Premier League auf.

Marcelo Bielsa ist gar kein so schlechter Mensch.
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Aus der Brutstätte

Spätherbst 1998, Bielsa hält einen Vortrag am Colegio del Sagrado Corazón in seiner Geburtsstadt Rosario. Er selbst drückte hier die Schulbank. Kurz davor war Bielsa zum argentinischen Teamchef bestellt worden. Es geht um Erfolg und Scheitern. "Erfolg verfälscht, entspannt und täuscht dich. Die Momente, in denen ich am meisten gelernt habe, waren die des Scheiterns. Wenn ich Erfolg hatte, wurde ich zum schlechtesten Menschen."

Bielsa ist ein Mann der Anekdoten, Gegenstand der kleinen und großen Geschichten, die man sich eben so erzählt. Fast jeder, der seinen Lebenslauf streift, hat etwas über ihn zu berichten. Zumeist Positives, oft Überschwängliches. Pep Guardiola hat einmal gesagt, Bielsa sei "der beste Trainer der Welt". Es heißt, Bielsas Methoden, seine Philosophie hätten den Fußball geprägt, wenn nicht revolutioniert.

Bielsas eigene Geschichte beginnt in Rosario. Die drittgrößte Stadt Argentiniens liegt 300 Kilometer nordwestlich von Buenos Aires am westlichen Ufer des Paraná, ist wichtiger Eisenbahnknotenpunkt und Schifffahrtszentrum des nordöstlichen Argentiniens. Che Guevara wurde hier geboren, im Februar 1946 hauchte Eva Peron in der stark peronistischen Stadt auf dem vollgerammelten Hauptplatz "Evita". Vor allem aber beliefert Rosario den Weltfußball. Und das verlässlich. Neben Javier Mascherano, Angel di Maria, Mauro Icardi und dem legendären Trainer César Luis Menotti lernte hier Lionel Messi lesen, laufen und kicken. "Semillero", Brutstätte, sagt man über die Über-eine-Million-Einwohner-Stadt.

Rosario ist zuverlässiger Lieferant für den Weltfussball.
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Mit dem Onkel zu den "Leprosos"

Am 21. Juli 1955 wurde Bielsa in eine bürgerlich geprägte Familie geboren. Vater Rafeal (genannt "El Turco") war Anwalt, der linke Großvater Jurist aus Leidenschaft. Marcelos älterer Bruder Rafael sollte 2003 argentinischer Außenminister unter Néstor Kirchner werden, seine Schwester María Eugenia, gelernte Architektin, war von 2003 bis 2007 Vizegouverneurin der Provinz Santa Fe. Als Gegengewicht zur männlichen Bourgeoisie hatte Mama Lidia Caldera ihren Ursprung in einer Arbeiterfamilie.

Fußballerisch ist Rosario zweigeteilt. Auf der einen Seite steht Rosario Central und auf der anderen Newell’s Old Boys. Bis in die zweite Hälfte des 20.Jahrhunderts waren beide Teams keine großen Nummern. Bielsas Vater Rafael war Fan von Central, Marcelo begleitete seinen Onkel zu den Old Boys, genannt "Los Leprosos", die Aussätzigen, weil sie in den 1920ern zugunsten eines Lepra-Krankenhauses einem Freundschaftsspiel zustimmten. Bielsa kickte in der Jugend von Newell’s. Nach den eigenen, späteren Maßstäben war er während seiner aktiven Karriere ein guter Mensch. Er scheiterte. Bielsa brachte es auf ein paar Pflichtspiele für seinen Herzensclub. Zwischendurch war er an Córdoba verliehen. Sein späterer Mentor Jorge Griffa sagte über ihn: "Bielsa hatte nicht die Fähigkeit, ein großer Spieler zu werden, aber er wusste, was einen großen Spieler ausmachte."

