Neulich im Meer vor Antibes in Südfrankreich: Achtlos weggeschmissener Covid-19-Plastikschutz wird von einem Taucher eingesammelt.

AP

Die jüngste Zusatzbelastung zur Plastikmüllflut ist der Pandemie geschuldet: Wie Forscher kürzlich im Fachblatt "Environmental Science & Technology" hochrechneten, dürften während der Corona-Krise pro Monat nicht weniger als rund 129.000.000.000 (in Worten: hundertneunundzwanzig Milliarden) Masken allein in der Kunststoffversion verwendet werden. Dazu kommen monatlich 65 Milliarden Schutzhandschuhe aus Gummi.

Nicht wenige davon gelangen in die Umwelt. Und längst erst sind etwa Fotos von Seevögeln aufgetaucht, die sich in den Gummizügen des Mund-Nasen-Schutzes hoffnungslos verheddert haben. Wie viele der Masken und Gummihandschuhen bereits in den Mägen von Fischen, Schildkröten oder Delfinen gelandet sind, weiß niemand.

Mit oder ohne Corona-Plastikmüll: Die Menge an Kunststoff, die in den Meeren landet, ist kaum mehr in Worten oder Bildern zu fassen. Gigantische Plastikmüllteppiche treiben in den Ozeanen, und selbst noch Strände der entlegensten Inseln werden mit Kunststoffresten überschwemmt.

Eine tote Meeresschildkröte Anfang Juli an einem bislang unberührten Strand in Bangladesch: Umweltschützer berichten, dass zwanzig dieser Tiere getötet wurden, als Tonnen von Plastikmüll die Küste im Südosten des Landes heimsuchten.
Foto: AFP / Suzauddin RUBEL

Forscher schätzen, dass jährlich etwa acht Millionen Tonnen Makroplastik und zusätzlich 1,5 Millionen Tonnen primäres Mikroplastik allein in die Meere eingetragen werden. Was aber lässt sich dagegen tun? Welche Maßnahmen müssen ergriffen werden, um dieser Plastikmüllflut Herr zu werden? Oder ist nicht schon alles zu spät?

Große Anstrengungen tun not

Eine neue Studie im Fachblatt "Science", die am Donnerstag erschien, macht ein wenig Hoffnung: Ein internationales und interdisziplinäres Wissenschafterteam um Martin Stuchtey (Universität Innsbruck und Umweltberatung Systemiq) sowie Winnie Lau (Pew Cheritable Trust, eine Umwelt-NGO) kommt darin zum Schluss, dass bis 2040 die Plastikverschmutzung um bis zu 78 Prozent gesenkt werden könnte. Die Analyse zeigt zugleich aber auch, wie enorm diese Anstrengungen sein müssen, um dieses Ziel zu erreichen.

Die Forscher spielten für ihrer Untersuchung fünf Szenarien durch, um die Plastikmüllmenge bzw. deren Vermeidung zu quantifizieren:

  • Business-as-usual,
  • Einsammeln und Entsorgen,
  • Recycling,
  • Verringerung der Plastikmenge sowie
  • die gleichzeitige Anwendung all dieser Interventionen.

Das Ergebnis der Berechnungen für den Fall, dass wir so weitermachen wie bisher, in den Worten von Michael Stuchtey: "Das Business-as-Usual-Szenario zeigt einen Anstieg des Plastikeintrags ins Meer in den nächsten 20 Jahren von elf auf 29 Millionen Tonnen, sofern es keinerlei Eingriffe in die aktuelle Kunststoffpolitik, -wirtschaft, -infrastruktur oder -materialien gibt und sich weder die kulturellen Normen noch das Verhalten der Verbraucher ändern. Das würde fast 50 Kilogramm Kunststoff pro Meter Küstenlinie weltweit entsprechen."

Keine Patentlösungen

Der Bericht der Forscher zeigt zudem, dass selbst eine ambitionierte Umsetzung von Einzellösungsstrategien, wie in den Szenarien "Sammeln und Entsorgen", "Recycling" und "Reduzieren und Ersetzen" beschrieben, nicht in der Lage ist, den Plastikeintrag in die Meere unter das Niveau von 2016 abzusenken, ohne dabei an wesentliche technische, wirtschaftliche, soziale oder ökologische Grenzen zu stoßen. Mit anderen Worten: Es gibt keine Patentlösung, mit der allein das Problem behoben werden kann.

Vielmehr ist ein kompletter Systemwechsel notwendig. Würden alle denkbaren Eingriffe gemeinsam umgesetzt, ließe sich so die Menge des Plastikmülls, der in die Umwelt gelangt, um 78 Prozent im Vergleich zum Business-as-usual-Szenario verringern. Dies würde bedeuten, dass bis ins Jahr 2040 immer noch insgesamt 710 Millionen Tonnen Plastik in die Umwelt getragen werden. Mikroplastik macht zwar nur rund 20 Prozent von der Masse der aktuellen Einträge aus, doch auch dieses Problem wiegt schwer:

Grafik: SYSTEMIQ
Grafik: SYSTEMIQ

Für den Systemwechsel auch beim Makroplastikmüll sind also zahlreiche Maßnahmen nötig: die Reduzierung der Kunststoffproduktion und des Kunststoffverbrauchs, der Ersatz von Kunststoffen durch Alternativen wie Papier und kompostierbare Materialien, das Verändern des Designs von Produkten und Verpackungen für das Recycling, die Ausweitung der Abfallsammlung in Ländern mit mittlerem und niedrigem Einkommen, die Steigerung des Recyclings und die Verringerung der Exporte von Kunststoffabfällen.

Machen wir weiter wie bisher (Business-as-usual), sieht die Bilanz bis 2040 so aus:

Grafik: SYSTEMIQ

Bei einem radikalen Systemwandel würde sich die Situation eindeutig verbessern, und zwar nicht nur beim Müll:

Grafik: SYSTEMIQ

Der Systemwandel hätte mithin Vorteile, die weit über die Müllproduktion hinausgehen: Zusätzlich zur Verbesserung der Lebensbedingungen in den Meeren würde die Umsetzung des "Systemwandel-Szenarios" den Regierungen bis 2040 Einsparungen in Höhe von 70 Milliarden US-Dollar im Vergleich zum "Business-as-usual"-Szenario bringen. Die jährlichen Treibhausgasemissionen zur Herstellung von Kunststoffen würden zudem um 25 Prozent reduziert und 700.000 Arbeitsplätze neu geschaffen. (tasch, 24.7.2020)