Mit 25 Jahren beendete er die Karriere bei Argentina Rosario in der dritten Liga. Der große Kopf (in seiner Jugend wurde er von seinen Freunden "El Cabezón", der große Kopf oder auch Sturkopf genannt) war da schon längst bei seiner Karriere als Coach. Seine erste Station war 1982 das Universitätsteam der Hochschule in Buenos Aires, nebenbei betrieb er einen Zeitungsstand, wo er Sportmagazine aus aller Welt hortete.

Keine Ausreden

Schon beim Amateurteam kamen jene Methoden zum Tragen, die er über die Jahre ausweitete, verbesserte und perfektionierte. Das Fundament ist die Forderung an die Spieler. Laufen kann und muss jeder, Kreativität und Talent sind Boni. Geübt wird in maximaler Intensität, so oft und solange es geht. Wiederholen, bis die Übung sitzt. Bielsa ist ein Schleifer, ohne sich dabei in stupider Körperlichkeit zu verlieren. Jeder muss seine Rolle auf dem Platz kennen, sie perfekt ausführen. Keine Ausreden. Keine Widerreden.

Der Stoff, aus dem die Albträume der Spieler sind.
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Sich selbst nimmt er dabei nicht aus. Seit jeher ist Bielsa distanziert zu seinen Spielern, kein Hawara, kein Kumpel, aber auch kein unnahbarer Diktator. Er spricht sie in der Höflichkeitsform an. Emotionen kommen durch Worte und Erwartungen. Sein Part ist die Analyse: Schon früh beginnt er das Medium Video als Werkzeug zu nutzen. Die Gegner die Schwächen und Stärken des eigenen Teams werden penibel analysiert und seziert. Er war seiner Zeit voraus.

Bielsa ist bald für den Nachwuchs der Newell’s Old Boys mitverantwortlich. Die Geschichten und Anekdoten gewinnen an Tragweite. Gemeinsam mit Akademieleiter Griffa teilte er Argentinien auf der Karte in 350 Zonen, sie setzten sich in einen Fiat 147 und tschuckelten durch das Land auf der Suche nach Talenten. Mit Erfolg: Als sie eines nachts, im Kuhdorf Murphy die Beine des schlafenden Buben Mauricio Pochettino sahen, war dessen Karriere unter Dach und Fach.

Ein anderes Mal spielte ein argentinisches Nachwuchsteam in Reconquista gegen das lokale Team. Die jungen Nachwuchsspieler verloren vor den Augen Griffas und Bielsas. Die Aufmerksamkeit war auf den Stürmer der Gastgeber gefallen. Griffas Urteil: "Unkontrolliert, unkonventionell, untrainiert." Gabriel Batistuta schloss sich Newell’s an, um später mit 168 Toren der erfolgreichste Torschütze des AC Florenz und ein internationaler Superstar zu werden.

Die Granate, der Finger, die Hingebung

Bielsa wurde Trainer des Reserveteams von Newell’s und übernahm später die erste Mannschaft. Er holte zwei Meistertitel, formte eine der besten argentinischen Klubmannschaften der 1990er-Jahre und damit seine Legende. Später würde das Team aus Rosario sein Stadion nach ihm benennen. In Rosario ist Bielsa Gott, sagt man.

Einen internationalen Titel verpasst er aber: Das Copa Libertadores-Finale 1992 gegen São Paulo geht verloren. Bielsa ist ausgebrannt. Und trotzdem: Mittlerweile kennt man ihn und nennt ihn "El Loco". Der Wahnsinnige, weil er aufgebrachte Fans vor seinem Haus mit einer Handgranate verscheucht hatte oder einen abgeschnittenen Finger für einen Sieg tauschen würde. Geschichten und Legenden. Das Narrativ mag sowas, Spieler und Weggefährten interpretieren den Wahnsinn anders. Bielsa sei vernarrt in die Vorbereitung, die Analyse und das Spiel selbst. Eine verrückte Hingebung also.

Nach seiner Zeit bei den Newell’s geht Bielsa nach Mexiko, holt dort keinen Titel, implementiert aber ein Scoutingsystem. Bei der WM 2006 in Deutschland, als Mexiko gegen Argentinien spielt, sollen acht der elf mexikanischen Spieler der Startaufstellung von Bielsa entdeckt worden sein. Nachhaltigkeit steht in Trainerlebensläufen im Kleingedruckten, geschaut wird auf Titel, Pokale, Erfolge. Bielsa holt noch einen Titel in Argentinien mit Velez Sarsfield, bevor er nach einem kurzen Intermezzo bei Espanyol Barcelona die argentinische Nationalmannschaft übernimmt.

Wenn es klickt

Bei der WM 2002 in Südkorea scheitert Argentinien trotz überragender Qualifikation in der Vorrunde – auch am Druck der argentinischen Öffentlichkeit, für die der sportliche Erfolg in einer Wirtschaftskrise ein Strohhalm war. Bielsa übernahm die Verantwortung: "Ich habe hervorragendes Spielermaterial, es aber nicht geschafft, daraus Kapital zu schlagen." Der Argentinier ist ein Mann der klaren Worte, ein Mann der Verantwortung und keine Ausreden sucht. Wenn sein Team gut spielt und verliert, sagt er das, wenn sein Team schlecht spielt und gewinnt, sagt er das auch.

Besonders als Coach der Albiceleste ist Bielsa ein gefragter Mann.
Foto: AFP /GREDILLAS

Zur Überraschung vieler bleibt Bielsa Trainer der Albiceleste, holt in einem starkbesetzten Turnier (Italien mit Pirlo, De Rossi, Gilardino, Portugal mit Cristiano Ronaldo) bei den Olympischen Spielen in Athen 2004 die Goldmedaille. Torschütze im Finale gegen Paraguay ist Carlos Tevez, der so ganz und gar nicht wie Bielsa aufwuchs. Der Stürmer kommt aus bettelarmen Verhältnissen. Mit seinem intellektuellen Trainer aus Rosario klickte es dennoch: "Er ist der beste Coach, den ich je hatte. Er hat aus mir einen internationalen Spieler gemacht."

Bielsas Umgang mit Spielern kennt keine Schichten, keine Vorgeschichten, schwierig ist wurscht. Dimitri Payet, französischer Nationalspieler und bekannt für seine Auffälligkeit, erinnert sich an Bielsa: "Wenn ich ein Arsch sein wollte, war ich einfach einer. Aber er hat dafür gesorgt, dass ich Dinge tue, die sonst niemand kann. Seine Stärke waren seine Worte. Während einer Ansprache vor einem Match drehte ich mich zu Steve Mandanda und sagte: "Für ihn würde ich sterben." Es war unglaublich, wie er es geschafft hat, uns zu motivieren."

2004 tritt Bielsa als argentinischer Nationaltrainer zurück. Die Bilanz: 54 von 83 Spielen wurden gewonnen, durchschnittlich fast zwei Tore pro Spiel erzielt. Das Ausscheiden in Asien und ein verlorenes Copa-America-Finale gegen Brasilien zehrten aber am Vertrauen und an den Kräften. Er nimmt sich eine Auszeit.

Interaktiv: Marcelo Bielsas Trainerstationen.

2006 besuchen ihn Pep Guardiola und der spanische Regisseur David Trueba auf einer Ranch in Maximo Paz, um über das Leben, Filme und natürlich Fußball zu reden. Guardiola wird noch lange davon erzählen. Neben gegenseitiger Bewunderung teilen Guardiola und Bielsa auch eine ähnliche Medienpolitik. Beide geben keine Einzelinterviews. Bielsa erklärt: "Warum sollte ich einem Journalisten einer wichtigen Zeitung ein Interview geben und dem kleinen Lokalreporter nicht? Was sind da die Maßstäbe?"

Helden der dritten Reihe

Es war ein regnerischer Tag im August 2007 im heruntergekommen Trainingszentrum in Santiago de Chile. Der Präsident des chilenischen Verbands, Harold Mayne-Nicholls, spaziert mit Bielsa durch den Schlamm. Sie hatten sich auf einen Vertrag geeinigt, Details mussten noch geklärt werden. Was Mayne-Nicholls besonders verwunderte, war, dass Bielsa in der Bruchbude leben wollte.

Er wohnte drei Jahre dort. Das Trainingszentrum war eine Ruine, Bielsa begann Vorträge zu halten und die Einnahmen in die Infrastruktur zu stecken. Er sollte auch mit Chile Erfolg haben. Nach der Qualifikation für die WM in Südafrika 2010 wollte Präsidentin Michelle Bachelet gratulieren. In der Bielsa-Biographie "The Qualitiy of Madness" erinnert sich Mayne-Nicholls: "Wir sollten alle früh morgens parat stehen, die Spieler waren da, nur von Bielsa war keine Spur. Plötzlich stand er mit zwei unbekannten Männern da und sagte zur Präsidentin: ‚Ich würde Ihnen gerne zwei Personen vorstellen, die mehr als alle anderen für unseren Erfolg getan haben. Dieser Mann hier ist unser Bäcker und backt jeden Tag frisches Brot. Der andere Mann bringt uns frische Früchte und Gemüse. Ohne sie wären wir nicht bei der Endrunde.’"

Bielsa und Chiles Präsidenin Michelle Bachelet. Nicht im Bild: Der Bäcker und der Gemüselieferant.
Foto: AP /Maza

Chile scheidet bei der WM in der K.-o.-Runde gegen Brasilien aus. Bielsa trat bald darauf nach Personalrochaden im Verbandspräsidium zurück. Eine Sturheit, die sich auch in Zukunft immer wieder zeigen würde. Sein Vermächtnis in Chile ist wieder die Nachhaltigkeit. Der spätere Nationaltrainer Juan Antonio Pizzi streut Blumen: "Sampaoli hat die Erfolge eingefahren, aber Pokale sind nicht wichtig. Bielsa war der, der mehr Einfluss auf den chilenischen Fußball hatte, weil er sich zutraute, mehr zu tun. Etwas zu wagen und zu verändern."

Das Pendel der Duelle

Bielsas Fußballphilosphie, Bielsas System hat mehrere Dimensionen. Grundsteine sind das Laufspiel und die Geschwindigkeit. Mittelfeldspieler Juan Manuel Llop gibt im Taktikbuch "Inverting the Pyramid" Einblicke: "Es ist ein sehr aggressiver Stil, der darauf beruht, dass jeder seine individuellen Duelle gewinnt. Die Summe der gewonnen Duelle lässt das Pendel zu deinen Gunsten ausschlagen."

Bielsa selbst erklärte einmal: "Mein Defensivkonzept ist simpel: Wir laufen die ganze Zeit. Darüber hinaus bin ich besessen von Offensivfußball." Das 3-4-3 war sein bevorzugtes System, der schnelle, überfallsartige Gegenstoß die Waffe der Wahl. Kritiker warfen dem Film-Enthusiasten immer wieder vor, durch seine Akribie in der Vorbereitung zu unflexibel zu sein. Kein Plan B bedeutet, dass Bielsas Teams zu leicht ausrechenbar wären. Und dass er selbst sich zu sehr auf den Gegner konzentriert.

Bielsa setzte sich in die Achterbahn des europäischen Klubfussballs. Athletic Bilbao brachte er in das Finale der Europa League und des spanischen Cups. Beide wurden verloren. Er schaffte es dennoch einem mittelmäßigen Team neues Leben einzuhauchen und den Basken die Ausrede ihrer restriktiven Transferpolitik (es dürfen nur gebürtige Basken spielen) auszutreiben. Marseille machte er zum Winterkönig, ehe das Team im Endspurt der Meisterschaft einbrach. Ein Schema, das sich immer wieder wiederholte und auf Bielsas Anforderungen und intensiven Trainingsmethoden zurückzuführen ist. "Bielsa-Burnout" unken manche. Aber auch auf seine Sturheit. Bei Lazio trat er zwei Tage nach seiner Ernennung als Chefcoach wegen gebrochener Transferversprechen zurück. Seine Station in Lille war eine Katastrophe.

Bielsas Einfluss ist weitreichend. Von seinem Newell's-Erfolgsteam 1990-1992 sollen neun Spieler Trainer geworden sein.

Der Spion, der aus dem Norden kam

2018 gab Leeds United bekannt, dass Bielsa den gebeutelten Klub in Nordengland übernehmen werde. 2001 zog Leeds noch ins Halbfinale der Champions League ein, um später nach finanziellen Problemen und zwischenzeitlicher Drittklassigkeit in der zweithöchsten Spielklasse zu sumpfen. Bielsas Auftrag war unmissverständlich: "Rauf in die Sonne der Premier League." Die Augen waren auf ihn gerichtet.

Am Ziel.
Foto: Action Images via Reuters/LEE SMITH

Die erste Saison verlief lange verheißungsvoll, gegen Ende der Spielzeit ging den "Peacocks" aber erneut die Luft aus. Man scheiterte im Aufstiegsplayoff. Bielsa sorgte aber nicht unbedingt auf dem Fußballplatz für Schlagzeilen. Als ein von ihm beauftragter junger Mann am Trainingsgelände von Derby County erwischt wurde, um den Gegner auszuspionieren, war der Aufschrei groß. "Spygate" nannten es die Briten very british. Der Argentinier übernahm die Verantwortung, räumte ein, dass das eines seiner gängigen Mittel war. "Ich mache das schon lange." Die Strafe von 200.000 Pfund zahlte Bielsa selbst.

Gleichzeitig gab er bei einer 70-minütigen Pressekonferenz aber eine derart penible Analyse des Gegners ab, um zu zeigen, dass das Spionieren nur ein zusätzliches Mittel war und keinesfalls die Basis seines Matchplans. Später in der Saison wurde ihm der Fifa-Fairplay-Award zugesprochen, als er seinem Team anordnete im Spiel gegen Aston Villa absichtlich ein Tor zu kassieren. Leeds hatte zuvor einen Treffer nach einer Verletzung eines Aston-Villa-Spielers weitergespielt und war in Führung gegangen.

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Uneitel auf der Bremse

Bielsa und Leeds funktionieren. Man sagt, bevor der Argentinier bei einem Verein unterzeichnet, schaut er sich nicht nur das Spielermaterial an. Es geht ihm um das Umfeld, die Fans, die Stadt, die Gesellschaft. In den Tagen seines Triumphes muss der zweifache Vater viele Hände schütteln, viele Gratulationen entgegennehmen, die englischen Lorbeeren sind auf dem Kopf. Bei der Pokalübergabe drängt er sich nicht in den Mittelpunkt, will gar nicht auf das Foto. Seine Spieler holen ihn dazu.

Wenn er im Gehen das Tempo anzieht, schiebt sich der Kopf zwischen die Schultern und der Rücken wird zum kleinen Buckel – irgendwo zwischen Platzwart und schrulligem Philosophieprofessor. Bielsa ist Arbeiter und Intellektueller, Analytiker und Pragmatiker, ein schwer nahbarer, ehrgeiziger Sturkopf, der seinem Weg alles unterordnet, aber selbst im Erfolg angenehm uneitel bleibt: "Ich bin glücklich", sagte er nach dem Aufstieg, "Die Menschen hier haben solange darauf gewartet. Ich bin seit 40 Jahren im Fußballgeschäft, dieser eine Titel hebt meine Erfolgsquote aber nicht wahnsinnig. Ich bin vor allem froh, es mit dieser Gruppe an Spielern geschafft zu haben. Der Aufstieg kam durch die fantastischen Fähigkeiten der Spieler."

Als er kürzlich in seinem Auto das Gelände verlässt, drückt er abrupt auf die Bremse, steigt aus und umarmt einen Fan im Rollstuhl. Auch das ist Bielsa. Und noch vieles mehr. (Andreas Hagenauer, 25.7.2020)